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Kultur Weltweit Verlag Hentrich & Hentrich zieht von Berlin nach Leipzig
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12:49 06.11.2018
Verlegerin Nora Pester. Quelle: André Kempner
Leipzig,

Nora Pester, 1977 in Leipzig geboren, ist eine unternehmungslustige Frau. Sonst würde sie nicht den Verlag Hentrich & Hentrich besitzen und jüngst mit ihm ins Leipziger Haus des Buches eingezogen sein. Zuvor war Berlin der Sitz des kleinen Unternehmens, das sich der jüdischen Kultur und dem damit verbundenen Zeitgeschehen widmet. 1982 hatte der Berliner Drucker und Verleger Gerhard Hentrich den Verlag gegründet und über die Jahre zahlreiche nachhaltige Publikationen gegen das Vergessen und Verdrängen herausgebracht. Als Hentrich 2009 starb, erwarb Nora Pester, zuvor in Diensten von Matthes & Seitz, zu 100 Prozent den Verlag und betreibt ihn seither erfolgreich. Pro Jahr erscheinen bis zu 50 neue Bücher.

Nun also Leipzig. Pester nennt für die Rückkehr in ihre Geburtsstadt vor allem wirtschaftliche Gründe: „Wie viele Firmen und Privatpersonen konnten wir unser Mietverhältnis in der Berliner Wilhelmstraße nicht fortsetzen. Die Mietsteigerung um 150 Prozent überstieg bei weitem unsere finanziellen Möglichkeiten. Also entschlossen wir uns, nicht ins Berliner Niemandsland an die Peripherie, sondern nach Leipzig ins Haus des Buches zu ziehen.“ Nach wenigen Wochen im neuen Domizil spricht die Verlegerin von einem „erfolgreichen Neustart“, der neun Jahre nach der Neugründung erfolgt ist. In dieser Zeit wurden fast 400 Buchprojekte entwickelt.

Noch immer drängende Fragen

Die Arbeit des kleinen Teams von nur zweieinhalb Festangestellten geht weiter, am 28. November will man sich im Ariowitsch-Haus offiziell in Leipzig „anmelden“. Dann stellt Pester ihren Herbst-Spitzentitel vor, Julius H. Schöps‘ „Düstere Vorahnungen – Deutschlands Juden am Vorabend der Katastrophe“. Der Star-Autor des Verlags wird anwesend sein und auf noch immer drängende Fragen antworten: Wie konnte es zum Holocaust kommen? Wie haben die Juden die Ereignisse vor und nach der sogenannten Machtergreifung durch Hitler und die Nationalsozialisten wahrgenommen? Wurde der organisierte Massenmord bereits in den Anfängen der Hitler-Diktatur vorgedacht?

Verlegerin Pester ist zufrieden, sich gerade mit einem so wichtigen Buch ihren Verlag in Leipzig vorstellen zu können. Denn hier, sagt sie, fühlt sie sich angekommen. Nicht nur, weil in Leipzig ihre Eltern leben. Hier ging sie zur Schule, hier arbeitete sie beim Forum Verlag, hier studierte sie an der Universität Hispanistik, Politik- und Volkswirtschaft. In Leipzig promovierte sie auch 2004 zum Thema „Soziale Grundrechte in der EU“. Nach Wien, wo sie für den Passagen Verlag tätig war, entdeckte sie Berlin – und nun wieder Leipzig.

Bildungsarbeit

Pester sagt, sie sei wie die Jungfrau zum Kind zum Verlagswesen gekommen. Auch ist sie „kein Belletristik-Typ“, sondern viel mehr dem Sachbuch zugetan. Das Verlagsprogramm ist bewusst nicht wissenschaftlich, sondern populär, „wir machen Bildungsarbeit und wollen mit unseren Publikationen breit aufgestellt sein“. Bewährte Reihen wie die „Jüdischen Miniaturen“ (gerade erschien „Felix Mendelssohn – Der (un)vollendete Tonkünstler“) werden fortgesetzt, nach neuen Themen wird gesucht. So verweist das Cover der Herbst-Vorschau auf den frischen Wind bei Hentrich & Hentrich. Ein junge Israelin mit Regenbogenfahne ist zu sehen. Das Buch dazu heißt „Queer in Israel“ und beschäftigt sich mit modernen und nicht konfliktlosen Lebensformen in der heutigen israelischen Gesellschaft.

Internationalität des Verlagsprogramms ist für Nora Pester wichtig. Man pflegt Partnerschaften mit jüdischen Museen in Europa oder zur Casa Stefan Zweig in Petropolis, Brasilien. Hier lebte der Autor im Exil, bevor er sich mit seiner Partnerin das Leben nahm. „Ein jüdischer Verlag ist per se kosmopolitisch“, sagt die Verlegerin. Was für sie aber nicht heißt, die heimischen Wurzeln zu missachten: „Leipzig war nicht nur die deutsche Buch- und Messestadt. Kultur und Geschichte sind hier nicht denkbar ohne die jüdischen Verleger, Künstler, Wissenschaftler, Händler und Industriellen. Wir wollen auch darüber mit der Israelitischen Religionsgemeinde und mit der Ephraim Carlebach Stiftung ins Gespräch kommen.“

Berlin wurde vom Verlag vor allem aus existenziellen Gründen verlassen. Jetzt in Leipzig, Sachsen, zu sein, bedeutet für die Verlegerin aber doch mehr als nur der Fakt einer wirtschaftlich gesicherten Zukunft. Getreu ihrem Motto „Wer, wenn nicht du? Wann, wenn nicht jetzt?“ sagt sie: „Es ist genau der richtige Zeitpunkt, um als jüdischer Verlag in Sachsen historisch und politisch Position zu beziehen.“

www.hentrichhentrich.de

Von Thomas Mayer

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