Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° Schneeschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Kuschelige Scheinmoderne - Strauss Zyklus im Leipziger Gewandhaus

Kuschelige Scheinmoderne - Strauss Zyklus im Leipziger Gewandhaus

"Die Sonne geht auf. Das Individuum tritt in die Welt oder die Welt ins Individuum." So beginnt Nietzsche in "Also sprach Zarathustra" seinen "Hymnus an die Sonne", und Richard Strauss goss diese Worte in die hinlänglich bekannten ersten 22 Takte seiner gleichnamigen Tondichtung.

Voriger Artikel
Das wird verlockend: Museumsnacht in Leipzig und Halle betört mit 300 Veranstaltungen
Nächster Artikel
Dirigent Gotthold Schwarz vertritt zum Leipziger Bachfest erkrankten Thomaskantor Biller

Bernard Rands, Jonathan Biss und Andrew Davis (v.l.) im Großen Concert.

Quelle: Gert Mothes

Doch so gerade heraus dieser Beginn ist, so kompliziert ist der Rest.

Ums Individuum geht es und ums Ganze, um Werden und Abstieg des Einzelnen auf dem weiten Weg vom C-Dur der Trompeten im Licht des Sonnenaufgangs bis zum splitternden H-Dur der Holzbläser am Ende. Wie das Individuum zum Ganzen sich stellen möge, das ist die in diesem Werk wichtigste Frage, die der Dirigent zu beantworten hat: Ist das Ganze entscheidend, zu dem die Stimmen sich gruppieren, oder bleibt der Einzelne im Fokus? Im ersten Falle ist die Gefahr pauschaler Plüschigkeit groß, im zweiten die des ebenso pauschalen Durcheinanders.

Sir Andrew Davis, Dirigent der Großen Concerte dieser Woche, entscheidet sich für den zweiten Weg. Bei seinem Beitrag zum Strauss-Zyklus des Gewandhauses hängt kein blutroter Brokat-Vorhang hinter der Szene, sein Zarathustra klingt, wie Claude Debussy den Kollegen am Pult beschrieb: "Richard Strauss hat weder eine närrisch wilde Lockenmähne noch die Bewegungen eines Rasenden. Er ist groß und wirkt in seiner freien entschlossenen Haltung wie einer jener großen Forscher, die mit einem Lächeln auf den Lippen die Gebiete wilder Völkerschaften durchqueren."

Kehrseite der Medaille ist eine gewisse Distanziertheit, die bei aller exquisiten Pracht, die das Orchester unter den stablos führenden Händen des Briten entfaltet, das Dionysische zu kurz kommen lässt, wenngleich Konzertmeister Frank-Michael Erben sein herrliches Tanzmeistersolo mit virtuoser Hingabe geigt, überhaupt alle Gruppen fabelhafte Soli beisteuern. Bisweilen bräuchte Zarathustra mehr Ruhe um seine Thesen vom Menschsein zu entwickeln.

Strauss' "Festlichem Präludium" für große Orgel und verdammt großes Orchester hingegen bekommt Davis' Vorwärtsdrang gut. Er hält das pompöse Werk, geschrieben 1913 zur Eröffnung des Wiener Konzerthauses, im Fluss. Doch trotz heißen Bemühens aller Beteiligten rund um Gewandhausorganist Michael Schönheit: Der Verdacht, dass da Strauss, der grandiose Könner, sehr gekonnt, aber ohne inneren Antrieb eines Auftrags sich entledigte, ist schwer aus der Welt zu schaffen.

Insofern ist das "Festliche Präludium" ein treffliches Vorspiel für die Deutsche Erstaufführung von Bernard Rands' (Jahrgang 1934) Konzert für Klavier und Orchester. Auch der Pulitzer-dekorierte Rands ist ein Könner, vor allem als Instrumentator. Betörende Klänge mischt er vor allem im Mittelsatz. Jonathan Biss bewältigt am Flügel den so unangenehmen wie undankbaren Klavierpart mit souveräner Detailversessenheit. Davis und das Orchester nähern sich der kunstgewerblichen Könnerschaft mit vorzüglicher Hochachtung. Dennoch: Auf diese 20 Minuten kuscheliger Scheinmoderne trifft zu, was Camille Saint-Saëns über die Musik Max Regers sagte: "Das fängt nicht an, das hört nicht auf, das dauert nur."

Neues spielt in den Großen Concerten eine traurige Nebenrolle. Drum bleibt die Ansetzung dieser gediegenen Unerheblichkeit rätselhaft. Oder ärgerlich.

MDR Figaro überträgt den Mitschnitt des Konzerts am 13. Mai, 20.05 Uhr; Strauss-Zyklus im Gewandhaus: 24. Mai: Lang Lang, Wiener Philharmoniker, C. Eschenbach mit Burleske, Metamorphosen, Don Juan, Rosenkavalier-Suite; 5., 6. Juni: R. Chailly: Don Quixote, Tod und Verklärung, Eulenspiegel; 11. Juni: R. Chailly: Don Quixote, Eulenspiegel, Orchesterlieder; 3., 4. Juli, A. Nelsons dirigiert "Alpensinfonie"; Restkarten im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Telefonnummer 0800 2181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.05.2014

Korfmacher, Peter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Das Schumann-Haus Leipzig widmet sich dem Leben und Wirken des Komponisten-Ehepaars Robert und Clara Schumann. mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album 2
    Leipzig-Album 2

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr