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Lebensspuren zwischen Werden und Vergehen: Der Künstler Dietrich Gnüchtel wird 75

Ausstellung ab 8. September Lebensspuren zwischen Werden und Vergehen: Der Künstler Dietrich Gnüchtel wird 75

Unter Leipziger Künstlern war Dietrich Gnüchtel immer ein Außenseiter. Der Mann ließ sich nie in Schubladen stecken. Er ist ein Autodidakt, der das Spannungsfeld des Abstrakten auslotete. Den Offiziellen der DDR-Kulturpolitik war das nicht geheuer. Heute werden seine Arbeiten von Sammlern und Kunstfreunden geschätzt, sind in Museen zu finden. Am Montag wird er 75.

Lotet das Spannungsfeld des Abstrakten aus: Dietrich Gnüchtel.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Unter Leipziger Künstlern war Dietrich Gnüchtel immer ein Außenseiter. Der Mann ließ sich nie in Schubladen stecken. Als Autodidakt, der zudem das universelle Spannungsfeld des Abstrakten auslotete, brauchte er im Schmelztiegel eines intellektuell befrachteten Realismus enorme Beharrlichkeit. Den Offiziellen der DDR-Kulturpolitik war das nicht geheuer. Sie taten sich bis 1988 schwer, Gnüchtel in den Künstlerverband aufzunehmen. Erst in jenem Jahr verkaufte er sein erstes Bild. Da war er 46.

Heute werden seine Arbeiten von Sammlern und Kunstfreunden geschätzt, sind in Museen zu finden. In seine Bilder, das ist längst sein Markenzeichen, arbeitet Gnüchtel gern altes Packpapier, Jutesäcke, Notizen, Zufallsfunde mit Schuhabdrücken oder Reifenspuren ein und verdichtet sie zu Psychogrammen seiner Befindlichkeit. Seine Materialien sind Relikte, die andere längst verworfen haben. Diesen Erinnerungsspuren verleiht er in seinen non-figurativen Bildwelten Dauer und macht sie erlebbar in ihrer Vergänglichkeit. Mit aufgespachtelten Sanden und Erden modelliert der Maler mit Finesse die Oberfläche großer Formate in Ocker, Gelb und Grau oder monochromatischem Rot, Schwarz oder Blau. Seine malerisch subtil abgestuften Schöpfungen laden den Betrachter ein, sich auf die Kraft von Zeichen, den ästhetischen Reiz von Farben und Formen, den Sog von Strukturen einzulassen.

Vom Großvater, einem Studienrat, hatte der gebürtige Leipziger die Liebe zum Zeichnen geerbt. Er kritzelte in jeder freien Minute, besuchte Zeichenzirkel und Abendakademie. Der Vater freilich schätzte den „brotlosen“ Künstlerberuf wenig. Die Zeichnungen, die er in einer wütenden Anwandlung zerriss, klebte die Mutter zusammen und sandte sie heimlich an die Dresdner Akademie. Die einflussreiche Lea Grundig ermutigte Gnüchtel zur Aufnahmeprüfung. Doch mit Ahnungslosigkeit von sowjetischer Kunst und naiv bekundeter Begeisterung für die Expressionisten war Mitte der 1950er Jahre kein Blumentopf zu gewinnen. Auf eine erneute Bewerbung wollte sich der Abgewiesene nicht vertrösten lassen. Aus der Kunstgeschichte kannte er auch große Namen ohne akademische Weihen. Neben der Arbeit als Autolackierer – Gnüchtel hatte nach der achten Klasse einen „anständigen“ Beruf erlernt – zeichnete er Tag für Tag, besuchte die Abendakademie der Kunsthochschule bei Walter Münze und hatte erste Ausstellungen in kirchlichen Studentengemeinden. Als er zur Buchmesse einen Bildband von Wolfgang Hutter hochzog, Vertreter des Wiener Phantastischen Realismus, war das für ihn eine Entdeckung. Kleine Ölbilder entstanden, die Farbe mit dem Malstock lasierend aufgetragen. Doch diese Arbeiten schienen dem Suchenden schließlich wie Edeltapeten. Er hat sie alle zerstört. Zu eng war ihm im Käfig dieser Vorbilder.

Die Neuorientierung zeichnete sich 1977 ab. Da war Gnüchtel im Spagat zwischen praktischem Lebensunterhalt und künstlerischen Intentionen in eine Krise geglitten, die ihn in die Tiefe fernöstlicher Philosophie und Meditation führte. In seiner Wohnung in Lindenau, damals ein verwahrlostes Viertel, stieß er im Keller auf Verpackungsmüll von Vormietern, auf faszinierende Salpeterzeichnungen und die inspirierenden Strukturen bröckelnden Putzes. Diese Insignien des Verfalls, diese Spuren vergangenen Lebens, wurden ihm zur Offenbarung. Sie lösten in ihrem kosmischen Kontext von Werden und Vergehen einen emotionalen Reflexionsprozess aus, der sein Werk bis in die Gegenwart prägt. Damit stand Gnüchtel in der modernen Kunst nicht allein, doch Leitbilder wie Antoni Tapies sollte er erst später entdecken. Wichtige Impulse kamen damals aus einem Freundeskreis mit den Literaten Siegmar Faust, Gert Neumann und Wolfgang Hilbig, aber auch durch die Ermutigung von Leipziger Malern wie Günther Huniat, Frieder Heinze und Wolfram Ebersbach, die sich redlich um seine Aufnahme in den Künstlerverband mühten. Keine Frage: Auch die Staatssicherheit hatte den künstlerischen Einzelgänger auf dem Schirm, der sich als Gärtner in einem Plagwitzer Altenheim und mit Gelegenheitsarbeiten für Werbung durchschlug. Doch Freiheit des Denkens, Freiheit der Kunst waren für Gnüchtel an kein System gebunden, Weggehen aus der DDR kein Thema.

Eine Personalausstellung in der renommierten Leipziger Galerie am Sachsenplatz brachte ihm kurz vor Ende der Arbeiter- und-Bauern-Republik größeres öffentliches Echo. Ein Erfolg, endlich auch finanziell, war 1990 eine Ausstellung in Hannover, wo er mit Papierarbeiten und Materialbildern die Bandbreite Leipziger Kunst unterstrich. Doch das war nur ein Zwischenspiel: Das Interesse an Kunst aus dem Osten flaute bald wieder ab. Spätere Versuche, auf dem neuen Markt Fuß zu fassen, blieben Stückwerk. „Man muss herausragen wie ein Turm, um bemerkt zu werden“, sagt Gnüchtel. Die Sache des eher introvertierten Künstlers ist das nicht.

In der Alten Handelsschule zeigt Gnüchtel ab 8. September Malerei und Arbeiten auf Papier, hat sich dazu auch einen Freund, den Bildhauer Clemens Gerstenberger, ins Boot geholt. Infinity 75 heißt die Schau. Geburtstage sind dem Künstler suspekt. Es ist ihm ganz recht, dass die Zahl, die im Ausstellungstitel mit Endlosigkeit spielt, auch für die Adresse in der Gießerstraße stehen kann. Dennoch: Am Montag wird Dietrich Gnüchtel 75.

Von Ingrid Leps

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