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"Kunst ist immer gefährlich. Oder unwichtig": Chefdramaturg Bautz im LVZ-Interview

"Kunst ist immer gefährlich. Oder unwichtig": Chefdramaturg Bautz im LVZ-Interview

Mit dem Orgien-Mysterien-Theater des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch endet vom 21. bis 23. Juni die Ära des Intendanten Sebastian Hartmann am Schauspiel Leipzig.

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Uwe Bautz, Chefdramaturg am Centraltheater Leipzig.

Quelle: Andreas Doering

Leipzig. Im Interview spricht Chefdramaturg Uwe Bautz über Nitsch, Tierschützer-Kritik und zieht eine Bilanz der vergangenen fünf Jahre.

Frage: Wie sind Sie auf Hermann Nitsch gekommen?

Uwe Bautz: Die erste Idee war, mit Wagner umzugehen, mit dem Parsifal. Nitsch arbeitet seit über 50 Jahren damit. Deshalb habe ich ihn gefragt - und dann war relativ bald klar, dass er etwas macht.

Flapsig gefragt: Urin, Blut, Sperma - das hatten wir in den vergangenen fünf Jahren immer mal auf der Centraltheaterbühne. Ist Nitschs Orgien-Mysterien-Theater nun Vollendung oder eher ironische Pointe?

Es ist die Klammer: Die Kreatur des Menschen, herangeführt an Extremsituationen. Das Leiden Christi paradigmatisch für das Leiden des Menschen in der Welt. Das sind die Themen des antiken Dramas, des Theaters bis heute. Wir haben hier 2008 angefangen mit der Matthäuspassion, uns über die Grundlagen des Mythos verständigt. Mit Hermann Nitsch wird ein Bogen geschlagen. Er kommt ja genau aus dieser Tradition, der Philosophie des antiken Dramas, des Mythos der Passion als Grundlage unsrer Kultur. Insofern hat das mit Ironie gar nichts zu tun. Und wenn Sie hier polemisch von Blut sprechen, dann ist dazu zu sagen, dass wir uns alle von diesem Thema, den Symbolen, aber auch dem Mechanismus der Passion sehr weit entfernt haben, weil wir das alles ins Unter-, Unbewusste und in kapitalisierbare Formen weggedrückt haben.

Was wird Nitsch hier machen?

Er macht hier ein "3-Tage-Spiel", am ersten Abend wird er die Aktionsmusik konzertant vorstellen. Die eigentliche Aktion, die ungefähr sechs Stunden dauern wird, findet am zweiten Tag, im Zuschauerraum, auf der Bühne und der Hinterbühne statt. Am dritten wird er im und um das Theater herum ein dionysisches Fest feiern.

Tierschützer halten Nitsch Tiermord im Namen der Kunst vor. Eine entsprechende Online-Petition wurde bereits von über 11000 Personen unterschrieben. Was sagen Sie dazu?

Wir haben ja bereits klargestellt, dass auf der Bühne keine Tiere getötet oder gequält werden. Wir sehen uns als Gegner der Massentierhaltung und des wahnsinnigen Fleischkonsums in unserer Gesellschaft. Das ist aber gar nicht der Punkt, um den es Nitsch geht. Er nimmt für seine Kunst Tiere, die ohnehin geschlachtet werden, ohnehin in den Kreislauf des Verzehrs gebracht würden. Wenn man gegen jegliches Schlachten von Tieren für menschliche Bedürfnisse ist, dann wäre ich sehr froh, wenn wir diese Bewegung permanent im Bewusstsein hätten. In einem solchen Sinne sehe ich Nitsch als Teil dieser Bewegung. Er ist ein Tierschützer.

Das ist jetzt aber nicht direkt Thema der Aktion ...

Ihm geht es um ein Erlebnis für die fünf Sinne, bei dem man die Grenzerfahrungen körperlich spüren kann. Wenn das manchen zu weit geht, sind wir ja die letzten, die das nicht respektieren. Aber hier im Theater findet kein Zynismus, keine Ironie, kein leichtfertiges Umgehen mit der Würde und dem Ansehen von Menschen oder Tieren statt, sondern ein hochkonzentrierter Versuch, einen Raum zu schaffen, in dem man bestimmte Grenzerfahrungen, die wir verdrängt haben, machen kann. Da ist eine direkte Verbindung zur christlichen Kultur, und da sind wie ganz schnell bei Wagner und seinem Erlösungsgedanken. Was Nitsch an diesem Abend macht, ist Teil jedes Abendmahls, jeder Passion. Es geht ihm nicht um billige Effekte. Er arbeitet in einem hochkomplexen System von Partitur, opernhafter Arbeit, Theater- und Bildritual. Nitsch ist weit davon entfernt, mit dem Provokationsvorsatz herumzulaufen.

Was für Kadaver holt sich Herr Nitsch denn nun aus dem Schlachthof?

Ich glaube, es geht um einen Stier. Uns war klar: Wenn wir uns einen bildenden Künstler holen, der sein Leben lang an einer Theatervision arbeitet, holen, dann bedeutet das etwas. Auch, dass sich das Theater jenseits von Theater erweitert. Grenzverschiebung und -erweiterung ist seit fünf Jahren unser Thema.

Nun geht die Ära Hartmann/Bautz mit Nitsch zu Ende. Einigen kam es so vor, als sei hier ein Raumschiff gelandet, zeigt, formulieren wir es neutral, eigen-artige Spiel- und Kunstformen, packt jetzt seinen Krempel wieder ein und fliegt davon. Ist das nicht auch arrogant?

Das hat mit Arroganz überhaupt nichts zu tun. Hier sind Künstler angetreten, um Theater zu spielen. Wir haben nicht taktiert oder uns verstellt, sondern versucht, ehrlich zu sein. Und wir haben euch nicht für dumm verkauft, indem wir euch das vormachen, was wir gar nicht sind. Wir haben die Stadt ernstgenommen. Und ich nehme sie sehr ernst, wenn ich sage: Lasst uns über Menschsein und Erlösung auch auf andere Weise diskutieren, als wenn ich mir - als Beispiel - eine halbszenische Wagner-Aufführung in der Uni-Aula ansehe. Dass wir da den Kommunikationsbedarf möglicherweise an der einen oder anderen Stelle unterschätzt haben, schließen wir nicht aus. Wir haben Nitsch übrigens seit vier Jahren offiziell angekündigt. Denken Sie, wir haben bis vor kurzem eine einzige Mail dazu bekommen? Nein, das ist hier nicht das letzte arrogante Ausrufezeichen vor dem Abflug.

Die Leipziger Festspiele sind ohne Frage ein Erfolg. Das ist doch der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um zu gehen...

Oder der beste. Wir wollten nicht dieses graue Abspielen, mit dem man aus einer Stadt geht, stattdessen die Energien innerhalb des Hauses und nach außen nochmal auf ein anderes Level bringen. Wir wollten diese Beschleunigung, nochmal ein ganz starkes Gegenüber zwischen Akteur und Zuschauer erzeugen. Es ist doch wunderbar. Die Vorstellungen sind voll. Es macht einen Riesenspaß. Es ist toll zu sehen, wie das Ensemble innerhalb von fünf Tagen eine Euripides-Bearbeitung auf die Bühne bringt.

Was bleibt von diesen fünf Jahren?

Ich glaube, es werden sich einige stärker an das Centraltheater erinnern, als sie sich das jetzt vorstellen können. Was hier war, hat hier und andernorts Folgen. Ich denke, dass wir für das Theater Menschen gewonnen haben, die sich früher nicht dafür interessierten. Wir haben versucht, dieses Haus in einer, was Sprechtheater angeht, äußerst komplizierten Stadt, in gewisser Weise zu erlösen.

Was ist denn aus Ihrer Sicht so kompliziert an dieser Kulturstadt?

Ich finde es wunderbar, dass es hier ein Gewandhaus gibt, dass sich die Stadt so eine große Oper leistet, aber mit Sprechtheater - auch mit der Oper - hat die Stadt traditionell ein Problem. Darauf sind die Herzen und Köpfe der Menschen nicht über Generationen ausgerichtet worden. Die Leute zwischen 40 und 50 kommen nicht, weil die nicht von ihren Eltern gehört haben: Geht doch mal ins Schauspiel, das ist interessant, schön, wichtig. Das Problem hatten alle Intendanten hier. Nun darf man hoffen, dass unsere intensive Jugendarbeit im Spinnwerk hier auch einen Hebel umgelegt hat.

Sie haben definitiv jüngere Zuschauer gewonnen, aber auch ältere verloren: Halten Sie nicht für möglich, dass das Theater der letzten fünf Jahre ästhetisch an vielen vorbeigespielt hat?

Am Centraltheater haben ja immer sehr verschiedene Handschriften parallel stattgefunden. Die Forderung "Theater für alle" ist allerdings ein tragischer Widerspruch. Drittens: Beides hat gar nichts mit "alt oder jung" zu tun.

Wo sehen Sie das größte Problem für die Stadttheater?

Darin, dass Kunst immer mehr in die Dienstleisterposition gebracht wird, indem wir uns permanent erklären und auf Bedürfnisse reagieren sollen. Dadurch, dass die Städte die Vorgaben an die Kunst immer weiter spezifizieren, schaffen sie sie letztlich ab. Dieser Verengung wollten wir immer entgegenarbeiten. Dafür steht auch ein Künstler wie Nitsch. Dass es gefährlich ist, an eine Grenze geht, ist klar. Kunst ist immer gefährlich. Oder unwichtig.

Der neue Intendant Enrico Lübbe markiert bereits sein Revier, indem er das "Centraltheater" wieder in "Schauspiel" zurückbenennt. Wie sehen Sie das?

Ich bin da ganz entspannt. Wir haben die Spielstätte damals aus guten Gründen und nicht aus einem Anflug von Arroganz umbenannt. Da hat doch jeder neue Intendant dasselbe Recht, das ist völlig in Ordnung. Ich wünsche ihm viel Erfolg.

21.-23. Juni im Centraltheater. Karten unter 03411268168; für die Aktion am 22. Juni werden noch Akteure gesucht, "die bereit sind, sich an die Grenzen des Bewussten und darüber hinaus zu begeben". Infos unter www.schauspiel-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.05.2013

interview: Jürgen Kleindienst

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