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"Leipzig hilft Kindern": Benefizkonzert im Gewandhaus bringt 55.000 Euro ein

"Leipzig hilft Kindern": Benefizkonzert im Gewandhaus bringt 55.000 Euro ein

55.000 Euro brachte am Sonntagabend im Gewandhaus das erste Benefizkonzert Konzert von "Leipzig hilft Kindern", der Leipziger Volkszeitung, Verbundnetz Gas AG und Sparkasse Leipzig ein, der auch das Gewandhaus noch beitreten soll.

Leipzig. Das Geld geht an fünf Leipziger Initiativen, die sich für Kinder in Not einsetzen. Auf dem Programm standen Werke von Beethoven und Chausson.

Ein Wort vor allem macht die Runde beim Empfang im Mendelssohn-Saal nach dem bejubelten Konzert nebenan: "schnell", gern erweitert zu "sehr schnell". Oft auch heißt es "zu schnell" und bezieht sich immer auf Riccardo Chaillys Sicht auf Ludwig van Beethovens Sechste, die Pastorale. So oft gehört, so liebgewonnen, so vertraut - und nun ganz anders als sonst.

Wie überhaupt Chailly in seinem mit diesem Benefizkonzert beendeten ersten Leipziger Beethoven-Zyklus mit vielerlei Hörgewohnheiten abgerechnet hat - was auch und vor allem am Tempo lag.

Dabei gibt es gerade in diesem Zusammenhang wenig Diskussionsbedarf. Denn Beethoven gehörte zu den ersten, die sich mit Freude auf Adolph Menzels Erfindung stürzten, und ihren Werken präzise Metronom-Angaben mit auf den Weg gaben. Im Falle des Kopfsatzes der Sechsten steht zum Beispiel unter dem programmatischen Titel "Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande" und der Satzbezeichnung "Allegro ma non troppo" (Schnell, aber nicht zu sehr) als Metronomangabe: Halbe gleich 66. Im Zusammenhang mit dem notierten Zweivierteltakt bedeutet dies, dass in jede Minute 66 Takte zu passen haben. Das ist schnell, ungewohnt schnell, verdammt schnell sogar. Aber es ist genuiner Bestandteil von Beethovens Musik. Warum also geraten noch immer die in die Defensive, die den Komponistenwillen beim Wort nehmen, während die Gegenseite mit den absurdesten Theorien die Ästhetik bestimmen konnte, etwa der, Beethovens Metronom sei kaputt gewesen?

Neu ist der Streit nicht, schon vor einem halben Jahrhundert merkte Theodor W. Adorno anlässlich einer Pastorale unter René Leibowitz an, der mit Toscanini die originalen Tempi in die Schallplatten-Ära trug, hier sei "das paradoxe Ideal strengster Objektivität bei äußerster Differenziertheit" verwirklicht und die Befreiung "vom Schmutz, der als Spur des Dirigentenexhibitionismus über mehr als hundert Jahre sich darauf abgesetzt hat".

Doch natürlich musiziert es sich deutlich schwieriger unter dem Druck des Tempos. Denn sobald Geschwindigkeit sich in den Vordergrund spielt, als Selbstzweck, als Ziel vor allem sportlicher Bemühungen, ist es um die Musik geschehen. Funktioniert es aber, behält ein Dirigent die Struktur und die Form im Auge, die Proportion, die Sinnlichkeit, Hörbarkeit, Fühlbarkeit, verfügt er überdies über ein Orchester, das ihm mit äußerster Virtuosität zu folgen in der Lage ist, dann rastet sie augenblicklich ein.

Wie am Sonntagabend im Gewandhaus. Da haben sich die Wölkchen verzogen, die noch am Donnerstag über den Landhimmel zogen. Da ist das Tempo keine Funktion mehr der Geschwindigkeit, sondern der Energiedichte. Da ist nichts gehetzt, beherrschen Präzision und Transparenz, rhythmische Energie und klangliche Pracht das Bild.

Nun gut, dieses oder jenes Solo der ansonsten atemberaubenden Holzbläser klingt eine Spur zu derb nach Bierzelt, aber ansonsten ist diese Pastorale ein würdiger Abschluss von Chaillys Zyklus, der im Sommer 2011 als CD-Box bei Decca erscheinen soll. Denn der gesamte Zyklus, der die letzten beiden Spielzeiten des Gewandhaus bestimmte, trug die Botschaft dieser Bilderstürmereien, die eigentlich doch das Gegenteil sind: Rückbesinnung auf das Wesentliche, im Dienste Beethovens, der Würde seiner Musik.

Eine Musizierhaltung, die beim Benefizkonzert auch die Ouvertüren zu "König Stephan" und "Zur Namensfeier" beherrscht. Dramatisch und gleichzeitig elegant geht Chailly die Sätze an, die gleichsam als Vorab-Echos schon Material der Neunten in sich tragen. Edel, kostbar, wuchtig klingt das beim König, skurril in den polternden Dissonanzen zum Kaiser-Namenstag.

Da singt Ernest Chaussons traumschönes "Poème" für Violine und Orchester aus einer ganz anderen Welt herüber. Zart, melancholisch, elegisch, ein wenig verzweifelt auch geht Vadim Repin das mit Abstand populärste Werk des französischen Groß-Melo-dikers an. Setzt keineswegs auf die virtuosen Effekte, die Chausson durchaus auch anbietet, sondern ganz un-eitel auf die Schönheit der Linie. Die allerdings hin und wieder leidet unter der etwas sorglos betriebenen In- tonations-Hygiene dieses formidablen Geigers auf seiner prachtvollen Guarneri.

Chailly lässt sich davon nicht weiter stören und begleitet mit satten und warmen Farben aus dem Niemandsland zwischen Spätromantik und Impressionismus. Auch dafür ist sein Orchester derzeit erste Wahl.

Für die junge Stiftung "Leipzig hilft Kindern" sowieso. Für Oberbürgermeister Burkhard Jung, Stiftungs- präsident und Schirmherr des Benefizkonzerts, Grund genug, das älteste bürgerliche der Welt kurzerhand zum "Benefiz-Orchester" zu erklären.

Peter Korfmacher

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