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"Lassen Sie uns tanzen" - Neuer Band der Werkausgabe von Truman Capote

"Lassen Sie uns tanzen" - Neuer Band der Werkausgabe von Truman Capote

Elf Seiten sind es nur. Keine große Sache. Kleine Seiten, denn der Verlag Kein & Aber präsentiert den Text im Taschenbuchformat, gebettet in fünf hinreißende Erzählungen aus dem Band "Baum der Nacht" (2007). Und es scheint eher eine Studie zu se

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Truman Capote (Archivfoto)

Quelle: dpa

Elf Seiten sind es nur. Keine große Sache. Kleine Seiten, denn der Verlag Kein & Aber präsentiert den Text im Taschenbuchformat, gebettet in fünf hinreißende Erzählungen aus dem Band "Baum der Nacht" (2007). Und es scheint eher eine Studie zu sein, die da spät erst in der New York Public Library gefunden wurde. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist der Erzähler Capote selbst, der sich 1965 auf eine dreiwöchige Kreuzfahrt durch die griechische Inselwelt begibt, entlang der Südküste der Türkei. Man reist auf der großen, ungeheuer eleganten Segelyacht eines italienischen Freundes. Einziger weiterer Gast ist Mrs. Williams, eine "distinguierte, ziemlich intellektuelle" Frau.

Allein zu zweit mit Koch und allem Pipapo lassen sie es sich gutgehen. Was bei Mrs. Williams bedeutet, dass sie "trotz der türkischen Augusthitze an Land unermüdlich, geradezu fanatisch darauf bedacht" war, alles zu besichtigen. Sonst hätte sie nämlich ein schlechtes Gewissen gehabt. Der Erzähler hingegen hasst Besichtigungen, "ein Haufen alter Steine ist für mich nichts weiter als ein Haufen alter Steine". Dennoch werden sie "Freunde fürs Leben", und neben den Landgängen bleibt viel Zeit für köstliche Häppchen, kühle Getränke, erquickende Siestas. Sowie für einer Erstbegegnung mit Haschisch. ",Wunderbar', sagte Mrs. Williams kichernd. ,Alles scheint so komisch zu sein. So furchtbar lustig. Lassen Sie uns tanzen.' Aber das konnten wir nicht, denn wir konnten nicht aufstehen."

Und das ist es dann auch schon. Mehr passiert nicht als diese kleine Weltflucht, ein hedonistischer Ausflug. Capote-Sound, man hört ihn leise kichern, doch wirklich heraus tritt er erst in den fünf anderen Erzählungen des Bändchens. Die älteste heißt "Die Wände sind kalt" und stammt aus dem Jahr 1943, in dem er auch seinen ersten Roman begann, "Sommerdiebe".

In "Die Wände sind kalt" macht die gleichermaßen übersättigte wie im Herzen leere 16-jährige Louise auf ihrer Party einen Matrosen an, um ihn schließlich zu beschämen. Sie fällt zurück in ihre bodenlose Einsamkeit. Emotional verdursten kann man auch in jener "Wüste", in die Frauen ihre Männer schicken. Die 36-jährige Sarah, die nicht zuletzt dank ärztlicher Kunst und des privaten Fitnesstrainings bei Josef Pilates wie Anfang 20 aussieht, hält sich ihren Analytiker als Geliebten, den sie allerdings bald abserviert - seiner haarigen Fesseln wegen. Die Gespielinnen ihres Mann sucht sie mit der gleichen Kälte aus, mit der sie auch die Versorgung ihrer Kinder organisiert. Capote zeigt sich als kluger Psychologe und Stilist. Geistreich und boshaft formt er aus dem, was er erlebt und erfahren hat, Geschichten, um am Rande menschlicher Abgründe das Fürchten zu lehren. Der Witwer Mr. Belli, "der von Beruf Steuerberater war und Ironie, auch sadistischer Art, daher zu würdigen wusste", gerät auf dem Friedhof in die Fänge einer zu allem entschlossenen Single-Frau. Vincent kauft einem geheimnisvollen Mädchen ein Bild ab und landet in der kruden Welt des Gemäldes und des Mädchens.

Was in "Yachten und dergleichen" nur Andeutung bleibt, ist hier vollendet: das Gestalten von Charakteren, Situationen und Zuständen, wozu unbedingt die Unmöglichkeit jeglicher Zweierbeziehung gehört: "Er strahlte eine oberflächliche Vitalität aus; schon deswegen fühlten sich Männer wie Frauen zu ihm hingezogen. Bei genauerer Betrachtung spürte man jedoch eine innere Mattigkeit, das Fehlen von jeglichem echten Optimismus. Seine Frau war sich dessen zutiefst bewusst; wie sollte sie es auch nicht sein? Sie war schließlich der Hauptgrund dafür." Es ist nicht schmeichelhaft, von Capote porträtiert zu werden, dessen Protagonisten in gewisser Weise so skurril sind, wie er selbst es war.

1924 in New Orleans geboren, zog er als Achtjähriger zur Mutter nach New York. Mit 20 veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte, 1948 wurde er für seinen ersten Roman, "Andere Stimmen, andere Räume", als literarisches Naturtalent gefeiert. Es folgten Reisebeschreibungen, Porträts und die 1966 Aufsehen erregende literarische Reportage "Kaltblütig". Capote hatte die Nähe zur High Society gesucht und gefunden. Zu einem Ball lud er die 500 berühmtesten Persönlichkeiten der USA ein. Später suchte er den Rausch, und er fand auch den.

Im gleichen Jahr unterschrieb der Autor den Vertrag für einen neuen Roman, "Erhörte Gebete" sollte er heißen, 1968 fertig werden und nicht weniger als das zeitgenössische Pendant zu Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", wie Capote selbst verkündete. Doch es dauerte. Jahrelang ging er seine Korrespondenzen und Tagebücher durch und die Notizen über hunderte Gespräche und Szenen.

1975 schließlich erschien im "Esquire" das erste Kapitel, "Wüste", das er später aus dem Roman löste und als Kurzgeschichte veröffentlichte. Dann das Kapitel "La Côte Basque", eine Abrechnung mit der Welt der Reichen und Schöngemachten. Herausgeber Joseph M. Fox erinnert sich später: "Es löste in den Gesellschaftskreisen, deren Beschreibung Truman sich zum Ziel gesetzt hatte, eine katastrophale Explosion aus. Fast alle seine Freunde kehrten ihm den Rücken, weil er so schamlos aus dem Nähkästchen geplaudert hatte, und viele sprachen danach nie wieder ein Wort mit ihm."

Erst nach Capotes Tod, er starb 1984 an einer Überdosis Tabletten, erschien 1987 "Erhörte Gebete" - unvollendet. Vier Kapitel gelten bis heute als verschollen. "Yachten und dergleichen" war eine der von Capote gelegentlich erwähnten Kapitelüberschriften, die Haschisch-Nacht mit Mrs. Williams vielleicht erst ein Anfang.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.07.2013

Janina Fleischer

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