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Kultur Weltweit Unwort des Jahres 2018: „Anti-Abschiebe-Industrie“
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12:15 15.01.2019
„Anti-Abschiebe-Industrie“: Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt hatte den Begriff in einem Interview im Mai genutzt. Quelle: Matthias Balk/dpa
Darmstadt

Das „Unwort des Jahres 2018“ ist „Anti-Abschiebe-Industrie“. Das gab die Sprecherin einer unabhängigen und sprachkritischen Jury, die Linguistik-Professorin Nina Janich, am Dienstag in Darmstadt bekannt. Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt hatte den Begriff in einem Interview im Mai genutzt. Der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag hatte Klagen gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber als Sabotage des Rechtsstaats bezeichnet und von einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ gesprochen.

Janich sagte, eine solche Äußerung von einem wichtigen Politiker einer Regierungspartei zeige, „wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie auf bedenkliche Weise verändern.“

508 verschiedene Begriffe waren als Vorschläge für das Unwort des Jahres eingegangen. Nur etwa 60 davon entsprachen aber überhaupt den Kriterien der sprachkritischen Aktion, wie Janich sagte. Knapp 15 Wörter habe die Jury in die engere Wahl einbezogen.

Sprachwissenschaftler haben am Dienstag das Unwort des Jahres bekannt gegeben: „Anti-Abschiebe-Industrie“. Im Mai hatte es eine Diskussion um die Aussage von CSU-Politiker Alexander Dobrindt gegeben. Sehen Sie hier, welche Politiker oder welche Ereignisse sich für die Unwörter der letzten Jahre verantwortlich zeichnen.

Welche Begriffe wurden noch eingereicht?

Von „Grenzöffnung“, über „Flüchtlingsindustrie“ bis zu „Asyltourismus“ – unter den eingereichten Vorschlägen zum „Unwort des Jahres“ 2018 stachen Begriffe, die im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik stehen, wieder besonders hervor.

Doch auch andere Begriffe wurden im vergangenen Jahr eingereicht. Da war die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die Anfang 2018 bei zahlreichen Betrieben und Behörden für jede Menge Arbeit und Papierkram gesorgt hat. Ebenfalls Chancen auf das „Unwort des Jahres“ 2018 hatten unter anderem die Begriffe:

• „Abschiebeverhinderungsindustrie“

• „sicherheitsgefährdende Schutzsuchende“

• „Flüchtlingsindustrie“

• „Denkmal der Schande“

• „Blutaustausch“

• „Feminismus-Flausen“

• „Grenzöffnung“

• „Ökoterrorist“

• „Klima-Nazi“

• „Deutungshoheit“

• „linksgrünversifft“

• „Gesinnungsterror“

• „Klageindustrie“

• „Hypermoralist“

• „Vogelschiss“

• „DSGVO“

• „Asyltourismus

Unwort des Jahres 2018

Die Einsendung der Vorschläge für das „Unwort des Jahres“ 2018 lief bis zum Jahresende. Zu den Top-Favoriten zählten der Ausdruck Asyltourismus, welcher auf den CSU-Politiker Markus Söder zurückgeht. Vielfach eingereicht wurde auch das Akronym „DSGVO“.

Wie wird das Unwort des Jahres bestimmt?

Die Bestimmung zum Unwort des Jahres erfolgt nach klaren Grundsätzen. Das „Unwort des Jahres“ soll auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam machen und den sprachkritischen Blick der Bevölkerung auf Wörter, „die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“, sensibilisieren.

Auch wenn zum Beispiel die Einführung der „DSGVO“ eine regelrechte Panikwelle bei Unternehmen in Deutschland auslöste, entscheidend für die Wahl eines Vorschlags ist nicht die Anzahl an Einsendungen. Stattdessen wird ein Begriff zum „Unwort des Jahres“ ernannt, wenn er gegen das Prinzip der Menschenwürde oder der Demokratie verstößt, wenn er einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminiert oder euphemistisch, verschleiernd oder irreführend ist.

Doch wer steckt eigentlich hinter dem „Unwort des Jahres“?

Wer bestimmt das Unwort des Jahres?

Die Entscheidung über das „Unwort des Jahres“ trifft die sogenannte „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“. Die Aktion wurde 1991 ins Leben gerufen.

Bis 1994 wurde das Unwort des Jahres noch innerhalb der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Jedoch machte sich die Jury als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ nach einem Konflikt mit dem Vorstand der GfdS selbstständig.

Die Jury besteht aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten. In diesem Jahr wird die Jury darüber hinaus um den Autoren und Kabarettisten Jess Jochimsen ergänzt.

Laut eigener Angaben arbeitet sie Jury institutionell unabhängig und ehrenamtlich. Der offiziellen Website ist zu entnehmen, dass bis Oktober 2018 bereits knapp 500 Einsendungen mit nahezu 300 unterschiedlichen Vorschlägen eingegangen sind.

Wort des Jahres 2018

Das Wort des Jahres 2018 ist schon jetzt bekannt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gab dieses bereits im vergangenen Jahr bekannt: Es lautet: „Heißzeit“.

Der Begriff setzt sich aus den beiden Wörtern Heiß und Eiszeit zusammen. An die Hitzewelle im Jahr 2018 können sich die meisten wohl noch gut erinnern.

Der Begriff soll allerdings auch auf die gravierenden globalen Folgen des Klimawandels aufmerksam machen.

Was waren die Unwörter der letzten Jahre?

Ein Blick auf die jüngere Geschichte der Unwörter des Jahres verrät, dass diskriminierende, völkische und rassistisch motivierte Begriffe, wie sie aktuell zur Flüchtlingsdebatte vermehrt zu hören sind, in ihrer Häufigkeit zunehmen.

2017 - alternative Fakten

2016 - Volksverräter

2015 - Gutmensch

2014 - Lügenpresse

2013 - Sozialtourismus

2012 - Opfer-Abo

2011 - Döner-Morde

2010 - alternativlos

2009 - betriebsratsverseucht

2008 - notleidende Banken

2007 - Herdprämie

2006 - freiwillige Ausreise

2005 - Entlassungsproduktivität

2004 - Humankapital

2003 - Tätervolk

2002 - Ich-AG

2001 - Gotteskrieger

2000 - national befreite Zone

1999 - Kollateralschaden

1998 - sozialverträgliches Frühableben

1997 - Wohlstandsmüll

1996 - Rentnerschwemme

1995 - Diätanpassung

1994 - Peanuts

1993 - Überfremdung

1992 - ethnische Säuberung

1991 - ausländerfrei

Unwort des Jahres 2017: Alternative Fakten

Der Pressemitteilung der Aktion ist zu entnehmen, dass die Wahl im Jahre 2017 auf den Begriff „alternative Fakten“ gefallen ist. Mit der Wahl dieses Begriffs schließe man sich den kritischen Stimmen in Deutschland an, die durch den Gebrauch warnend auf Tendenzen in der öffentlichen Kommunikation hinweisen. „‚Alternative Fakten‘ steht für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen, die dann mit einer Bezeichnung ‚alternative Fakten‘ als legitim gekennzeichnet werden.”

Ich möchte die gesamte Pressemitteilung zur Wahl des 27. „Unworts des Jahres“ aus 2017 herunterladen und lesen.

Weiterhin als Unwörter kritisierte Begriffe nennt die Sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ die Wortkombination „Shuttle-Service“ und „Genderwahn“.

Der Begriff Shuttle-Service stand 2017 geht auf die Äußerung von Politiker Stephan Mayer zurück. Der CDU/CSU-Bundesfraktionssprecher zielte damit auf die Seenotrettungseinsätze ab, die versuchten Menschen zu retten, die über das Mittelmeer nach Europa zu flüchten versuchten.

Der Ausdruck „Genderwahn“ sei von konservativen bis rechtspopulistischen Kreisen verwendet worden, um die Bemühungen zur Geschlechtergerechtigkeit in undifferenzierter Weise politisch zu verleumden.

Von RND/Timo Röske/dpa

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