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Kultur Weltweit Zum 200. Geburtstag des Historikers Jacob Burckhardt
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18:17 24.05.2018
Großer Erzähler: Der Historiker Jacob Burckhardt. Quelle: C. H. Beck
Hannover

Vielleicht lag es an seinem Einzelgängertum. Vielleicht an dem im deutschen Sprachraum weit verbreiteten Misstrauen gegenüber allen Wissenschaftlern, die nicht nur gewissenhafte Forscher, sondern auch große Erzähler sind. Vielleicht aber auch an seiner Selbststilisierung als geheimnisvoller Intellektueller – der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt musste schon zu Lebzeiten mit viel Skepsis und Ablehnung gegenüber seiner Arbeit leben. Ausgerechnet am Tag seiner Beerdigung distanzierte sich sein Nachfolger auf dem Basler Lehrstuhl und sagte, schon bald erreiche Burckhardt die Vergänglichkeit alles Gelehrtentums, und das Unvollkommene werde durch „gewissere Forschung“ ersetzt werden. Aber er hatte auch und nicht nur zu Lebzeiten viele Anhänger. Am Freitag jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal. Drei Neuerscheinungen würdigen sein Werk.

Berühmt geworden ist Jacob Burckhardt vor allem durch seine historiografischen Meisterwerke „Die Zeit Constantins des Großen“, den „Cicerone“, seine „Griechische Kulturgeschichte“ und die „Kultur der Renaissance in Italien“. Letztere ist vor wenigen Tagen als Teil der Burckhardt-Gesamtausgabe in einer hervorragenden, kommentierten Ausgabe bei C. H. Beck (724 Seiten, 148 Euro) erschienen. Was den Schweizer interessierte, waren weniger die großen Staatserzählungen, im Mittelpunkt seiner Geschichtsauffassung stand der Mensch. „Unser Ausgangspunkt“, schreibt Burckhardt, „ist der vom Menschen, wie er ist und immer war und sein wird.“

Kultur ist ein wichtiger Partner von Staat und Religion

Ebenfalls im Mittelpunkt stand die Kultur. In der „Kultur der Renaissance in Italien“ widmet er zwar zwei Kapitel den stabilen Faktoren Staat und Religion, schreibt aber auch über die Wiederentdeckung des Altertums, die Entdeckung der Welt und des Menschen sowie über die Geselligkeit und der Feste. Ein Kapitel widmet Burckhardt der Stellung der Frau – in der Geschichtssicht des 19. Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit.

Seinen kulturhistorischen Ansatz erläuterte Burckhardt in seiner Einführungsvorlesung „Über das Studium der Geschichte“, die nach seinem Tod 1897 und gegen seinen Willen als Buch veröffentlicht wurde. Den berühmten Titel „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ gab dem Werk sein Neffe Jakob Oeri. Darin unterscheidet Burckhardt zwischen den drei Potenzen Staat, Religion und Kultur. Dem Staat und der Religion als „Ausdruck des politischen und metaphysischen Bedürfnisses“ steht die Kultur bedeutsam zur Seite. Sie ist in Burckhardts Augen „der Inbegriff alles dessen, was zur Förderung des materiellen und als Ausdruck des geistig-sittlichen Lebens spontan zustande gekommen ist, alle Geselligkeit, alle Techniken, Künste, Dichtungen und Wissenschaften“. Die drei Potenzen sieht Burckhardt in ständiger Wechselwirkung, aus der historisch Neues entsteht. Das war damals gegenüber der chronologisch erzählten Staats- und Politikgeschichte des 19. Jahrhunderts eine moderne Herangehensweise an Geschichte. Sie ermöglicht, „an Stelle einer einzigen großen Geschichte von der Evolution der Menschheit viele Teilgeschichten von wechselnder zeitlicher Länge zu erzählen, die dennoch irgendwie miteinander koordiniert sind“, wie der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel im Nachwort der gerade neu erschienenen Ausgabe der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ (C.H. Beck, 301 Seiten, 16,95 Euro) betont.

Lektüre für Umbruchzeiten

Noch heute ist es ein stilistisches Vergnügen, Jacob Burckhardts Bücher zu lesen – auch wenn man seinen Ansichten nicht immer folgen wird. Er wollte „ein breites gebildetes Publikum erreichen, nicht unbedingt seine Fachkollegen – was dem Niveau seiner Ausführungen zugutekam“, sagt der Althistoriker Christian Meier in einem langen Interview in der „Zeitschrift für Ideengeschichte“, die ihr Frühjahrsheft Burckhardt gewidmet hat (128 Seiten, 14 Euro). Leser von heute, die selbst in einem Zeitalter des Übergangs leben, mögen bei Burckhardt viele treffende Beschreibungen von Krisen und Umbrüchen finden. Oder, um es mit Burckhardt selbst zu sagen: „Wir möchten gern die Welle kennen, auf welcher wir im Ozean treiben, allein wir sind die Welle selbst.“

Von Kristian Teetz/RND

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