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Kultur Weltweit Was können uns Bilder sagen, Rotraut Susanne Berner?
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22:02 24.08.2018
Künstlerin, Illustratorin, Herausgeberin: Rotraut Susanne Berner kam durch Zufall zum Kinderbuch Quelle: Verlag

Frau Berner, Millionen Kinder wachsen mit den Figuren aus Ihren Wimmelbüchern auf. Sie sind in der Nachkriegszeit groß geworden. Welchen Zugang hatten Sie zu Büchern?

Als ich klein war, habe ich mich mit der illustrierten Bibel meiner Großmutter beschäftigt. Das waren die ersten eindrücklichen Bilderlebnisse, die ich hatte. Das Buch war in Schwarz-Weiß gehalten, wahrscheinlich mit Bildern von Gustave Doré. Die Illustrationen darin waren gruselig und für mich zum Teil völlig unverständlich. Im Nachhinein habe ich daraus jedoch gelernt, dass es nicht wichtig ist, dass Kinder Bilder sehen, die sie ganz und gar verstehen. Im Gegenteil: Das Geheimnis, das Unerschlossene sind für sie etwas ganz Tolles. Diese Erkenntnis ist mir als Zeichnerin geblieben: Sehr glatte und durchgängige Bilder werden irgendwann langweilig.

Kommen Ihre Wimmelbücher daher auch ohne Text aus?

Nein, das ist nicht der Grund. Die Wimmelbücher sind ein eigenes Genre. Dass man Bilder erzählen lässt, hat eine Tradition. Diese uralte Kunst gab es schon in den Höhlen, deren Malereien Geschichten erzählten, bevor es die Schrift gab.

Als die erste Ausgabe herauskam, soll es Eltern und Buchhändler gegeben haben, die sich daran störten – weil sie meinten, ohne Text seien die Bilder nicht verständlich.

Hinter den Wimmelbüchern steht die Idee, dass Kinder autonom lesen. Sie können die Bilder lesen, sogar besser als Erwachsene. Die Schwierigkeit, von der Sie sprechen, kommt daher, dass Erwachsene oft glauben, dass Kinder nur lernen, wenn ihnen etwas erzählt oder erklärt wird. Der tatsächliche Spracherwerb aber ist bei diesen Büchern enorm. Und Kinder verstehen viel schneller als Erwachsene, dass das Geschichten sind.

Das Wort “Wimmeln“ findet sich schon in der Schöpfungsgeschichte der Bibel. Sind Sie darüber auf die Wimmelbücher gekommen?

Nein, es war damals der Verleger von Gerstenberg, Edmund Jacoby, der sagte: “Du musst mal ein Wimmelbuch machen.“ Wir kennen ja alle die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch, die im Grunde gar nicht so hießen. Deshalb habe ich zunächst auch abgelehnt: So klein und viel und fast sachbuchartig zu zeichnen war nicht so meine Sache.

Haben Sie Ali Mitgutsch mal getroffen? Sie sind ja sozusagen Wimmelbuch-Kollegen.

Ich habe ihn getroffen und auch angesprochen. Er ist ein bisschen der Meinung, dass ich ihn beklaut habe. Aber das ist ein Irrtum. Ich erzähle eine durchgängige Geschichte. Er entwirft – wie Bruegel und Bosch übrigens auch – jeweils ein einzelnes Bild, auf dem sehr viel zu entdecken ist. Natürlich stecken da auch Geschichten drin. Aber es gibt keine Fortsetzung. Das ist der wesentliche Unterschied.

Stört es Sie denn, dass Ihre Bücher mit Mitgutschs verglichen werden?

Nein. Im Gegenteil, ich finde, das sind zwei ganz unterschiedliche Arten. Mitgutsch sieht das offenbar nicht so. Ich denke, dieses Genre hat durch meine Bücher noch mal einen Anstoß bekommen. Es gibt mittlerweile sehr viele Verlage, die Wimmelbücher herausbringen. Seine Bücher heißen jetzt auch Wimmelbücher, obwohl er das immer abgelehnt hat. Also wir tun uns da nichts. Ich bin da ganz entspannt.

Rotraut Susanne Berner Quelle: Verlag

Wie kam es, dass Sie Kinderbuchautorin wurden?

Ich bin Grafikerin und habe am Anfang hauptsächlich Bucheinbände gestaltet. Es hat sie mal jemand gezählt: Es sind mehr als 800. Zu den Kinderbüchern bin ich dann über das Schulbuch gekommen. Und irgendwann hat sich dann die Waage beim Kinderbuch gesenkt. Aber das hat sich eher absichtslos entwickelt. Mein erstes Bilderbuch habe ich erst im Alter von 47 Jahren gemacht.

Sie haben selbst keine Kinder. Wie denken Sie sich in die Welt der Kinder?

Es gibt viele Interpretationen, warum Menschen, die keine Kinder haben, trotzdem einen solchen Zugang zu ihnen haben. Bei mir ist es sicher so, dass ich eine starke emotionale Erinnerung an meine eigene Kindheit habe. Es kann sehr hilfreich sein, wenn man weiß, wie es sich anfühlt, wenn man so klein da unten ist und sich alles über einem abspielt. Das ist eine Erfahrung, die für Kinder elementar ist.

Viele Eltern wollen heute oft einfach die besten Freunde ihrer Kinder sein – oder ihre Kinder vor jedem kleinsten Übel beschützen. Wie finden Sie das?

Das finde ich bedauerlich, weil die Kinder gar nichts entscheiden und ausprobieren dürfen. Ich hatte das große Glück, dass ich in einer fast anarchischen Welt aufgewachsen bin. Obwohl meine Eltern sehr streng waren. Wir konnten einfach rausgehen und uns ausprobieren. Das wäre für viele Eltern von heute undenkbar. Allerdings fände ich manchmal mehr Respekt vor Kindern hilfreich: Kinder hassen es zum Beispiel, von Erwachsenen angefasst zu werden, weil sie so niedlich sind. Daran kann ich mich selbst noch gut erinnern.

Sie haben Ihre Studentenzeit in den 70er-Jahren erlebt. Wie war das?

Man muss sich vorstellen, dass ich in den Fünfzigerjahren aufgewachsen bin. In einer Zeit, die grauenhaft spießig, frauenfeindlich und sexistisch war. Und dann kamen die Studentenbewegung, die Demonstrationen, das war schon alles sehr befreiend. Natürlich hat mich das sehr geprägt. Trotzdem war ich nie sehr politisch unterwegs. Ich lebte damals in einer engen Zweierbeziehung und war gerade von meinem Stuttgarter Elternhaus nach München gezogen. Die Demonstrationen, der Aufruhr an der Uni, das alles hat mich auch eingeschüchtert.

Hat die Zeit Ihr Frauenbild geprägt?

Ich habe ja damals beides gesehen. Sowohl das alte Frauenbild und als auch ein neues. Das macht natürlich etwas mit einem. Aber dass sich das explizit in meiner Arbeit abbildet, glaube ich weniger. Es gibt ja häufig die Diskussion über die Darstellung der Frau in Bilderbüchern. Für Schulbücher in Bayern wurde ich noch in den 80er-Jahren gebeten, den Frauen doch lieber Röcke anzuziehen. Aber die Frau mit der Bohrmaschine und der Mann mit der Schürze – so wie heute –, das kann es ja auch nicht sein. Das ist mir auch irgendwie zu klischeehaft.

War die MeToo-Debatte überfällig?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, wir haben genug Gesetze, um all das zu bestrafen, was wirklich Straftaten sind. Den Alltagssexismus dagegen mit neuen Gesetzen zu ahnden bringt nichts. Das ist eine Bewusstseinsfrage. Das neue Bewusstsein entsteht aber nicht dadurch, dass ich aufstehe und sage: Vor 30 Jahren hat mir mal einer ans Knie gefasst. Dadurch werden meiner Meinung nach wirkliche Straftaten marginalisiert. Es hat eine fatale Tendenz, wenn schon ein Flirt oder eine Annäherung zwischen Menschen kriminalisiert wird. Das alles gehört doch auch zu unserem Leben. Wenn mir ein Mann hinterherpfeift, fühle ich mich nicht unbedingt belästigt. Und falls doch: Ich bin kein Opfer, ich kann auch Kontra geben.

Sie haben einmal gesagt, als Sie geheiratet haben, war das Ihr mutigster Moment im Leben. Warum?

Mein Mann und ich waren damals schon 20 Jahre lang zusammen und ich sagte mir: Es ist doch alles gut so, wie es ist. Dieses Verheiratetsein impliziert ja auch, dass man Sachen sagt wie: mein Mann. Oder: meine Frau. Und dass man auf eine Art verbandelt ist, die wir – und da kommen wir wieder auf die 68er – abgelehnt haben. Auf der anderen Seite war es auch romantisch – und ein bisschen praktisch: Wir waren mit unseren Besitztümern so verschränkt. Ich war damals gerade 50 Jahre alt. Wir haben das dann einfach gemacht – geheiratet – und ein großes Fest gefeiert.

Das klingt schön.

O ja.

Ein Frauenakt in dem “Winter-Wimmelbuch“ von Rotraut Susanne Berner und eine winzige gemalte Kunststatue mit Mini-Penis haben das Erscheinen des Werks in den USA verhindert. Quelle: AFP/Gerstenberg

Zur Person: Rotraut Susanne Berner

Es ist unwahrscheinlich, eine Buchhandlung zu finden, in der nicht zumindest eines von Rotraut Susanne Berners Wimmelbüchern vorrätig ist. Der Name der Illustratorin mag vielleicht nicht jedem sofort geläufig sein, wer aber einen Blick auf eines der Cover ihrer Bücher “Frühling“, “Sommer“, “Herbst“ und “Winter“ wirft, weiß schnell, von wem die Rede ist.

Berner hat die kleine, heile, aber auch sehr klare und quirlige Welt des fiktiven Örtchens Wimmlingen erschaffen, in der schon sehr kleine Kinder die Geschichte der Bewohner anhand der Bilder ablesen können.

Es sind einfache Geschichten des Alltags, die Berner erzählt. Selten kommen sie ohne ein kleines Augenzwinkern, eine kleine Pointe daher. Da kann es sein, dass eine Familie zum Kirschenpflücken aufbricht, der Baum aber schon von Eichhörnchen und Vögeln besetzt ist, die zufrieden jede einzelne Frucht für sich in Anspruch nehmen – und die Familie in den Hofladen ausweichen muss. Oder dass zwei Bratwürste in der Pfanne liegen und sich niedlich – aber doch sehr erschrocken ob ihrer Situation, angucken.

Mehr als 1,5 Millionen Mal haben sich allein die Wimmelbücher der in Stuttgart aufgewachsenen Wahl-Münchnerin bisher verkauft. Das sind nicht ganz so viele wie die ihres Wimmelbuch-Kollegen Ali Mitgutsch. Dennoch sind die Bücher Berners für Kinder dieses Jahrtausends durchaus prägend. Und der Wimmlingen-Kosmos ist inzwischen riesig: Längst sind die Geschichten der Bewohner als Einzelgeschichten oder auch “Schicksale“ erschienen, es gibt Wimmel-Kochbücher, Memorys und Puzzles.

Nicht minder bekannt sind Berners Karlchen-Geschichten, Bilderbücher über den Alltag eines sehr menschenähnlichen Kaninchenjungens, der die Probleme eines jeden Dreijährigen hat: Zähne putzen und schlafen gehen findet er nicht so toll, die Welt zu entdecken dagegen schon.

Gegenwärtig gilt Berner als eine der renommiertesten Illustratorinnen Deutschlands, ihre Arbeiten wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Dass die Grafikerin, die an diesem Wochenende 70 Jahre alt wird, mal eine berühmte Kinderbuchillustratorin werden würde, war gar nicht geplant. Ursprünglich gestaltete Berner Buchcover, vornehmlich für Erwachsenenliteratur und andere Werke.

Schon während des Studiums in München arbeitete sie für Verlage. Unter ihren Arbeiten waren Buchcover für Fay Weldon, T. C. Boyle und Charles Bukowski. Dabei blieb sich die Künstlerin stets treu. Vor einigen Jahren etwa verzichtete sie zunächst auf eine Veröffentlichung in den USA, weil die Darstellung einer Kunstausstellung mit Akten in einem ihrer Wimmelbücher zensiert werden sollte.

Nach dem Tod ihres Mannes Armin Abmeier im Jahr 2012 übernahm Berner die Herausgeberschaft für “Die Tollen Hefte“ bei der Büchergilde Gutenberg. Die bibliophile Buchreihe verbindet Illustration und Prosa.

Bis zum 4. November ist eine Ausstellung ihrer Arbeiten im Museum Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover zu sehen. Berner hat die Ausstellung mitkuratiert. Den Weg vom Bahnhof zum Museum legt die Kinderbuchautorin am Tag des Interviews mit einem Fahrrad zurück, das sie auch später wieder zum Zug bringt.

Im Gespräch erzählt sie dann ruhig und mit warmer Stimme von ihrer Kindheit in Stuttgart, wo sie als eines von vier Geschwistern aufwuchs, und davon, dass das Zeichnen für sie manchmal voller Zweifel ist, einfach, wenn nichts gelingen will. Davon, wie beglückend es sein kann, auf dem Papier den richtigen Weg für eine Arbeit gefunden zu haben.

Und von der Verwunderung darüber, dass ein Junge im Urlaub in Spanien einmal ihren Bekannten Manfred ansprach, der ihr als Vorbild für eine Figur gedient hatte. “Du bist doch der Mann aus dem Wimmelbuch, oder?“, hatte der gesagt. Berner lacht. Und sagt dann: “Da war ich überrascht.“

Von Dany Schrader

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