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Kultur Weltweit Western mit Happy End: Puccinis „Mädchen aus dem Goldenen Westen an der Oper Leipzig
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14:19 26.09.2018
Der Regisseur und seine Hauptdarstellerin: Cusch Jung mit Meagan Miller in der Oper in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Natürlich“, sagt Cusch Jung, im Hauptberuf Chef-Regisseur der Leipziger Musikalischen Komödie, im Brustton fester Überzeugung, „habe ich keine Western-Oper inszeniert. Karierte Hemden und Cowboy-Hüte, Pferde und Pistolengürtel – derlei Folklore kann ich auf der Opernbühne kaum ernstnehmen.“ Aber natürlich hat er es dennoch getan. Denn natürlich ist Puccinis „Mädchen aus dem Goldenen Westen“ eine Western-Oper, ein Musiktheater, das das Genre vorgeprägt hat, bevor das Kino überhaupt eine Rolle spielte, musikalisch, dramaturgisch ästhetisch.

„La fanciulla des West“ in Leipzig: Cusch Jung inszeniert Puccinis Wildwest-Oper ohne Cowboy-Folklore.

Meagan Miller, die in Leipzig ab Samstag ihre vierte Minnie verkörpert, die Titelpartie von „La fanciulla del West“, versteht als US-Amerikanerin die Berührungsängste nicht recht, die man in der europäischen Hochkultur gegenüber dem Western hat: „Das ist mehr als Kitsch, mehr als Märchen. Der Western ist ein fabelhaftes Genre, um menschliche Leidenschaften zu verhandeln: Sehnsüchte, Einsamkeit, all das. Natürlich spielt das Klischee hier eine große Rolle. Aber was wäre Oper ohne Klischees? Was wären dann ,Aida’ und ,Zauberflöte’,,Butterfly’ oder ,Carmen’?“

Es geht um Sehnsucht

Das bringt auch Jung zum Einlenken: „Wenn es um das Wesentliche geht, nicht um die Optik, dann wird die Leipziger ,Fanciulla’ natürlich eine Westernoper. Denn wie in jedem richtigen Western geht es hier um Sehnsüchte, um Sehnsucht nach Gold und Reichtum, Liebe und Freundschaft, Heimat und Zuhause, Freiheit und Geborgenheit – alles unerfüllt, alles Zeichen für die endlose Suche des Menschen, der nie zufrieden ist, mit dem, was und wo er ist und was er hat.“

Die vom Hausherrn Ulf Schirmer dirigierte Leipziger „Fanciulla“ wird Cusch Jungs Opern-Debüt. Nicht nur am großen Haus, sondern überhaupt: „Ich habe an der Musikalischen Komödie Lortzings ,Casanova’ inszeniert. Aber das ist eine Spieloper mit vielen Dialogen.“ Zum durchkomponierten Puccini kam er wie die Jungfrau zum Kind: „Vor zwei Jahren rief unser Intendant mich zu sich und sagte, ,Herr Jung, wir machen „La fanciulla des West“, und ich bin mir sicher, dass Sie dafür der richtige Regisseur sind.’ Ich konnte damals nicht viel mehr darauf antworten als: ,Wenn Sie das sagen ...’. Denn, um ehrlich zu sein: Ich kannte das Stück gar nicht. Aber mit der Beschäftigung wuchs schnell auch die Begeisterung. Und zusammen mit der Ausstatterin Karin Fritz, mit der ich schon seit vielen Jahren zusammenarbeite, haben wir, glaube ich, eine gute Lösung gefunden, diese Geschichte zu erzählen.“

Das meint Jung wörtlich. Denn „die Geschichte“ steht für ihn im Zentrum seiner Arbeit: „Das Publikum muss ohne große Vorleistung begreifen, was da auf der Bühne passiert um Minnie, den Sheriff Rance, die rauen Goldsucher-Gesellen und den Banditen Johnson. Auch ohne jedes Wort zu verstehen oder ständig auf die Übertitelung zu starren, muss die Szene für sich sprechen. Das sehe ich als eine meiner wichtigsten Aufgaben als Regisseur.“ Und dass er die beherrscht, hat er an der MuKo hinlänglich bewiesen mit bildgewaltigen und psychologisch fein ausbalancierten Publikums-Rennern wie „Jekyll & Hyde“, „Der Graf von Monte Christo“, „Dracula“, zuletzt „Doktor Schiwago“ oder subtilen Kammerspielen wie „LoveMusik“.

Sie hätten ihn wirklich gelyncht

Meagan Miller dagegen ist längst vertraut mit Minnie, dieser Sopran-Partie, die so lang ist wie zwei Toscas und so anspruchsvoll wie eine Brünnhilde. Und doch hat sie sie in Leipzig neu entdeckt: „Cusch hat sie mir in vielerlei Hinsicht neu vorgestellt, und mit seiner Sicht auf das Happy End der Oper hat er eine ganz neue, psychologisch sehr plausible Lösung gefunden.“ Jung: „Ich habe gar nicht danach suchen müssen, ich fand es zwingend: Minnie versteht am Schluss, dass die Goldgräber, mit denen sie so lange zusammenlebte, denen sie vertrauen zu können glaubte, Johnson, den sie liebt, wirklich gelyncht hätten, wäre sie nicht dazwischengetreten. Und diese Erkenntnis mischt dem Happy End, dem ,Goodbye California’ melancholische bis desillusionierte Untertöne bei: Was auch immer Minnie in ihrem bisherigen Leben gesucht hat – sie hat es nicht gefunden.“

Die von Arturo Toscanini dirigierte Uraufführung von „La fanciulla del West“ am 10. Dezember 1910 an der Metropolitan Opera in New York mit den Superstars Emmy Destinn und Enrico Caruso in den Hauptpartien war der weitaus glanzvollste Triumph im Komponistenleben Giacomo Puccinis. Doch zumindest hierzulande blieben die Aufführungszahlen bisher hinter „La Bohème“, „Tosca“, „Butterfly“, auch „Manon Lescaut“ und „Turandot“ zurück. Die Frage nach den Gründen ist nicht leicht zu beantworten. Denn die an Debussy geschulte, leitmotivisch dicht durchgearbeitete Musik, bei der sich eine Generation später die Filmmusik-Komponisten gern bedienten, gehört zum Besten, was Puccini schrieb.

Und doch ist sie anders. Miller: „Anders als in allen anderen Opern Puccinis spielt in ,Fanciulla’ das Orchester die schönsten Melodien.“ Folglich gibt es zwar grandiose psychologische Musik, sensationelle tönende Naturschilderungen, Schönheit allüberall – aber abgesehen vom Tenor-Aphorismus „Ch’ella mi creda“ keine Hits wie „Che gelida manina“ oder „Vissi d’arte“ oder „Nessun dorma“. Dazu steht der Regisseur mit seinen sehr europäischen Vorbehalten gegenüber dem Western an und für sich nicht allein. Und vielleicht ist es auch ganz banal. Cusch Jung: „Der Titel ist ein Problem: ,La fanciulla del West’ versteht kein Mensch, und ,Das Mädchen aus dem Goldenen Westen’ klingt bestenfalls unsexy.“

„La fanciulla del West“ an der Oper Leipzig: Premiere 29. September, 19 Uhr, Vorstellungen: 3., 6., 28. Oktober; 10., 24. November, 2. Dezember; Karten (15–78 Euro) erhalten Sie u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Ticket Hotline 0800 2181050 unter www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse sowie unter Tel. 0341 1261261.

Von Peter Korfmacher

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