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Kultur Weltweit Wieso reiten Sie in den Wilden Westen, Christian Bale?
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10:51 12.05.2018
Ob “American Psycho“, drogensüchtiger Boxtrainer oder “Batman“: Charakterdarsteller Christian Bale steht ganz oben auf den Besetzungslisten. Quelle: WireImage
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Mr. Bale, so oft ist der Western schon totgesagt worden. Jetzt reiten Sie wieder in der unbarmherzigen Pferdeoper “Feinde – Hostiles“ über die Leinwand: Warum will der Western einfach nicht sterben?

Ganz einfach: Gute Geschichten sterben nie. Und die Amerikaner sind nun mal von ihrer Historie fasziniert. Es hat darin brillante Denker gegeben, keine Frage, aber eben auch viel Gewalt und viele Konflikte – so wie übrigens in der Vergangenheit der meisten Länder. Und vergessen sie nicht die Attraktion der Bilder: Männer, Frauen auf Pferden, das Ganze vor einer überwältigenden Naturkulisse.

Sie sind bekannt dafür, bei Ihren Rollen vollen Körpereinsatz zu wagen: Für “Der Maschinist“ hatten Sie sich 30 Kilo abtrainiert und für “American Hustle“ eine ordentliche Wampe angefuttert. Was war denn die Herausforderung bei “Feinde – Hostiles “?

Wir hatten allein schon ziemlich viel damit zu tun, ordentlich zu schießen und stundenlang im Sattel zu sitzen. Eine große Leistung bestand darin, in der Hitze von New Mexico in diesen juckenden, wollenen Uniformen rumzulaufen, die bis durch die Unterwäsche gekratzt haben.

Was ist daran reizvoll, einen rassistischen, desillusionierten, abgestumpften Charakter wie diesen Captain Joseph Blocker zu spielen, der 1892 gegen seinen Willen einen schwer kranken Cheyenne-Häuptling zurück in sein Stammesland nach Montana bringen muss?

Captain Blocker tritt eine Reise zurück zur Humanität an. Er hat sich viele Jahre in einer Welt voller Hass bewegt, der Kampf ums Überleben bestimmte seinen Alltag. Blocker hat in den Indianer-Kriegen gekämpft, er war beim Massaker an der Urbevölkerung in Wounded Knee dabei. Nach seinen eigenen Worten im Film hat Blocker alles getötet, was auf zwei oder vier Beinen läuft. Es gehörte zu seinem Job, Indianer umzubringen. Er ist sich bewusst, dass er an einem Genozid beteiligt war. Und nun entdeckt er im direkten Kontakt mit seinen vermeintlichen Feinden ganz langsam seine Menschlichkeit wieder.

Im Film sprechen Sie die Sprache der Cheyenne: Haben Sie diese wirklich gelernt?

Wir wollten ein möglichst genaues Porträt der Ureinwohner präsentieren und haben uns Sprachlehrer gesucht. Das hat für mich zu einer der interessantesten Begegnungen bei diesem Projekt geführt: Ich habe Häuptling Phillip Whiteman Jr. von den Northern Cheyenne kennenlernen dürfen, einen faszinierenden Mann. Er sollte mich vor allem mit der Phonetik der Sprache vertraut machen. Jedenfalls dachte ich, dass das reichen würde.

Durch den Wilden Westen: Christian Bale als Captain Joseph Blocker in “Feinde – Hostiles“. Quelle: Verleih

Dem war nicht so?

Als wir uns das erste Mal trafen, hat sich Whiteman dem Sprachunterricht mit mir glatt verweigert. Er hat mich gewissermaßen getestet, nur wurde mir das erst später so richtig klar. Er wollte wissen, wer ich bin, vor allem aber, ob ich auch bereit bin, etwas über die Kultur der Cheyenne zu lernen. So haben wir beide begonnen. Ich musste mir Whitemans Respekt erst einmal verdienen.

Das scheint Ihnen gelungen zu sein.

Ja, und das war ein großer Tag für mich. Die Cheyenne-Sprache erschien mir wahnsinnig schwer. Immer wieder habe ich mich gefragt, wie ich auch nur einen halbwegs korrekten Satz herausbekommen soll – und dabei möglichst den Inhalt verstehen. Beruhigt hat mich dann aber der Blick zu Whitemann wenn er nach der abgedrehten Szene den Daumen nach oben reckte. Die Sprache der Cheyenne ist vom Aussterben bedroht. Sie hat einen eigenen Rhythmus, etwas Poetisches. Es ist toll, dass Millionen Zuschauer sie nun im Kino noch einmal hören können.

Kevin Costner ist nach seinem Öko-Western “Der mit dem Wolf tanzt“ bei den Sioux als Ehrenmitglied aufgenommen worden: Wie sieht es bei Ihnen aus?

Zum Ehrenmitglied habe ich es noch nicht gebracht. Aber wir haben auch nach dem Dreh den Kontakt zu den Cheyenne aufrechterhalten: In der Stadt Billings in Montana haben wir Jugendliche zur Filmpremiere eingeladen, die beim “Fort Robinson Outbreak Spiritual Run“ mitgelaufen sind. Dabei laufen sie über Hunderte von Meilen, um an das Leid ihrer Vorfahren zu erinnern, als diese in Reservate verfrachtet wurden.

Müssen Amerikaner daran erinnert werden, dass in ihrem Land ein Völkermord stattfand?

Die Menschen wissen darüber Bescheid, ganz gewiss. Ich weiß nur nicht, ob sie darüber auch nachdenken. Der große dunkle Schatten in diesem Western ist für mich nicht Captain Blocker – auch wenn er der eigentliche Aggressor ist und sein Gegenüber, der Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk, sein Volk nur verteidigt.

Und wer ist der wirklich Böse?

Hinter Blocker stehen die Politiker in Washington, die den Captain in einer PR-Aktion dazu zwingen, ausgerechnet jenen Mann zu eskortieren, der für den Tod so vieler seiner Kameraden und Freunde verantwortlich ist. Diese unmögliche Aufgabe scheint all das, was Blocker in den Jahren zuvor getan hat, zu entwerten.

Traumatisierter Superheld: Christian Bale als düsterer Rächer in dem Film “Batman Begins“ von Christopher Nolan. Quelle: ©Warner Bros/Courtesy Everett C

Der Film ist erfüllt von Wut, Rache, Verbitterung: Haben Sie sich gelegentlich an die US-Gegenwart erinnert gefühlt?

Da gibt es Parallelen, zum Beispiel den Hass, der gegen all jene gerichtet ist, die irgendwie anders sind als man selbst. Dieser Hass verfolgt uns bis heute. Mein Regisseur Scott Cooper und ich haben uns manchmal während der Dreharbeiten selbst gewundert, wie dieser Film immer aktueller wurde: Die heutige Spaltung Amerikas ist unübersehbar. Und auch damals gab es tiefe Gräben zwischen den Kulturen – und schon damals führte diese Spaltung nirgendwohin. Aber genauso erleben Sie in diesem Western auch Beispiele für die menschliche Fähigkeit zur Güte.

Glauben Sie, dass Versöhnung möglich ist – nicht nur für Captain Joseph Blocker?

Wenn nicht, woran sollen wir Menschen dann glauben? Versöhnung kann schwierig, kompliziert, sie kann von Rückschlägen begleitet sein. Aber sie ist möglich. Das haben wir in der Geschichte immer wieder beobachten können.

Könnte Blocker auch ein Soldat sein, der heute aus dem Irak- oder Afghanistankrieg zurückkehrt?

Warum nicht? Posttraumatische Erkrankungen haben Soldaten damals gewiss ganz genauso wie heute erlitten.

Sie sind Brite, leben aber schon lange in den USA: Könnten Sie einem Europäer erklären, wieso die Amerikaner das Recht auf Waffenbesitz offenbar in ihrer DNA abgespeichert haben?

Unsere Geschichte spielt im Jahr 1892, und damals gab es gute Argumente, auf Waffen zu setzen. Aber wenn Sie lange in Amerika leben, werden Sie feststellen, dass die Mehrheit der Amerikaner die lärmende Waffenlobby gar nicht versteht, erst recht nicht nach all den Tragödien der vergangenen Jahre. Viele Amerikaner stellen sich heute die Frage, ob Gewehre das Land wirklich sicherer machen. Okay, mag sein, dass hier ein naiver Engländer spricht, der die Amerikaner nicht wirklich versteht. Aber ich glaube, es verändert sich gerade etwas, wir stehen an einem Wendepunkt.

Sie sind schon wieder einen Film weiter: Wie hart war die Verwandlung vom Captain zum US-Vizepräsidenten Dick Cheney?

Für die Rolle in meinem Film “Backseat“ musste ich tatsächlich wieder ein paar Kilo zulegen und sehe nun aus wie Humpty Dumpty aus den britischen Kinderreimen. Aber keine Angst, ich bin bereits dabei, Gewicht abzutrainieren.

Mit vollem Körpereinsatz: Christian Bale ist bekannt dafür, sich chamäleonhaft für seine Rollen zu verändern – sei es durch radikale Diäten oder das Anfuttern eines stattlichen Bäuchleins, wie für den Film “American Hustle“. Quelle: © 2013 Annapurna Productions LLC

Zur Person: Christian Bale

Er war der mörderische “American Psycho“ nach dem Roman von Autor Bret Easton Ellis, und er war ebenso der Comic-Superheld “Batman“: Christian Bale ist gebürtiger Waliser, aber wenn es gilt, typisch amerikanische Figuren in Hollywood auf die Leinwand zu bringen, dann steht der 44-jährige Schauspieler weit oben auf der Wunschliste vieler Regisseure.

Schon als Kind sammelte der Sohn eines südafrikanischen Unternehmers und einer britischen Mutter Erfahrungen vor der Kamera: Im britischen Fernsehen war er in Spots zu sehen – zum Beispiel warb er für das Computerspiel “Pac Man“. Dann entdeckte kein Geringerer als Regisseur Steven Spielberg den gerade einmal 13-jährigen Bale unter 4000 Bewerbern für sein Historiendrama “Das Reich der Sonne“ (1987). Sein nächster bemerkenswerter Leinwandauftritt: neben Nicole Kidman in “Portrait of a Lady“ unter der Regie der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion. Zu dieser Zeit lebte Bale bereits in Los Angeles im Herzen der US-Filmindustrie, wohin er als 17-Jähriger nach der Scheidung seiner Eltern mit dem Vater gezogen war.

Furore machte Bale als heldenhafte Fledermaus im Kampf gegen die Bösen in Gotham City. Sein von Traumata geplagter “Batman“ gilt bis heute als die tiefgründigste Interpretation dieser Rolle – und genau deshalb hatte Erfolgsregisseur Christopher Nolan den Charakterdarsteller auch ausgewählt. Noch in zwei weiteren viel gelobten “Batman“-Verfilmungen arbeiteten Bale und Nolan zusammen – in “The Dark Knight“ mit Heath Ledger als Joker sowie in “The Dark Knight Rises“.

Den Oscar bekam Christian Bale schließlich 2011 in die Hand gedrückt: Im Boxerdrama “The Fighter“ verkörperte er den älteren, drogensüchtigen Bruder des von Mark Wahlberg gespielten Kämpfers und erhielt dafür die Trophäe als bester Nebendarsteller.

Eine komische Seite hat Bale aber auch, wie wir spätestens seit der Gaunerkomödie “American Hustle“ (2013) wissen: Da spielt er nach einer wahren Geschichte einen Trickbetrüger, der vom FBI gezwungen wird, korrupte Politiker in die Falle zu locken. Das war eine jener wunderbaren Rollen Bales, in denen er vor der Kamera kaum mehr als er selbst zu erkennen ist – weshalb ihn manche als Chamäleon lobpreisen.

In “The Big Short“ (2015) übernahm Bale den Part des skurrilen Hedgefonds-Managers Michael Burry, der vor allen anderen Bankern den Crash an der Wall Street kommen sieht, daraus seine eigenen Schlüsse zieht und sich damit bei seinen Kollegen fürchterlich lächerlich macht – was ihn aber keinesfalls stört. Und recht behalten sollte der Mann ja auch.

Schon vor seinem aktuellen Western “Feinde – Hostiles“ (Kinostart: 31. Mai) hat Bale mit Regisseur Scott Cooper zusammengearbeitet: “Auge um Auge“ (2013) war ein hartes, geradliniges Drama, angesiedelt im heruntergekommenen Stahlgürtel Amerikas, in dem ein Mann tut, was ein Mann eben tun muss. Und nun haben sich Cooper und Bale wieder zusammengetan: In “Feinde – Hostiles“ reitet Bale als Captain Joseph Blocker durch den Wilden Westen, kurz bevor hier die sogenannte Zivilisation Einzug hält.

Die Indianer-Kriege sind Geschichte, die überlebenden Krieger vegetieren in Gefängnissen vor sich hin oder wurden in Reservate abgeschoben. Für einen Mann wie Blocker gibt es nicht mehr viel zu tun. Dann erhält er einen letzten Befehl: Er soll gegen seinen erklärten Willen einen schwer kranken Cheyenne-Häuptling (gespielt von West Studi, eigentlich ein Cherokee) zum Sterben zurück in sein Stammesgebiet bringen.

Von Stefan Stosch

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