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Kultur Lachmesse-Preisträger Helmut Schleich im Interview: „Hysterie ist schädlich“
Nachrichten Kultur Lachmesse-Preisträger Helmut Schleich im Interview: „Hysterie ist schädlich“
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13:13 17.10.2017
Helmut Schleich mit dem Preis der Leipziger Lachmesse Quelle: André Kempner
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Leipzig

Helmut Schleich versteht es meisterhaft, unterschiedliche Typen und Haltungen zu skizzieren. Sensationell dabei ist die Parodie auf den 1988 verblichenen CSU-Chef Franz Josef Strauß. Mit seinem Programm „Ehrlich“ hat der Münchner im letzten Jahr den mit 3500 Euro dotierten Lachmesse-Preis „Leipziger Löwenzahn“ gewonnen. Sonntagabend erhielt der 50-Jährige nach seinem Auftritt im Academixer-Keller die Auszeichnung – zur Eröffnung der 27. Ausgabe. Wir sprachen mit ihm über die Bundestagswahl, Europa und Auszeichnungen.

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LVZ: Der von Ihnen parodierte Franz Josef Strauß hat mal gesagt: Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Wie würde er das Abschneiden der AfD kommentieren?

Helmut Schleich: Schwer zu sagen. Aber schon vor der Wahl hätte ihm nicht gefallen, dass in München die AfD so dreist war, den Spruch „Franz Josef Strauß würde AfD wählen“ zu plakatieren – politische Erbschleicherei! Heute wäre ein Strauß ohnehin eher Wirtschaftsboss. Seine Haltung zur Lage der CSU wäre aber noch klarer.

Nämlich?

Für ihn wäre Seehofer ein Premium-Wahlverlierer. So schlecht haben nicht mal Huber und Beckstein 2008 abgeschnitten. Mit seinem glasklaren Zickzackkurs hat Seehofer viel Glaubwürdigkeit verspielt – und deshalb konnte rechts von der Union etwas entstehen.

Geben Sie eine Prognose ab, wie es mit der Demokratie in Deutschland weitergeht?

Dass Frau Merkel trotz massiver Stimmverluste weiter macht, könnte den Frust in der Bevölkerung befördern. Wie in den USA sollte nach zwei Amtsperioden Schluss sein. Endloskanzler sind nicht gut für die Demokratie. Die halte ich vor allem gefährdet durch die Globalisierung und den Europa-Kurs, der die Entdemokratisierung der einzelnen Länder zur Folge hat. Auch das hat der AfD Stimmen beschert. Der Populist lebt davon, dass er seinen schmutzigen Finger in Wunden legt, die existieren. Und dann fangen sie an, sich zu entzünden.

Sie sind Europa-Gegner?

Ohne missverstanden und in die rechte Ecke sortiert zu werden: ja. Es gibt keine demokratische Willensbildung in Europa, es gibt ja nicht mal europäische Parteien, und Entscheidungsprozesse sind weitgehend undurchschaubar. In erster Linie ist die EU ein Lobbyistenclub. Warum soll laut Macron Deutschland mit Frankreich fusionieren? Das ist Wirtschaftskungelei mit Ansage.

Könnten die vielen Stimmen für die AfD eine Beißhemmung unter den politischen Kabarettisten zur Folge haben, weil Wähler im Publikum sitzen?

Da sehe ich keine Gefahr. Es langweilt mich allerdings, wenn sich das Kabarett auf die Anklage beschränkt, das seien alles Nazis. So müsste man sich ja fragen: War der AfD-Wähler schon rechtsextrem, als er vor vier Jahren noch die SPD angekreuzt hat?

Es gibt den Vorwurf, dass Journalisten der AfD zuviel Aufmerksamkeit schenken und sie dadurch im Gespräch halten. Müssen auch Kabarettisten da aufpassen?

Alle, auch die Presse und Kabarettisten, müssen sich seriöser mit der Partei auseinandersetzen, sich mit ihr beschäftigen und sie an den Schwachstellen packen. Hysterie ist schädlich. Der Nazi-Vorwurf treibt lediglich deren Selbstheroisierung voran. Wir müssen intelligente Fragen stellen nach den Ursachen für die aktuelle Lage. Und da spielt die AfD halt mit rein.

Sie bekommen den Löwenzahn und haben dieses Jahr schon den Salzburger Stier gewonnen. Was ändern Preise an Ihrer Arbeit?

Es gibt ja manche, denen Preise wurscht sind – für mich sind das tolle Auszeichnungen, die mich in meiner Arbeit bestärken und bestätigen. Davon abgesehen, haben Preise auch Einfluss auf den Publikumsstrom, da sie die Bekanntheit erhöhen. Auch ohne Preis käme ich gern zum Festival – das Leipziger Publikum ist ein besonders waches Publikum, und die Lachmesse ist einfach toll, allein wegen der Möglichkeit, sich am Stammtisch mit Kollegen auszutauschen.

Gab es einen bestimmten Impuls, der Sie bewogen hat, Kabarettist zu werden?

Die Initialzündung kam mit der Parodie. Ich habe schon als Jugendlicher den Strauß gegeben, da lebte der noch. Kabarett war früh meine Art, mich auszudrücken und zu positionieren.

Heute bestimmen glattgebügelten Typen das Politgeschäft. Vermisst man da sogar einen schroffen Unsympathen wie Strauß?

Leute wie er, Brandt oder Wehner und die anderen waren ungeschliffener und authentisch. Die haben geschwitzt, geschrieen, gepoltert – das war nicht unbedingt sympathisch, aber ehrlich. Strauß, der Archetypus des barocken und korrupten Machtmenschen, ist bei mir auf der Bühne der ganz Böse, der sagt, wie er die Politik der halb Bösen findet. Im Grunde eine Commedia-del’arte-Figur.

Jüngere können mit der Parodie wenig anfangen, wenn sie das Original nicht kennen. Heißt das als Folgerung: Sie machen Kabarett für Ältere?

Fast alle Kabarettisten machen was für Ältere. Darin sehe ich kein Problem. Es gibt aber auch Leute unter 30 im Publikum, die von der Figur so angefixt sind, dass sie sich mit Strauß und der Geschichte der Bundesrepublik beschäftigen – das ist gut. Manche kommen zu mir und sagen: Der war ja in Echt gar nicht so lustig!

Nach einer längeren Tourpause machen Sie 2018 mit einem neuen Programm weiter. Was haben wir zu erwarten?

Das weiß ich noch nicht. Erstmal wollte ich die Wahl und die gesellschaftliche Diskussion darüber abwarten. Ich denke, im nächsten Jahr wird die Zukunft von Europa ein sehr dominantes Thema sein. Sicher wird das in mein Programm einfließen. Fest steht: Ich bleibe meinem Stil und meinen Figuren treu.

Interview: Mark Daniel

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