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18:27 26.05.2014
Füllen ihre "krudebude" mit Leben: Theresa Doß , Theresa Kroemer und Luzie Chwaszcza (von links). Quelle: André Kempner

Doch innen zieht langsam wieder Leben ein. Der Verein "Helden wider Willen" hat die beiden Gebäude gepachtet und möchte damit im Leipziger Osten eine kulturelle Wohn- und Arbeitsstätte schaffen.

Das Vorhaben ist Teil des Projekts "Ostblock Leipzig", früher Block 99 genannt. Neben den Häusern in der Hildegardstraße gehören noch sieben andere Gebäude in der Hermann-Liebmann- und der Ludwigstraße dazu. "Die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) hielt die Häuser viele Jahre vom Immobilienmarkt fern, um dort gezielt Stadtentwicklung zu betreiben", erklärt Ariane Jedlitschka, Vorstandsvorsitzende bei "Helden wider Willen". Ursprünglich wollte die Stadt Leipzig aus dem Block 99 ein internationales Wirtschafts- und Arbeitsquartier machen, doch die Pläne scheiterten. Jetzt machen diverse Vereine und Kulturschaffende aus dem Ostblock ein Kunstquartier.

Ariane Jedlitschka ist in der Leipziger Szene keine Unbekannte. Bis vor kurzem galt ihr Interesse dem Westen der Stadt. 2006 - "als dort kulturell nicht viel passierte", sagt Jedlitschka - gründete sie mit befreundeten Kreativen den Verein "Helden wider Willen". Gemeinsam bespielten sie leerstehende Läden auf der Karl-Heine-Straße, initiierten das Stadtteilfest "Westbesuch" mit und eröffneten schließlich ihr Herzstück: die Essential Existence Gallery im Westwerk. "Die Auseinandersetzung mit den Leuten vor Ort in ihrem Stadtteil hat damals gefehlt", so Jedlitschka. Ein für fast alle und alles offener Projektraum, kulturelle Arbeit nah am Menschen - das war ihre Vision, die in der eigenen Galerie viele Jahre funktionierte.

Doch günstige Mieten und der spezielle Charme der ehemaligen Industriestätten lockten immer mehr junge Kreative gen Westen. Plagwitz und Lindenau wurden zu Leipzigs neuen Szenevierteln, was die Essential Existence Gallery schließlich ihre Räumlichkeiten kostete. Heute blüht im Westen die alternative Kultur. "Für mich als jemand, der mit den Menschen arbeiten will, ist das schwierig", sagt Jedlitschka. "Die Leute sind alle kreativ, denen kann ich nicht mehr viel geben. Mir gefällt's dort, wo man Menschen noch inspirieren kann."

Das scheint nun der Leipziger Osten zu sein. Seit Oktober 2013 konnten sich Interessenten beim Verein "Helden wider Willen" für eine Wohnung oder ein Zimmer in der Hildegardstraße anmelden. Einzige Bedingung: einen Bezug zu Kultur oder Bildung und die Bereitschaft zum Sanieren in Eigenregie. Fast alle Wohnungen sind inzwischen vermietet.

Im ersten Obergeschoss der Hausnummer 49 liefen die Renovierungsarbeiten zuletzt auf Hochtouren. Am Wochenende präsentierte sich hier die Projektwohnung "krudebude" der Öffentlichkeit. "Als wir anfingen, war es schon ein bisschen wie im Gruselkabinett", erzählt Theresa Kroemer über das seit 1997 leerstehende Haus. Mit ihren Freundinnen Lucie Chwaszcza und Theresa Doß hatte die Studentin bereits ein Jahr nach einer leerstehenden Räumlichkeit gesucht. Das offene Konzept des Zweihäuserprojektes entspricht genau ihren Vorstellungen.

Egal ob Fotoausstellung, Handarbeitskurs oder Tanzworkshop: Die Mädchen von der "krudebude" wollen ihre zwei Zimmer/Küche/Bad künftig vielen Projekten zur Verfügung stellen und auch selbst jeden Monat mindestens ein kulturelles Event organisieren. Gerade entwerfen sie ein Nutzungskonzept, um möglichst bald finanzielle Förderanträge stellen zu können. Eintritt wollen die drei für ihre Veranstaltungen nicht nehmen. Die Projektwohnung soll sich durch Fördergelder und Spenden weitgehend selbst tragen. "Wir machen das hier, weil wir Lust haben, selbst etwas auszuprobieren und uns damit auch beruflich zu orientieren", sagt Theresa Kroemer.

Vernetzung ist das große Stichwort im Ostblock. Neben der "krudebude" nutzen Autoren, Pädagogen, Projektmanager und Künstler die beiden Häuser als Wohnraum, Atelier oder Ausstellungsfläche. Die Gemeinschaft soll im Vordergrund stehen und als inspirierendes Umfeld wirken. Und auch um Integration geht es. Im Moment sei es noch ein vorsichtiges Rantasten, sagt Lucie über die Nachbarschaft im Multi-Kulti-Viertel, doch bisher seien die Reaktionen durchweg positiv gewesen. Theresa Doß ergänzt: "Mit einigen Dönerläden haben wir schon Freundschaft geschlossen."

In etwa sieben Jahren will Ariane Jedlitschka mit ihrem Verein aus den beiden Gebäuden Gästehäuser machen, in denen Menschen für einen begrenzten Zeitraum gemeinsam an einem interdisziplinären Projekt arbeiten können. Dann enden die Mietverträge mit den jetzigen Bewohnern. "Aber", sagt Jedlitschka, "die künftige Entwicklung bestimmen die Leute jetzt mit." Die Mädchen von der "krudebude" könnten mit ihrem eigenen Anspruch erheblich Einfluss auf das Geschehen nehmen: "Wir wollen, dass das Haus wieder Teil dieses Viertels wird."

Nächste Ausstellungseröffnung: 4. Juli, Thema: "Entgleisung", Künstler können bis 30. Juni Werke einreichen; baumit.weebly.com; ostblock-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.05.2014

Friederike Ostwald

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