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Kultur Kuschelige Scheinmoderne - Strauss Zyklus im Leipziger Gewandhaus
Nachrichten Kultur Kuschelige Scheinmoderne - Strauss Zyklus im Leipziger Gewandhaus
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13:41 09.05.2014
Bernard Rands, Jonathan Biss und Andrew Davis (v.l.) im Großen Concert. Quelle: Gert Mothes

Doch so gerade heraus dieser Beginn ist, so kompliziert ist der Rest.

Ums Individuum geht es und ums Ganze, um Werden und Abstieg des Einzelnen auf dem weiten Weg vom C-Dur der Trompeten im Licht des Sonnenaufgangs bis zum splitternden H-Dur der Holzbläser am Ende. Wie das Individuum zum Ganzen sich stellen möge, das ist die in diesem Werk wichtigste Frage, die der Dirigent zu beantworten hat: Ist das Ganze entscheidend, zu dem die Stimmen sich gruppieren, oder bleibt der Einzelne im Fokus? Im ersten Falle ist die Gefahr pauschaler Plüschigkeit groß, im zweiten die des ebenso pauschalen Durcheinanders.

Sir Andrew Davis, Dirigent der Großen Concerte dieser Woche, entscheidet sich für den zweiten Weg. Bei seinem Beitrag zum Strauss-Zyklus des Gewandhauses hängt kein blutroter Brokat-Vorhang hinter der Szene, sein Zarathustra klingt, wie Claude Debussy den Kollegen am Pult beschrieb: "Richard Strauss hat weder eine närrisch wilde Lockenmähne noch die Bewegungen eines Rasenden. Er ist groß und wirkt in seiner freien entschlossenen Haltung wie einer jener großen Forscher, die mit einem Lächeln auf den Lippen die Gebiete wilder Völkerschaften durchqueren."

Kehrseite der Medaille ist eine gewisse Distanziertheit, die bei aller exquisiten Pracht, die das Orchester unter den stablos führenden Händen des Briten entfaltet, das Dionysische zu kurz kommen lässt, wenngleich Konzertmeister Frank-Michael Erben sein herrliches Tanzmeistersolo mit virtuoser Hingabe geigt, überhaupt alle Gruppen fabelhafte Soli beisteuern. Bisweilen bräuchte Zarathustra mehr Ruhe um seine Thesen vom Menschsein zu entwickeln.

Strauss' "Festlichem Präludium" für große Orgel und verdammt großes Orchester hingegen bekommt Davis' Vorwärtsdrang gut. Er hält das pompöse Werk, geschrieben 1913 zur Eröffnung des Wiener Konzerthauses, im Fluss. Doch trotz heißen Bemühens aller Beteiligten rund um Gewandhausorganist Michael Schönheit: Der Verdacht, dass da Strauss, der grandiose Könner, sehr gekonnt, aber ohne inneren Antrieb eines Auftrags sich entledigte, ist schwer aus der Welt zu schaffen.

Insofern ist das "Festliche Präludium" ein treffliches Vorspiel für die Deutsche Erstaufführung von Bernard Rands' (Jahrgang 1934) Konzert für Klavier und Orchester. Auch der Pulitzer-dekorierte Rands ist ein Könner, vor allem als Instrumentator. Betörende Klänge mischt er vor allem im Mittelsatz. Jonathan Biss bewältigt am Flügel den so unangenehmen wie undankbaren Klavierpart mit souveräner Detailversessenheit. Davis und das Orchester nähern sich der kunstgewerblichen Könnerschaft mit vorzüglicher Hochachtung. Dennoch: Auf diese 20 Minuten kuscheliger Scheinmoderne trifft zu, was Camille Saint-Saëns über die Musik Max Regers sagte: "Das fängt nicht an, das hört nicht auf, das dauert nur."

Neues spielt in den Großen Concerten eine traurige Nebenrolle. Drum bleibt die Ansetzung dieser gediegenen Unerheblichkeit rätselhaft. Oder ärgerlich.

MDR Figaro überträgt den Mitschnitt des Konzerts am 13. Mai, 20.05 Uhr; Strauss-Zyklus im Gewandhaus: 24. Mai: Lang Lang, Wiener Philharmoniker, C. Eschenbach mit Burleske, Metamorphosen, Don Juan, Rosenkavalier-Suite; 5., 6. Juni: R. Chailly: Don Quixote, Tod und Verklärung, Eulenspiegel; 11. Juni: R. Chailly: Don Quixote, Eulenspiegel, Orchesterlieder; 3., 4. Juli, A. Nelsons dirigiert "Alpensinfonie"; Restkarten im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Telefonnummer 0800 2181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.05.2014

Korfmacher, Peter

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