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Leipziger Medienpreisträger über den Anschlag in Ankara

Interview mit Nedim Şener Leipziger Medienpreisträger über den Anschlag in Ankara

Der Leipziger Medienpreisträger Nedim Şener sieht einen Teil der Verantwortung für den Anschlag in Ankara bei den türkischen Geheimdiensten. Am 10. Oktober waren dort mindestens 97 Menschen ums Leben gekommen. Massiv kritisiert Şener den Umgang der türkischen Regierung mit Journalisten.

Der Leipziger Medienpreisträger Nedim Şener.

Quelle: André Kempner

Leipzig.  In der vergangenen Woche hat Nedim Şener den Leipziger Medienpreis erhalten. Über viele Jahre hat der 1966 geborene und in der Türkei lebende Journalist zu Korruption, Betrug und Geheimdiensten in seiner Heimat recherchiert. Insbesondere seine Artikel und Bücher über die Hintergründe des Mordes an Hrant Dink, Herausgeber der Wochenzeitung „Agos“ der armenischen Minderheit, machten ihn zum Staatsfeind. 2011 kam er in Untersuchungshaft.

LVZ: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Terroranschlag in Ankara hörten?

Nedim Şener: Ich erfuhr es aus dem Fernsehen, als ich in Leipzig vom Hotel zum Flughafen fuhr. Ich war in einem Schockzustand. Denn Menschen, die für den Frieden demonstrieren wollten, waren von denen, die Krieg wollen, die Kampf wollen, getötet worden. Als ich in das Flugzeug stieg, wurde im Fernsehen von 20 Toten berichtet. Doch als wir in der Türkei ausstiegen, lag die Zahl bereits bei über 60. Ich habe mir wirklich große Sorgen um mein Land gemacht.

Kritiker werfen jetzt dem türkischen Geheimdienst vor, im Vorfeld zu wenig getan zu haben. Berechtigt?

 Es steht fest, dass hier eine Schwäche des Geheimdienstes vorliegt. Die Geheimdienste in der Türkei verfolgen Linke und Kurden. Bei der Verfolgung von rechten Terrororganisation sind sie eher unwillig. Es gibt keine effiziente oder abschreckende Geheimdienstaktivitäten bezüglich IS oder anderen Organisationen mit derselben ideologischen Struktur. Um ähnliche Aktionen zu verhindern, müssten Geheimdienste Mitarbeiter in diese Organisationen einschleusen oder sie müssten Informationsquellen erschließen.

 Kann man eine Verbindung zur türkischen Regierung oder zu den Geheimdiensten von vornherein ausschließen?

 Sollte es um eine Verbindung zwischen dem Geheimdienst des Staates und diesem Anschlag gehen, müssen wir folgende Frage beantworten: Wie hat der Staat einen Selbstmordattentäter überzeugt? Das wichtigste Thema bei Selbstmordattentaten ist, jemanden zu finden und ihn zu überzeugen, damit er sich dafür zur Verfügung stellt. Das kann nur eine Organisation schaffen, der eine Ideologie den Rücken stärkt. Denn ein Selbstmordattentat bedingt, sich selbst zu opfern. Natürlich tragen Geheimdienstmitarbeiter eine Verantwortung, weil dieser Anschlag nicht verhindert wurde. Doch damit ist es ja auch nicht getan; es müssen die Täter und die hinter ihnen stehende Macht gefunden werden. Solange dies nicht geschieht, muss es für natürlich gehalten werden, dass die Gesellschaft die Geheimdienste und den Staat für verantwortlich hält.

Seit Jahren versuchen Sie, die Hintergründe des Mordes an Hrant Dink aufzuklären. Was konnten Sie herausfinden?

 Es handelte sich hierbei um einen Mord, von dem die Geheimdienste des Staates vorher wussten und bei dem sie Zuschauer geblieben sind. Und es handelt sich um einen großen Mordkomplott, wie ich seit sieben Jahren zu erklären versuche. Ein Mord, hinter dem Staatsbedienstete stehen. Ein Mord, der von Polizisten und Richtern verdunkelt wird. Ja, ich habe einen hohen Preis bezahlt, doch die Aufklärung ist nun auf den Weg gebracht.

 Wie würden Sie die Situation für Journalisten in der Türkei beschreiben? 

Ein Berufszweig, der von Politikern zur Zielscheibe erklärt, von der Justiz mit Ermittlungen und Prozessen überzogen und malträtiert wird; eine Umgebung, in der Journalisten sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Ein Land, in dem nicht nur Politiker und die Justiz keine Meinungsfreiheit kennen, sondern wo auch Journalisten sich gegenseitig die Meinungsfreiheit absprechen. Ein Land, in dem Journalisten die Anstifter sind. Ein Land, in dem Journalisten als Agenten, Umstürzler, Mitglieder von Terrororganisationen beschuldigt werden können.

Haben Journalisten so überhaupt den Hauch einer Chance, herauszufinden, was hinter dem Anschlag von Ankara steckt?

 Es wurde beschlossen, dass die Ermittlungsakten der Geheimhaltung unterliegen. Das bedeutet, dass gegenwärtig bis zum Abschluss der Ermittlungen die vorliegenden Beweise weder den Rechtsanwälten noch der Presse mitgeteilt werden. Wenn die Ermittlungen in kurzer Zeit abgeschlossen werden würden, könnte das möglich sein.

Was, glauben Sie, sind die Auswirkungen dieses Anschlags in der Türkei? 

Wenn nicht detailliert und einwandfrei ermittelt wird, wird es dazu führen, dass das Vertrauen in den Staat verschwindet. Deshalb muss eine sehr objektive und transparente Ermittlung erfolgen. Aber was auch immer geschieht, ein Verdacht gegenüber dem Staat, der Regierung wird immer in den Köpfen leben.

 Und die Situation der Türken und Kurden in Deutschland?

 Die Spannung zwischen den beiden Gruppierungen wird zunehmen. Das war ja auch das Ziel dieses Terroranschlags. In Ländern wie der Türkei und Deutschland, also in Ländern, wo Türken und Kurden zusammen leben, Unruhe und Zusammenstöße entstehen zu lassen. Denn es gibt Leute, die sich von diesen Konflikten ernähren.

Sehen Sie eine Lösung für die Kurdenfrage in der Türkei?

 Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist es schwierig. Denn die Regierung hat eindeutig erklärt, dass sie zu keinen weiteren Gesprächen mehr bereit sei, solange die Terrororganisation PKK die Waffen nicht niederlegt und sie sogar begräbt und das Land verlässt. Deshalb denke ich also nicht, dass es kurzfristig eine Lösung geben wird.

 

Von Jürgen Kleindienst

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