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Kultur Weltweit Grigory Sokolov spielt Beethoven, Schubert und sechs Zugaben
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16:51 05.11.2018
Grigory Sokolov im Gewandhaus. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Das halbe Dutzend wird am Ende doch noch voll. Sechs Zugaben, das ist bei Sokolov eher die Regel als die Ausnahme. Konzertabende mit der russischen Pianistenlegende, das weiß jeder, der einmal dabei war, gehen in die Verlängerung. Die wiederum, auch das ist bekannt wie gefürchtet, kann je nach Sokolovs Tagesform schon mal zur dritten Konzerthälfte anwachsen. Und so bietet sich am Ende das gewohnte Bild: Hier die Saalflüchtigen, die es auf dem Weg zur Garderobe plötzlich besonders eilig haben. Dort die Nimmersatten, die mit heftigen Akklamationen ihren Star zu weiteren Zusatznummern überreden wollen. Und auf der Bühne Grigory Sokolov, der weder Held, noch Star noch Virtuose sein will. Bis zur Klavierliteratur der Jahrhundertwende arbeitet er sich im Zugabenblock vor. Nach einer halben Stunde ist bei Debussys „Des pas sur la neige“ Endstation – am pianistischen Gegenpol zu Beethovens früher C-Dur-Klaviersonate op. 2 Nr. 3, mit der Sokolov in den Abend startet und vom Punkt weg überzeugt.

Unangenehmer Sonaten-Hybrid

Er kommt, sieht – und siegt bei den heiklen Terzentrillern am Beginn des Kopfsatzes. Tonika, Dominante – Dominate, Tonika. Einfacher geht es nicht. Eleganter und erlesener, federnder und duftender, als Sokolov diese harmonische Allerweltswendung zum Klingen bringt, auch nicht. Dabei gibt es nicht wenige Pianisten, die an diesem Prüfstein ins Straucheln geraten. Gern wird hier getrickst, indem man die fiesen Terzen auf beide Hände verteilt. Das führt aber am Kern der Sache vorbei. Beethoven wollte es der klavierspielenden Zunft nicht zu leicht machen. Seine Sonaten-Hybrid, das Solostück und Klavierkonzert in einem sein will, packte er deswegen randvoll mit widerborstigen Arpeggien, kraftmeierischen Oktavtremoli und spröden Tonleiterausschnitten.

Liegt alles unangenehm und verlangt vom Interpreten viel gestalterische Intelligenz. Über die verfügt Sokolov im Übermaß. Wie er Diskantlinien aufblitzen lässt, Bassläufe abschattiert oder Mittelstimmen vernetzt: Jedes Detail in Beethovens vielschichtigem Tonsatz findet Beachtung, worüber der Blick fürs große Ganze aber nicht verloren geht. Der Moll-Mittelteil des Adagios, bei Sokolov ein erhabener Duett-Gesang über den Wassern, gewinnt tragische Züge, wenn die Bassoktaven mit Brachialgewalt in die idyllische Szene einbrechen. Wenn dann die naive Anfangsmelodie wiederkehrt, klingt sie anders. Weniger sorglos, unbekümmert, nicht mehr unschuldig. Auch das beherrscht Sokolov wie kaum ein Pianist unserer Zeit: große Dramen in Tönen zu erzählen.

Tempo auf der sicheren Seite

Dafür bedarf es natürlich ausreichender Zeit. Und die nimmt Sokolov sich. Was zur Folge hat, dass er bei der Tempo-Wahl auf der sicheren Seite bleibt. Der Sextakkordleitern des Finales, von Sokolov mit der Präzision eines Kupferstechers ausgearbeitet, fehlt der Aberwitz, im Scherzo wird zwar jede imitatorische Verschränkung plastisch hörbar, doch die Schlusspointe zündet nicht.

Was in der Gesamtschau aber zu vernachlässigen ist. Die meisten Pianisten machen einen großen Bogen um Beethovens frühes Sonatenschaffen, weil es undankbar zu spielen ist und die interpretatorischen Anstrengungen unbefriedigende Ergebnisse zeitigen. Im Konzert sind diese Stücke eigentlich nur bei zyklischen Aufführungen zu hören. Sokolov hingegen hat ein Faible für den frühen Beethoven. Er zeigt ihn als Januskopf, mit Blick zurück zu Mozart und vor allem Haydn, lässt er ihn gleichzeitig aufs verrätselte Spätwerk des Bonner Meisters schauen.

Der Himmel scheint weit offen zu stehen

Den Zwischenapplaus nimmt er deswegen griesgrämig im Sitzen entgegen. Es zieht ihn weiter zu Beethovens Bagatellen op. 119. Über diese elf Miniaturen wurde weiß Gott viel nachgedacht und viel Kluges geschrieben. Adorno sah in den musikalischen Splittern existenzielle Fragen verhandelt, was charakteristisch sei für den Beethovenschen Spätstil. Es gab Zeiten, da getrauten sich Pianisten nicht eine Taste zu drücken, ohne zuvor ihren Adorno gelesen zu haben.

Inwiefern das auf Grigory Sokolov zutrifft, sei dahingestellt. In Andachtsstarre verfällt er jedenfalls nicht, die Nebelschwaden des Mythos Beethoven lässt er unbeeindruckt an sich vorbeiziehen. Bei ihm hat die Viertelstunde Musik tänzerischen Charme, rhythmische Kokettierie, aber auch lakonischen Humor. Und wenn Sokolov trillert, wie in der siebten Bagatelle, scheint der Himmel weit offen zu stehen.

Das tut er ohnehin, wenn Schubert erklingt. Die vier späten Impromptus D 935 werden zum Fest des Farbenspiels. Doch Sokolov weiß natürlich, dass es allein damit nicht getan ist. Die himmlischen Längen benötigen Binnenzäsuren, klare Konturen und zwingende Strukturen, wenn sie nicht in einzelne Formteile zerfallen sollen. Zum so beredten Erzählen aus Hälfte eins findet Sokolov allerdings nicht mehr ganz so überzeugend zurück. Zwar beeindruckt, wie das dritte Impromptu ermattet im Piano versinkt. Aber gerade dessen Moll-Variation klingt im Gegensatz zur Moll-Episode bei Beethoven mehr nach Melodram. Das passiert, wenn Sokolov die erzählerischen Kräfte schwinden, mit denen er seine Hörer sonst von der ersten Note an packt. Es klingt weiterhin wunderschön, aber es ist eine Schönheit, an der man sich auch satthören kann.

Umso seltsamer, warum Sokolov es nicht bei einer Zugabe, Schuberts As-Dur-Impromptu aus D 899, bewenden lässt. Ohne wirklichen Schwung begibt er sich danach auf die Ausrollbahn und lässt noch einmal Schubert, zweimal Rameau, Skrjabin und zuletzt Debussy folgen.

Von Werner Kopfmüller

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