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Nachrichten Kultur Leipziger Kaos-Kulturwerkstatt zeigt „Nie wieder schön“ im Sommertheater
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10:24 22.06.2017
Jendrik Odenwäller wird in seiner Rolle als Mora Steinmann in „Nie wieder schön“ mit der reaktionären Realität konfrontiert. Quelle: Friederike Blum
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Leipzig

Was macht uns aus? Sind es unsere Gedanken, Kleidung oder gar das Geschlecht? „Zwischen den jungen Leuten wird das gerade extrem verhandelt“, sagt Lisa Wilfert, die zu diesem Komplex im Rahmen des Kultursommers der Kaos-Kulturwerkstatt als Regisseurin ein Stück inszeniert. „Nie wieder schön“ heißt dieses erste Bühnenwerk aus der Feder des Slam-Poeten Nils Matzka, das am Freitag uraufgeführt wird. Es erzählt von Moritz Steinmann. Der Name kam von den Eltern, doch eigentlich – fernab von Äußerlichkeiten – will Moritz lieber Mora sein. Zu Hause wird sie deshalb mit größtem Unverständnis konfrontiert. Mit 16 ergreift sie schließlich die Flucht. „Dann gibt es einen Ausblick, zehn Jahre später. Da trifft die reaktionäre Gesellschaft mit ihren Werten auf die Person, die ihren Weg gegangen ist und sich befreit hat“, erklärt Wilfert Moras Schicksal, das sich nach ihrer Rückkehr entfaltet. „Es ist eine Mischung aus Tragik, Komödie, Satire und arbeitet auch mit ganz grotesken Elementen“, fügt Isabella Hertel-Niemann, Fachbereichsleiterin Theater im Kaos, an.

Gespaltene Zeiten

Das Thema ist aus gemeinsamen Gesprächsrunden mit Wilfert, Hertel-Niemann, Matzka und den jugendlichen Theatermachern gewachsen. „Wir leben in einer gespaltenen Zeit. Auf der einen Seite kommt sehr reaktionäres, rückwärtsgewandtes Gedankengut plötzlich wieder hoch. Auf der anderen Seite herrscht ein Gefühl der unendlichen Möglichkeiten, wo auch das Geschlecht noch einmal neu diskutiert und definiert wird“, meint Hertel-Niemann. „Die Jugendlichen wollen raus aus den sozial konstruierten Geschlechterrollen“, berichtet Wilfert.

Den Kern freilegen

Matzka begann im August damit, diese Gedanken für die erste Rohfassung des Stücks zu Papier zu bringen. Anfang des Jahres brachte die erste Leseprobe das ursprüngliche „Nie wieder schön“ jedoch ins Wanken. „In dem Moment, in dem man die Figuren lebendig werden lässt, haben wir gemerkt, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren“, erinnert Hertel-Niemann. Es folgten viele Gespräche, an deren Ende eine mitunter radikal veränderte Neufassung des Stücks stand. „Der Kern ist gleich geblieben, wurde aber immer weiter freigelegt. Zu ihm vorzustoßen – das war das Ziel der Überarbeitung“, betont Wilfert. Die Moralkeule wolle man dabei jedoch nicht schwingen, macht die Regisseurin deutlich. „Ich halte es mit dem alten Bertolt Brecht – unterhalten werden muss man im Theater immer“, so Hertel-Niemann. „Es ist von Jugendlichen gespielt und für Jugendliche gemacht. Es soll ihnen Mut machen, unkonventionell zu leben und zu sich zu stehen.“

In „Nie wieder schön“ wird Mora völlig ausgeschlossen und steht am Rande der Gesellschaft – jenseits von Glamour und Superstar. „Es ist ein harter und steiniger Weg. Aber es ist ihr Weg“, findet Hertel-Niemann. Darüber diskutiert werden darf jeweils im Anschluss der Samstags- und Sonntagsvorstellung mit den Schauspielern, dem Autoren Nils Matzka und Lisa Wilfert.

Theatermachen auf Augenhöhe

Dieser Weg wird Mora bereitet von Schauspielern, Maske, Kostümbild, dem Bühnenbildworkshop, Licht, Ton – insgesamt 30 Mitwirkenden. „Alle, die hier mitmachen, haben eigentlich noch ein anderes Leben. Es ist immer wieder unglaublich, wie weit wir in unserer Arbeit kommen, obwohl das keine Profis sind“, freut sich Hertel-Niemann.

Für Lisa Wilfert ist das Sommertheater eine Rückkehr zu den Wurzeln. Die gebürtige Leipzigerin hat schon früher im Kaos gespielt, dann eine Schauspielausbildung gemacht. Bis heute ist sie der Einrichtung treu geblieben und inszeniert nicht nur „Nie wieder schön“, sondern steht in „Der Reigen“ selbst auf der Bühne und zeichnet in diesem Jahr erstmals für den kompletten Kultursommer verantwortlich. „Ich bin 27 und damit noch recht nah an den jungen Leuten dran. Dadurch miteinander auf Augenhöhe arbeiten zu können, ist uns besonders wichtig“, unterstreicht Wilfert.

Der Kaos-Kultursommer im Überblick

23. bis 25. Juni

jeweils 20 Uhr: Sommertheater „Nie wieder schön“ (Nils Matzka), Abendkasse 9/6 Euro (Freitag bereits ausverkauft)

14. bis 16. Juli

jeweils 19.30 Uhr: Seeklang-Festival mit Emily’s Giant, Dingoes Ate My Baby, Karo Lynn, Jan Frisch, Miss Maudlin, Anne Heisig, je 7 Euro; tagsüber Workshops

4. bis 6 und 9. bis 12. August

jeweils 20 Uhr: Sommertheater „Der Reigen“ (Arthur Schnitzler), Vorverkauf 11/6 Euro

Samstag, 19. August

18.30 Uhr: Kaos-Theaterfest mit beiden Sommerstücken, Vorverkauf 17/12 Euro

Aller Veranstaltungen am See an der Kulturwerkstatt Kaos (Wasserstraße 18). Bei starkem Unwetter fallen Theater-Aufführungen aus, Konzerte werden in den Saal verlegt; Karten: kaos-kultursommer.blogspot.de

Von André Pitz

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