Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Kulturhauptstadt Leipzig? Ruhr.2010-Chef Oliver Scheytt zu Chancen und Risiken der Bewerbung

Kulturhauptstadt Leipzig? Ruhr.2010-Chef Oliver Scheytt zu Chancen und Risiken der Bewerbung

Der Mann war Herz und Motor eines Mega-Projekts. Er bewegte Millionen  - Euros und Menschen - und hat eine irgendwie grau anmutende Region "Ruhrgebiet" zur internationalen Kulturkönigin gemacht: Oliver Scheytt (53), Geschäftsführer der Ruhr.2010 GmbH, kennt sich aus in Sachen Kulturhauptstadt.

Voriger Artikel
David Timm erhält "goldene Zigarre" der Degner-Stiftung - Elke Sommer überreicht Trophäe
Nächster Artikel
Ausstehende Mieten: Freistaat verklagt Zwingerfestspiele Dresden

Ruhr.2010-Chef Oliver Scheytt: Kein Projekt à la "Event, Event, ein Lichtlein brennt."

Quelle: Ruhr.2010

Leipzig. 2020 will Leipzig in die ganz große Bütt steigen. LVZ-Online sprach mit dem Professor für kulturelle Infrastruktur über die Herausforderungen einer Bewerbung.

LVZ-Online:

Leipzig will Kulturhauptstadt werden - Sie wissen als Chef der "Ruhr.2010" wie das geht. Welche Beziehungen gibt es zu den hiesigen Kulturmachern ?

Oliver Scheytt:

Als Sohn eines Kirchenmusikdirektors, der Bach liebt und auch selber spielt, bin ich schon ein Fan Leipzigs und seiner großartigen Musiktradition. Seit Jahren gibt es einen Austausch, zuerst mit dem Kulturdezernenten Georg Girardet und auch jetzt mit Michael Faber. Ich habe eine besondere Beziehung zu Leipzig.

Können Sie das Kulturhauptstadt-Jahr im Ruhrgebiet auch mit zeitlichem Abstand als Erfolg bezeichnen?

Die Region hatte zur Ruhr.2010 mehr als 10 Millionen Besucher, und auch 2011 haben wir zweistellige touristische Steigerungsraten. Allein Essen zog im Veranstaltungsjahr 30 Prozent mehr Gäste an, in diesem Jahr werden es acht bis neun Prozent sein. In der Hauptveranstaltungsstätte "Zeche Zollverein" haben wir die Besucherzahlen seit 2009 verdoppelt - auf 2,2 Millionen Gäste bis Ende des Jahres. Das ist natürlich auch finanziell ein starkes Argument für die Kulturhauptstadt-Idee. Aber noch wichtiger ist, dass sich international die Sicht auf das Ruhrgebiet entscheidend verändert hat - wir wollen dauerhaft als Metropole Ruhr wahrgenommen werden.

Was war ausschlaggebend für den Erfolg?

Jede Kulturhauptstadt sollte das Ziel verfolgen, nicht nach dem Motto "Event, Event, ein Lichtlein brennt" zu verfahren. Es geht um Nachhaltigkeit. Das Ruhrgebiet hatte die große Aufgabe, sich überhaupt erst als attraktives Ziel für Kulturtouristen zu etablieren. Dieses Thema kennt Leipzig nicht, denn es wird ja bereits als Kulturstadt wahrgenommen.

Was vorher kaum einer wusste: Das Ruhrgebiet kann aber im Ganzen mit einer lebendigen Theater- und Museumslandschaft auftrumpfen. Und dafür war es wichtig, dass - anders als beim Fußball - Essen, Bochum oder Dortmund nicht gegen- sondern miteinander spielen. Das ist uns gelungen, und das wird jetzt auch wieder finanziell gewürdigt: 2012 bekommt das Ruhrgebiet 4,8 Millionen Euro zusätzlich an Kulturmitteln, je zur Hälfte getragen vom Regionalverband Ruhr und dem Land Nordrhein-Westfalen.

Inwiefern können Sie das Modell "eine Stadt bewirbt sich für die Region" empfehlen?

Bei der Dichte der Städtelandschaft im Ruhrgebiet, mit 5,3 Millionen Einwohnern auf engem Raum, hat es sich angeboten, dass Essen als Kulturhauptstadt stellvertretend für die ganze Region stand. Das kann man sicher nicht eins zu eins übertragen. Ich denke nicht, dass Leipzig das zum Hauptthema machen wird. Die Stadt wird ihr Thema finden, aber das wird wahrscheinlich nicht das Zusammenwachsen der Region sein.

Ist es hilfreich für die Bewerbung, dass Leipzig schon als Kulturhochburg gilt?

php771Wnk20110907145135.jpg

"Kultur-Leuchttürme": Zeche Nordstern in Gelsenkirchen und die Thomaskirche Leipzig.

Quelle: Ruhr.2010 Heinz

Wenn ich in Leipzig zu Besuch bin, begeistert mich jedes Mal die tolle Atmosphäre in der Stadt. Die EU-Kommission wird bei einer Bewerbung für 2020 darauf schauen: Was springt als zusätzlicher kultureller Wert für die Zukunft dabei heraus. Was ist 2020 neu und hat auch 2025 noch Bestand - und die Thomaskirche, die kennt man ja schon.

Welche Fehler sollte Leipzig als Kulturhauptstadt-Anwärter unbedingt vermeiden?

Man musst jetzt abwarten, wie die EU-Kommission das Bewerbungsverfahren zukünftig gestalten wird, die Kriterien stehen ja derzeit auf dem Prüfstand. Aber unabhängig von dem Ergebnis gilt: Das Konzept sollte so gestaltet sein, dass Leipzig in jedem Fall positive Effekte davonträgt. Mit allem, was Leipzig schon auszeichnet, wird es gar nicht einfach sein, den Mehrwert als Kulturhauptstadt darzustellen.

Mit welchen Risiken muss die Kommune in der Bewerbungsphase rechnen?

Der Stadtkonsens muss unbedingt erhalten bleiben. In Freiburg zum Beispiel gibt es zwei unterschiedliche Lager. Die einen sehen die Stärken der Stadt eher in ihrem Ruf als ökologischer Hochburg, die anderen betonen das kulturelle Potenzial. Insofern ist es sehr positiv, dass der Leipziger Stadtrat sich recht einmütig zu der Bewerbung bekannt hat. Aber natürlich haben sich auch schon andere deutsche Städte auf den Weg gemacht: Mannheim ist bereits sehr weit mit seinen Plänen, in Stuttgart gibt es einen Antrag der Grünen und auch Magdeburg hat einen Stadtratsbeschluss.

Was zeichnet denn die deutsche Kulturlandschaft im internationalen Vergleich aus?

Wir haben die dichteste und stärkste Kulturlandschaft weltweit. Das ist zu einem guten Stück dem föderalen System zu verdanken, dem starken Selbstbewusstsein der Länder. Aber wir haben ein Defizit in der kulturellen Bildung. Die Unterhaltung von Bibliotheken und Musikschulen zum Beispiel sind freiwillige Leistungen, und stehen deshalb auch immer wieder zur Disposition. In Skandinavien und Österreich wäre es undenkbar, nicht allen Menschen den Zugang zu dieser Bildung zu ermöglichen. Die kulturelle Infrastruktur auf diesem Gebiet zu stärken, ist eine große Aufgabe für Deutschland.

Evelyn ter Vehn

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die Ausstellung "DDR-Comic Mosaik - Dig, Dag, Digedag" ist ab sofort dauerhaft im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album 2
    Leipzig-Album 2

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr