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Leipziger Ehepaar will Käthe-Kollwitz-Schülerin aus der Vergessenheit holen

Leipziger Ehepaar will Käthe-Kollwitz-Schülerin aus der Vergessenheit holen

Als Peter Horváth-Mohácsi vor vier Jahren von Potsdam nach Leipzig zog, brachte er einen wahren Schatz an die Pleiße mit: eine große Sammlung der Grafikerin Gertrude Sandmann (1893-1981).

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Kerstin und Peter Horváth-Mohácsi.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die jüdische Künstlerin - eine Schülerin von Käthe Kollwitz - hatte im Berlin der Nazi-Zeit nur überlebt, weil sie vor ihrem Untertauchen im November 1942 per Brief ihren Selbstmord ankündigte. Die Gestapo fand das Schreiben in ihrer Wohnung, erklärte sie für tot, während Freunde sie versteckten. Als sie starb, hinterließ sie ein umfangreiches Werk.

Dass ein Großteil davon - mehrere hundert Arbeiten - zu Peter Horváth-Mohácsi gelangten, ist vor allem dessen Mutter Käthe zu verdanken. "Sie war zu Nachkriegszeiten, als in Westberlin Willy Brandt Regierender Bürgermeister war, dessen Sekretärin im Rathaus Schöneberg gewesen - sowie die seiner Nachfolger", erzählt der Wahl-Leipziger.

"Damals hatte meine Mutter die Bekanntschaft mit Gertrude Sandmann gemacht, beide wurden Freundinnen. Sicher auch, weil meine Mutter selbst eine Zeichenausbildung genossen hatte. Sie wurde so etwas wie Frau Sandmanns ,rechte Hand'. Ich weiß noch, wie ich als Junge immer dienstags meine Mutter mit einer Reiseschreibmaschine zu der Künstlerin begleitete. Dann wurde die Korrespondenz erledigt. Die Maschine habe ich noch heute!"

Testamentarisch hat Gertrude Sandmann ihr Lebenswerk, soweit es nicht im Krieg verbrannt war, drei Erben hinterlassen. Einen Teil erhielt Horváth-Mohácsis Mutter Käthe. 2003 schenkte sie die Arbeiten ihm. Und ehe sie 90-jährig 2006 starb, hatte sie dem Sohn das Versprechen abgenommen, er möge sich um das Sandmann'sche Erbe kümmern, zu dem auch die Tagebücher der Freundin gehören. Seither setzen sich Horváth-Mohácsi und seine Frau Kerstin für eine posthume Würdigung der "zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Berliner Künstlerin der Moderne" ein.

Gertrude Sandmann wurde in einer Zeit geboren, als Frauen der Zutritt zu staatlich geförderten Kunstakademien verwehrt war. Sie war eine Künstlerin, "die so in keinster Weise den allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellungen einer Frau entsprach. Jüdisch und lesbisch, kämpfte sie Zeit ihres Lebens um das Recht auf künstlerisches Schaffen, ihr Recht auf gelebte Liebe, ihr Recht auf freies Leben", beschreibt ein Begleittext zu einer 2009 in Potsdam gezeigten Retrospektive.

Kuratorin der Schau war Anna Havemann. Familie Horváth-Mohácsi war 2007 mit der Bitte an die Kunsthistorikerin herangetreten, behilflich zu sein, Sandmanns Bilder an die Öffentlichkeit zu bringen. Was diese bis heute tut. Nicht zuletzt zeichnete sie den Lebensweg der Künstlerin in einem kleinen Büchlein der Reihe "Jüdische Miniaturen" nach, die von Hermann Simon (Direktor des Zentrums Judaicum in Berlin) herausgegeben wird.

Nun ansässig an der Pleiße, setzen Horváth-Mohácsi und Frau ihre Arbeit "wider das Vergessen" fort. Ganz besonders in diesem Jahr, wo sich zum 120. Mal der Geburtstag von Gertrude Sandmann jährt. Erst jüngst hatten sie zu einer kleinen Schau in die Kanzlei ihrer Wirtschaftsberatung im Musikviertel eingeladen, die längst zur Galerie avancierte; in sämtlichen Räumen sorgfältig gerahmt "Sandmann an Sandmann" hängt. Und aktuell ist die Gründung eines gemeinnützigen Vereins im Gange.

"In Berlin hat unterdessen eine Gruppe Sandmann-Freunde Geld für einen Gedenkstein gesammelt, der dort am 16. Oktober, zum 120. Geburtstag, auf dem Alten St. Matthäus Friedhof enthüllt wird. Wir selbst sammeln Geld für eine Gedenktafel an ihrem Wohnhaus in der Eisenacher Straße 89 in Berlin-Schöneberg", so Horváth-Mohácsi.

Kopfzerbrechen bereite allerdings noch die Restaurierung und Rahmung von gut 500 Blättern, die seinerzeit bei der Lagerung in Mutters feuchtem Keller manchen Stockfleck davongetragen hatten. Zwar werde versucht, durch den Verkauf einzelner, nicht so sehr sammlungsrelevanter Werke die Pflege zu finanzieren. "Aber das ist nicht endlos möglich und reicht auch nicht - hier brauchen wir einfach Unterstützung."

Kerstin und Peter Horváth-Mohácsi wollen auch den gesamten schriftlichen Nachlass der Künstlerin erfassen und das Werkverzeichnis vervollständigen. Zumal sich jüngst eine Überraschung auftat. "Wir machten nach langem Suchen die Miterben ausfindig, die eine Vielzahl weiterer Arbeiten besitzen. Wir dachten bis vor kurzem, die Werke seien verschollen!", erzählt Peter Horváth-Mohácsi. Auch aus diesem Schatz sollen 15 Werke ab Oktober in Leipzig zu sehen sein, wo ein großer Ausstellungstermin mit Küf Kaufmann vom Ariowitsch-Haus in der Hinrichsenstraße 14 in trockene Tücher gebracht werden konnte: Dort wird am 20. Oktober um 15 Uhr eine "Neue Retrospektive - vom Sehen und Leben" eröffnet. Schirmherrin ist Staatsministerin a.D. Eva-Maria Stange (SPD). Sie wird gemeinsam mit Anna Havemann diese Sandmann-Schau eröffnen. Angelika Raulien

iWeitere Informationen zu den Sandmann-Projekten via E-Mail (info@phmpersonalberatung.de); Internet: www.gertrudesandmann.de; Telefon: 0341 23064860.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.09.2013

Angelika Raulien

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