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09:40 23.04.2018
Chaotische Genießerinnen: Die Buchblogger „Leckere Kekse“. Quelle: Leckere Kekse
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Berlin

„Ich war schon immer ein bisschen missionarisch“, sagt Silvia Walter. Wobei missionarisch bedeutet, dass sie gern andere zum Lesen ihrer Lieblingsbücher bekehrt. Schon früher bewertete sie daher Gelesenes auf entsprechenden Portalen – 2014 dann tat sie sich mit Astrid Meine zusammen. Gemeinsam gründeten sie „Leckere Kekse“, einen von derzeit rund 1300 deutschsprachigen Buchblogs, gelesen von 2500 Lesern monatlich, verfolgt von 607 Twitter-, 225 Facebook- und 438 Instagram-Nutzern. Zum Welttag des Buches am 23. April stellen wir vor, wie Buchblogger lesen und arbeiten.

Empfehlung zum Welttag des Buches: Szene aus dem Cartoon-Band „Kochen mit Kafka“, der den Literaturbetrieb aufs Korn nimmt. Quelle: Edition Moderne

Meine und Walter leben in verschiedenen Städten, Köln und Hamburg. In etlichen Mails und Telefonaten die Woche sprechen sie sich ab: Was machen wir als Nächstes? Was lief gut? Was lassen wir lieber bleiben? Meine begeistert sich für Technik und Fotografie, Walter fürs Reisen, beide backen gern. Auf ihrem Blog schreiben beide über ihre Hobbys, Keksrezepte und natürlich die Bücher, die sie lesen: Meine eher Sach- und Geschichtsbücher, Walter Thriller und andere Literatur. Ihre Kritiken sind ausführlich: Während der Schnitt einer Blogrezension bei rund 2000 Zeichen liegt, schreiben Walter und Meine oft ein Vielfaches. Am besten werden Texte geklickt, in denen beide über sich selbst schreiben.

Cartoon-Band über die Literaturszene

Eine Grafik zeigt, in welchen Formen der Roman der Zukunft daher kommt: Neben Buch, E-Book und Hörbuch gibt es auch das Drohnen-Buch, Holografische Informationskristalle oder geruchloses Gas. Die Skizze ist Teil der Comic-Sammlung „Kochen mit Kafka“ aus der Feder des britischen Zeichners Tom Gauld. Sie ist in der Edition Moderne erschienen. In seinen Comic-Miniaturen, die aus dem „Guardian“ und der „New York Times“ stammen, parodiert er Literaturszene und Verlagsbranche. Insbesondere die Digitalisierung begleitet er mit trockenem britischen Humor. Literaturliebhaber werden diesen Band lieben. Er versammelt Skurrilitäten: von den Tötungsarten für moderne Krimi-Autoren (vergiftet durch Dinkel-Brötchen, überrollt von selbstfahrendem Auto) über Wanderer, die die Phasen klassischer Tragödien durchlaufen („Wir hatten unsere Exposition, es muss jeden Moment die Katastrophe folgen“) bis hin zu einer Tortengrafik über Memoiren (Hauptanteil: Künstlerische Freiheit). Hübsch sind auch die Buchladenregale für spezielle Genres wie „Gedichte von linkshändigen Skandinaviern“ oder „Erotika von Autoren mit Nussallergie“. Der Titel „Kochen mit Kafka“ beschreibt eine der 160 Seiten. Der berühmte Schriftsteller backt da Zitronenkuchen und lamentiert über die Sinnlosigkeit des Lebens – eine Karikatur auf das blumige Kommentarwesen des Koch-Fernsehens. Eine Empfehlung für den Welttag des Buches am 23. April. may

Denn für Blogger ist Subjektives Trumpf. Sätze wie „So etwas wie in dem Buch habe ich schon oft erlebt“ oder „Der Protagonist erinnert mich an mich selbst“ sind typisch. Zudem nutzen einige ihre Blogs auch, um ihren kompletten Alltag darin zu teilen. Das liegt vor allem am Verhältnis zwischen Bloggern und Lesern: Blogger sind keine Kritiker, eher sind sie wie befreundete Buchhändler, die online ihre Einschätzung abgeben.

Längst wandelten sich Buchblogger zu Influencern, wie es Stars auf Instagram und Youtube sind. Ein Beispiel dafür liefert Buchbloggerin Karla Paul. Für eine Woche übernahm sie Anfang Dezember den Twitter-Account des „Zeit-Magazins“ – und schuf mit zwei unspektakulären Fragen gleich einen Twitter-Trend des Tages: „Welches Buch lesen Sie eigentlich gerade – und empfehlen Sie es mir weiter?“ Danach wollten Hunderte plötzlich ihre derzeitige Lektüre vorstellen.

Empfehlung zum Welttag des Buches: Szene aus dem Cartoon-Band „Kochen mit Kafka“, der den Literaturbetrieb und die Folgen der Digitalisierung aufs Korn nimmt. Quelle: Edition Moderne

Vor allem die reichweitenstarken Buchblogs zeigen dabei eine bestimmte Art der Lebensführung und des Literaturverständnisses. Lesen bedeutet für sie Wohlfühlen, einen portablen Rückzug aus der Hektik des Alltags und damit Hygge im besten Sinne. Die meisten erfolgreichen Buchblogger bezeichnen sich zudem als chaotische Genießer mit einer Begeisterung für Natur und Selbstgemachtes. Sie seien süchtig nach Kaffee/Tee, äßen gern und bewusst, reisten gern und tauschten sich viel aus.

Als Meine und Walter ihren Blog starteten, waren sie überrascht, wie wichtig gerade der letzte Aspekt ist, sagt Silvia Walter. Denn wer mit seinem Blog erfolgreich sein will, muss regelmäßig andere Blogs lesen und kommentieren und auf allen Kanälen vertreten sein.

Szene aus dem Buch „Kochen mit Kafka“. Quelle: Edition Moderne

Das kostet Zeit – zusätzlich zum Lesen, Rezensionenschreiben und Blogbeiträge verfassen. Zehn Stunden die Woche widmet allein Walter durchschnittlich ihrem Blog.

Wie Walter und Meine sind laut lesestunden.de 92 Prozent der Blogger Frauen, 89,7 Prozent der Blogleser ebenfalls. Rund 41 Prozent der Bücher kommen aus der Jugendliteratur, es folgen Fantasy-, Unterhaltungs- und Kinderliteratur. Das bedeutet nicht, dass Blogger sich nicht wie Walter und Meine auch anspruchsvoller Literatur widmen. Wie die gesamte Influencer-Szene ist auch die der Blogger schwer zu fassen. Die einen schreiben hintergründige Essays und komponieren ihre Besprechungen raffinierter als die Autoren, über die sie schreiben, die anderen empfinden ihre Bücher als rezensiert, wenn sie Klappentexte und Amazon-Rezensionen abtippen oder Bewertungen à la „Oh mein Gott, einfach geil!“ von sich geben.

Szene aus dem Buch „Kochen mit Kafka“. Quelle: Edition Moderne

Gemein ist den Blogs, dass mit 86 Prozent die meisten ihrer Bewertungen positiv oder sehr positiv ausfallen. Denn warum sollten Blogger auch Bücher zu Ende lesen, auf die sie vielleicht gar keine Lust haben?

Besonders den Verlagen kommt das sehr gelegen. Für sie sind Blogger die Discount-Alternative zu den etablierten Werbestrategien. Gehen Anzeigenkampagnen an Bahnhöfen und in Magazinen in die Hundertausende, kostet ein Blogger meist nur Freiexemplare und Zuwendung. So laden Verlage denn mittlerweile auch zu Bloggertreffen, organisieren Informationsveranstaltungen und Gespräche mit Mitarbeitern, Autoren und Verlegern. Nennungen und Besprechungen sind immer vorteilhaft – zumal, wenn Bücher in anderen Medien gar nicht erst besprochen würden. Entsprechend teilen Verlage mittlerweile Blogrezensionen auf Social Media.

Szene aus „Kochen mit Kafka“. Quelle: Edition Moderne

Dass Blogger für die Verlage so günstig sind, liegt am schwierigen Verhältnis zwischen ihnen und den Bloggern. Die meisten Verlage weisen ausdrücklich darauf hin, dass ihre Bücher nach eigenem Gusto besprochen werden sollen. Soll jedoch Unabhängigkeit gewahrt werden, verbieten sich Werbekooperationen. Geld verdienen können die meisten Buchblogger anders als beispielsweise Lifestyle-Blogger daher höchstens durch die Einbindung von Anzeigen oder eines Amazon-Links. Bei einem Buchkauf erhält der Blogger dann einen gewissen Anteil des Verkaufspreises. Walter und Meine jedoch betreiben ihren Blog, weil sie sich gern mit anderen austauschen. Nicht, um damit Geld zu verdienen.

Szene aus „Kochen mit Kafka“. Quelle: Edition Moderne
Das Cover zu „Kochen mit Kafka“. Quelle: Edition Moderne

Von Julius Heinrichs/RND/may

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