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Nachrichten Kultur Leipziger Kaos-Kulturwerkstatt sucht nach Identität und findet vielschichtige Dystopie
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11:40 26.06.2017
Drei Monaten Proben haben sich gelohnt: „Nie wieder schön“ besticht und ein selbstbewusstes Ensemble. Quelle: Regina Katzer
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Leipzig

Mora Steinmann ist eingesperrt im Gefängnis ihres eigenen Körpers – der fleischlichen Hülle, der ihre Eltern den Namen Moritz gaben. Mit 16 platzt der Knoten. Sie will sich nicht mehr verstellen und verstecken müssen, endlich frei sein. So bleibt Mora nur noch die Flucht, als ihre Eltern mit einer aus Überforderung gewachsenen Ignoranz reagieren, dem wahren Ich ihrer Tochter in Moritz-Hülle nicht in die Augen blicken können. Zehn Jahre später kehrt Mora (gespielt von Jendrik Odenwäller), selbstbewusst in der eigenen Weiblichkeit aufgegangen, zurück, doch die Welt ihres alten Lebens hat sich weitergedreht.

Eine Gesellschaft am Scheideweg

Mit „Nie wieder schön“ hat Autor Nils Matzka eine gleichermaßen verstörende sowie lebensbejahende Dystopie zu Papier gebracht, die ein genauso absurdes sowie erschreckend realistisches Bild einer Gesellschaft am Scheideweg zeichnet. Gespickt mit kraftvollen Dialogen und ausdrucksmächtigem Spiel berührt das von Lisa Wilfert inszenierte Stück auf zahlreichen, dicht miteinander verwobenen Ebenen. Matzkas Wurzeln in der Slam-Poetry brechen festgewachsene Theater-Strukturen an den richtigen Stellen mit subtilem Humor und Sprachwitz auf und erden die Geschichte. Gleichermaßen sind sie Zeugnis der nicht zu unterschätzenden Macht der Sprache. Ein von Moras Vater Arendt (Christian Strobel) im Wahn floskelartig und gedankenlos dahergebrülltes „Was ist bloß los mit dir, Junge?“ spielt geschickt mit der ungerecht identitätsaufzwingenden Wirkung fünf scheinbar harmlos aneinandergereihter Buchstaben, die sich wie eine Klinge in Moras unverstandenes Herz bohren. Und wie kommt die Kirche überhaupt auf die Idee, jemanden zu Mann und Frau erklären zu können?

Produkte einer anderen Zeit

Arendt und Eva Steinmann (Sandra Eckardt) sind die Produkte einer anderen Zeit – einer Zeit, in der Geschlechter entweder schwarz oder weiß waren, Farben, Spielzeug und Kleidung an Penis und Vagina ebenso nicht vergeben wurden wie den Menschen dahinter. Die Eltern werden damit zum Sinnbild einer alternden Gesellschaft, deren Lebensrealität immer weniger mit den Wünschen und Vorstellungen nachkommender Generationen zusammenpasst. „Nur, weil es jetzt cool ist, irgendwo dazwischen zu sein... Wir müssen doch nicht jeden Trend mitmachen“, schleudert Arendt dem Menschen entgegen, den er nicht als Mora akzeptieren kann. Es sind Zeilen wie diese, bei denen einem das Lachen im Halse steckenbleibt und mit der „Nie wieder schön“ die Blase des Theaters durchsticht und dem Publikum die reaktionären Auswüchse der politischen Realität vor Augen hält – mit einem fulminanten Finale, das Befreiungsschlag, Warnung und Aufforderung, für sich und andere einzustehen, gleichermaßen zu übersetzen ist. „Vor zehn Jahren hatten wir eine Stimme, haben gekämpft“, sagt Mora. Doch ihre Eltern wählten konservativ, um die Stimmen einer vorurteilsfreieren, mutigen Generation verstummen zu lassen. Die Abrechnung mit der Rechtsaußen-Rhetorik vom „Genderwahn“ lassen keine Zweifel daran zu, in welche Richtung es geht.

Das Ensemble spielte sich zur Uraufführung am vergangenen Freitagabend mit dieser Botschaft unter Jubel und nicht enden wollendem Applaus makellos in die Herzen des Publikums. Mora lebt mit dem Kampf um ihre Identität nicht nur im Theater, sondern in uns allen. Die Herausforderung ist, wie wir damit umgehen.

„Nie wieder schön“ in der Kaos-Kulturwerkstatt, Wasserstraße 18. Nächste Vorstellung zum Kaos-Theaterfest am 19. August um 18 Uhr. Infos: kaos-kultursommer.blogspot.de

Von André Pitz

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