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17:00 26.10.2018
Die Zeit lauert überall: Äußere Uhren herrschen über die innere Uhr. Das ist nicht immer schön. Quelle: Maja Hitij/dpa
Leipzig

„Uhrenvergleich!“ So hieß das mal, wenn man sich verabreden wollte. 18 Uhr an der Weltzeituhr, zum Beispiel. Zu spät zu kommen gehört zu den Uhrängsten der Deutschen. Wenn Sonntagfrüh Uhrenvergleich angesagt ist, dann allerdings, um zu kontrollieren, ob Mikrowellen-Timer, Armbanduhr und Omas Regulator die gleiche Stunde anzeigen. Manch einer schaut sogar auf den Kurzzeitwecker.

Bevor in dieser Nacht an der Uhr gedreht wird, fragen die einen: Vor oder zurück? Und die anderen: Was soll der Quatsch? Man hört es nicht nur von Leuten, die Euro noch in D-Mark umrechnen. Zeitumstellung wird der Vorgang genannt, der eigentlich eine Lichtumstellung sein soll und den EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker abschaffen will. Vielleicht schon bald, vielleicht erst später. Der Termin spielt gar keine Rolle mehr, das Versprechen zählt. Denn eine andere Uhrangst ist, immer wieder eine Stunde Lebenszeit zu verlieren. Es gibt sie zwar zurück, doch wer weiß, in welchem Zustand?

An einer Online-Befragung der EU-Bürger haben hauptsächlich Deutsche teilgenommen, und die votierten überwiegend gegen das Hin und Her im März und im Oktober. Wenn’s ums Ausschlafen geht, können die Deutschen putzmunter sein.

Jetzt also wird zurückgestellt. Zurück auf normal ließe sich sagen, wäre nicht auch diese MEZ einfach mal festgelegt worden. 1893, um genau zu sein. Die Sommerzeit kam später ins Spiel, um mehr Tageslicht nutzen zu können für Dinge, die bei Tageslicht zu erledigen sind: Waren dies zunächst Feldarbeit klassisch und Feldarbeit kriegerisch, fallen inzwischen auch Notwendigkeiten wie Baden, Grillen oder Stadtfestbesuche in diese Kategorie. Wer möchte nicht so lange wie möglich bei Tageslicht auf der Hollywoodschaukel sitzen. Mehr Nutzen kann derzeit nicht nachgewiesen werden.

Gefangen in Sieben-Tage-Schleifen

Der moderne Bürger strukturiert seinen Tag durch eine Einteilung in Arbeitszeit, Essenszeit und Auszeit. Auch Menschen die keiner Arbeit nachgehen. Darum hat das Wochenende noch immer und für alle eine andere Bedeutung als die Wochentage, von denen wiederum jedem sein eigenes Image zugeordnet wird. Als machte es von der Zeit her einen Unterschied. Auf 24 Stunden kommen aber alle, beurteilt wird vielmehr nach der Restzeit zum Wochenende. Auf Jammer-Montag (Wochenende vorbei) folgt Farblos-Dienstag (nichts Halbes/nichts Ganzes). Dann ist schon Hoffnungs-Mittwoch (Bergfest), gefolgt von Fast-Freitag und Endlich-Freitag, bevor der Party-Samstag in den Sonntag übergeht, der dann gar nicht so schön ist, wie erhofft, weil er an den Montag erinnert.

Ein Leben in Sieben-Tage-Schleifen. Was macht da eine Stunde mehr oder weniger? Warum die Aufregung um die Sommerzeit oder Winterzeit und vor allem den Wechsel zwischen beiden? Weil nicht nur Gemüse Bio ist, sondern auch der Mensch. So ein Biorhythmus ist zum einen regional verwurzelt (vgl. Sachsen-Anhalt, Frühaufsteher) und kam lange ohne Zusatzstoffe aus. Aber nie ohne Licht. Das klingt unproblematisch in einer Zeit, in der Menschen sich selbst aus dem Takt bringen durch Intervallfasten. Lichtmangel gleichen sie aus durch Vitamin D3. Oder Solarien – je nach Sozialisation.

Einen Eingriff ins Wohlbefinden aber bedeutet es doch, von einer Nacht auf die andere eine Stunde früher oder später aufzustehen und die gleichen Erwartungen zu erfüllen wie eben noch eine Stunde später oder früher. Das fällt nicht jedem leicht, ganz gleich, ob Mensch, Kind, Hamster, Reh oder Nutzvieh. Die das leugnen, halten Tageslichtlampen für ein Naturprodukt, das im Regenwald wächst.

Im Zeitfenster brennt Licht

Vor einem Jahr ging der Nobelpreis für Medizin und Physiologie an drei US-Wissenschaftler, die – vereinfacht gesagt – die innere Uhr bewiesen haben und dass sie mit dem Tag-Nacht-Rhythmus der Erde übereinstimmt. „Die Erkenntnisse können ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig gute Schlafmuster sind“, jubilierte die Nobelpreis-Jury. Und mit Schlafmuster ist nicht der morgendliche Kopfkissenabdruck auf der Wange gemeint.

Seitdem jedenfalls wird Biorhythmus auch außerhalb esoterischer Kreise anerkannt. Und endlich darf es allen auf den Zeiger gehen, dass irgendwer da oben über Licht und Dunkel entscheidet. Wobei mit denen da oben eben nicht Sonne und Mond gemeint sind, geschweige denn ihr Chef, sondern die da in Berlin oder jene da in Brüssel. Mit dem richtigen Zeitpunkt haben es langgediente Funktionäre ohnehin nicht so, wie man am Rücktritts-Timing Horst Seehofers ablesen kann.

Wie konnten die ehemaligen Volksparteien nur die Zeitzeichen überhören und sich dieses Wahlkampfthema entgehen lassen? Zumal gegen eine Partei, die die Zeit gern zurückdrehen würde – am liebsten um ein Jahrhundert. „So wenig Zeitumstellung wie noch nie“, hätte in Hessen auf Plakaten stehen können. Zu spät.

Ruft heute jemand „Uhrenvergleich!“, wird der Arm mit der Apple-Watch neben den mit der Rolex gehalten. Zumindest unter Leuten, die Wörter wie „Zeitmanagement“ und „Zeitfenster“ in Umlauf gebracht haben. Da geht es gar nicht um Sommer- oder Winterzeit, um länger Licht am Abend oder früher Licht am Morgen, um eine schmerzlich vermisste oder freudig begrüßte Stunde. Andererseits hat der Wettlauf mit der Zeit der Menschheit viel gebracht, erinnert sei an Sekundenkleber, Fünf-Minuten-Terrine und Stundenhotel.

So schnell, wie EU-Zeitchef Juncker es versprochen hat, kann es gar nicht gehen, mit der Umstellung der Umstellung. Wer sich darüber am Sonntag eine Stunde lang ärgert, hat sie schon überstanden.

Von Janina Fleischer

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