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Kultur Weltweit Gewandhaus: Jaap van Zweden und David Fray mit Musik von Britten, Mozart und Beethoven
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13:56 26.10.2018
Jaap van Zweden dirigiert das Gewandhausorchester. Quelle: Gert Mothes
Leipzig

Die Beethoven-Trauben hängen hoch in Leipzig, seit die Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly und Herbert Blomstedt mit ihren jeweils letzten hiesigen Zyklen im Konzert und auf CD (Decca und Accentus) die Maßstäbe neu justiert haben. Kompromisslos auf Beethovens Tempo beschleunigt, beinahe brutal vor lauter Kraft, die ausschließlich aus dem Notentext kommt, beim Italiener, feiner, eleganter, weiser vielleicht noch beim Schweden. Welcher der beiden Sichten der Vorzug zu geben ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Gemeinsam jedenfalls markieren sie das derzeitige Niveau der Beethoven-Pflege des Gewandhausorchesters, das seinen ersten vollständigen Zyklus noch zu Lebzeiten des Komponisten spielte und diese Tradition seither nie abreißen ließ.

Es ist also nicht einfach nur ein Fünfte, die Jaap van Zweden, seines Zeichens frischgebackener Chef der New Yorker Philharmoniker, da in den Großen Concerten dieser Woche bei seinem selbstredend ausverkauften Gewandhaus-Debüt nach der Pause ansetzt. Jedenfalls sollte sie das nicht sein. Ist sie aber doch. Denn van Zweden kehrt mit dem Gewandhausorchester zurück in Mesozoikum der Aufführungspraxis und rührt so sorglos wie behäbig im adipösen Pathos der Väter.

Zu immer mehr ermuntert

Dabei fördert er durchaus Schönes zutage, bisweilen auch Unerhörtes, wunderbare Details in den Streichern, erhabene Solos und Register-Wonnen im Holz, aparte Phrasierungen. Aber da er das Orchester praktisch dauerhaft zu immer mehr ermuntert, sammelt sich erstens auch immer mehr Speck auf den Hüften, werden zweitens zunehmend die Konturen unscharf, ist es, drittens, auch mit der Präzision des Zusammenspiels alsbald nicht mehr allzu weit her. Um nicht falsch verstanden zu werden: Jaap van Zweden beherrscht selbstredend sein Dirigenten-Handwerk, und schlecht ist seine Fünfte beileibe nicht. Aber angesichts der Beethoven-Sternstunden eben erst vergangener Jahre schaut sie doch allzu harm- bis belanglos aus ihrem Plüsch-Leibchen hervor.

Auch in Mozarts c-moll-Klavierkonzert KV 491 setzt van Zweden auf philharmonische Üppigkeit. Doch dem orchestral fettesten aller Konzerte des Salzburgers bekommt diese Musizierhaltung überraschend gut. Die Holzbläser charmieren melancholisch um die Wette, Frank-Michael Erbens Streicher prunken mit den wunderbaren Gewandhaus-Farben, und die Hingabe, mit der der Gastdirigent die hauseigene Legato-Kultur pflegt, auf Klangschönheit setzt und auf sinnliche Logik, machen unbedingt Lust auf mehr. Allerdings wird der Orchesterpart dabei allzu leicht allzu üppig und laut – und fügt sich darum kaum noch zusammen mit David Frays Spiel am Steinway, das sich motorisch zwar eng verzahnt, aber dennoch nicht aufgeht im Orchester, sondern immer wieder unter. Wie schade das ist und wie gut der 37-jährige Franzose Klavier spielt, zeigt Ferruccio Busonis Bearbeitung von Bachs „Nun komm der Heiden Heiland“. Fünf Minuten vom Pianisten-Olymp, ernsthaft und warmherzig, gleichsam sinfonisch ausgeleuchtet und doch in jedem einzelnen Ton dem Gesang verpflichtet.

Suggestive Orchester-Kunst

Ist der pianistische Gipfel des Abends diese Zugabe, steht der orchestrale gleich am Beginn: Benjamin Brittens Sinfonia da Requiem – der tönende Kommentar eines Mittzwanzigers zu einer Welt aus den Fugen. 1940 komponiert schreit und würgt und weint der knappe Dreisätzer seinen Schmerz heraus und präsentiert bereits die ganze Palette von Brittens suggestiver Orchester-Kunst. Für die spielt neben der bis zum Bersten gedehnten, aber nie überwundenen Tonalität die tonsetzerische Ökonomie eine wichtige Rolle. Und darum ist die Sinfonia da Requiem bestens geeignet, ein Programm zu beginnen, das mit Beethovens diesbezüglich noch immer einzigartiger Fünften endet.

Sie bricht auf als Trauermarsch, steigert sich in schmerzvolle Hysterie und endet resigniert in einem ganz auf sich selbst bezogenen Andante – das viele Dirigenten ins Adagio dehnen. Van Zweden tut dies nicht. Überhaupt hat er es nicht nötig, dieser so kraftvollen Musik noch Effekte aufzupfropfen. Er vertraut neben seinem klaren, präzisen und inspirierenden Schlag und den Herbstfarben des Gewandhausorchesters ganz auf die Partitur. Und liefert mit diesen schwer aufs Gemüt sich legenden 20 Minuten bereits genug Gründe, ihn alsbald wieder ans Gewandhauspult zu laden.

MDR Kultur sendet den Mitschnitt des Konzerts am 2. November, ab 20.05 Uhr.

Von Peter Korfmacher

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