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Kultur Kurt Krömer steckt im ausverkauften Haus Auensee in Leipzig die Grenzen des Humors ab
Nachrichten Kultur Kurt Krömer steckt im ausverkauften Haus Auensee in Leipzig die Grenzen des Humors ab
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14:12 30.03.2014
Hüpft derb auf schmalen Grenzpfaden: Kurt Krömer im Leipziger Haus Auensee. Quelle: André Kempner
Leipzig

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Humor muss nicht immer lustig sein. Sagte mal Kurt Krömer, der ja sehr genau weiß, wie man Humorgrenzen ausreizt. Bis dorthin, wo das Lachen jener eigentümlichen Schmerzreaktion gleicht, die man hat, wenn man sich den Musikantenknochen stößt. Im Englischen spricht man diesbezüglich ja von den "funny bones". Und wer je ein TV-Format wie das englische "Little Britain", oder eben auch "Krömers Late Night" gesehen hat, weiß was es heißt, wenn Humor auf dem schmalen Grat zwischen Scherz- und Schmerzgrenze lustvoll hemmungslos umher stapft.

Es ist genau das, was Krömer beherrscht wie kein Zweiter hierzulande. Und sein Credo vom Humor, der nicht immer lustig sein muss, hat dann auch schon manchem erfolgreich das Lachen vergehen lassen. Gerade auch solchen, die sich im eitlen Glauben an die Unerschütterlichkeit ihrer kulturbürgerlichen Souveränität Kurt Krömer aussetzten (etwa als Gast seiner "Late Night") und dann derart Erschütterndes erleben mussten, dass nicht nur Anwälte, sondern auch per Interview nachgereichte Publikumsbeschimpfungen helfen sollten, das angeknackste Ego wieder auf festeres Fundament zu stellen. So mag man sich, als Krömer in schlabbriger Pyjamahose und Sesamstraßen-Ernie-Streifenpullover auf die Bühne schlurft, an die Worte eines dieser Erschütterten erinnern: Krömer sei eine bloße "Nischen-Nummer" und zwar eine für "Dumpfbacken".

Eingedenk dieses Urteils muss man schon ein wenig grinsen, sitzt man dann behaglich im insgesamt doch recht freundlichen Publikum. Soll heißen: "Dumpfbacken" trifft man tatsächlich eher anderswo als bei Krömer. Und was dessen Show selbst angeht, so hat die sich gottlob einiges von jenem Radikalirrwitz aus längst vergangenen Nischen-Tagen bewahrt.

Diesen Irrwitz Masche zu nennen, wäre falsch. Denn Krömer kalkuliert nicht, er spekuliert. Er plant nicht, er lässt es vielmehr darauf an- oder auch auf sich zukommen. Natürlich gibt es ein dramaturgisches Gerüst - aber innerhalb dessen gilt: Mal schauen, was geht.

Und wie weit es geht, zeigt sich, wenn Krömer aus dem Publikum einen Markus auf die Bühne holt, während Seifenblasen vom Himmel schweben und auf der Hintergrundleinwand Regenbogen-Fahnen flattern oder der Berliner Regierende Bürgermeister sanft lächelt. Krömer nimmt Markus bei der Hand, plaudert, scherzt und plauzt dann heraus mit diesem: "Ja, wir sind homosexuell!" und: "Wir verbringen jetzt den Rest unseres Lebens zusammen!". Um Markus an sich zu reißen und dem Konsternierten einen schier Ewigkeiten dauernden Kuss auf die Lippen zu pressen.

Ja, das hüpft derb auf schmalen Grenzpfaden. Und doch entsteht in keinem Moment das Gefühl des Fremdschämens, das immer dann eintritt, wenn man spürt, dass der auf der Bühne nicht weiß, was er tut. Wenn die Komik unfreiwillig wird, weil das Deftig-Derbe zur bloßen Grobschlächtigkeit verkommt - und somit eben jeder Komik entbehrt.

Kurt Krömer nun weiß genau, was er macht. Von Anfang an immer wieder auf direkte Publikumsinteraktion setzend. Dass die auch mal provozierend mosert, ist kein Selbstzweck. Dieser Humor braucht Reibung, um Funken zu schlagen und vielleicht auch ein bisschen Gegenwind, um aufzuflammen.

Im Auensee klappt das prächtig. Der Pointen gibt's einige. Aber sie sind nicht das Wichtige. Der Weg dahin ist es, dieses nicht nacherzählbare Erzählen im berlinernden Idiom- und natürlich dieses extraordinäre Motzen, das eben nicht nur gern ordinär ist, sondern auch eins des außergewöhnlichen Gespürs für Wortklang. Das knallt dann wie der Colt, den Krömer gelegentlich aus mehr, meist weniger sinnvollen Gründen abfeuert.

Und dann diese Pausen. Hinsetzen, rauchen. Schauen, was kommt. Etwas über Markus Lanz und Til Schweiger lästern und über den Quatsch, den die Presse so schreibt, von wegen Krömers Abschied und so. Und ja: Man könnte mal bei der NPD anrufen. Oder lieber bei "Bild"? Hat er alles schon gemacht, der Krömer. Keiner der Angerufenen fand es lustig. Muss Humor ja auch nicht immer sein.

Die Gespräche, die Krömer dann aber in Ermangelung spektakulärerer Ideen mit zwei Damen von der Telefonauskunft führt ("Gibt es beim Aldi schon Domino-Steine?") sind es. Auch, weil die Damen erstaunlich souverän und charmant sind und Krömer darüber geradezu zum liebenswürdigen Jungen wird. Und so denkt man sich dann auch zum Jubel am Ende der Show: Junge, komm bald wieder! Und mach bloß weiter! Denn ohne Krömer wär's in Deutschland wieder nur wie gehabt lustig. Und da weiß man ja: Zum Lachen ist das eher selten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.03.2014

Steffen Georgi

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