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Kultur Letzte Skala-Premiere: „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ zeigt die Welt als Attrappe
Nachrichten Kultur Letzte Skala-Premiere: „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ zeigt die Welt als Attrappe
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11:40 13.03.2012
Andrang bei der letzten Premiere in der Skala "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch". (Archivfoto= Quelle: Christian Nitsche
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Leipzig

Die Schauspieler widmeten die Premiere ihrem vor kurzem gestorbenen Kollegen und Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, Michael Stanitzek.

 „Ich sage, die Welt mag untergehen, ich aber will meinen Tee trinken“, lässt Fjodor M. Dostojewski seinen Erzähler in „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ sagen. Martin Laberenz zeigt nun aber in der Skala keine passiv auf die Katastrophe Wartenden, sondern beginnt mit einem Biedermeier-Plateau aus Ziertischen, Teetassen und Zigarren. Als Schattenspiel hinter und vor einer halbdurchsichtigen Pappwand wird die Karikatur einer Salon-Gesellschaft gezeichnet, inklusive überdimensionalen Rauchschwaden aus Tassen und Genusswaren. Die Welt als Attrappe, die Requisiten so flach wie die Selbstbehauptungs-Phrasen ihrer Bewohner.

Und so wie Laberenz Teetrinken gegen den Weltuntergang setzt, Aktionismus gegen die Lakonie von Dostojewskis Erzähler, so zeigt er seine Figuren auch nicht der Welt abgewandt im Kellerloch, sondern in immer neuen gesellschaftlichen Konstellationen. Die klassische: ein Besuch im Café. Dostojewskis Grundidee, die Verweigerung gegenüber der Welt, wird auch hier deutlich: Es gibt weder Tee noch pasteurisierte Milch, wie Kellnerin Sarah Franke im Stil einer absurden Komödie verkündet, was ihre Kunden fast in den Wahnsinn treibt. Laberenz findet hier einen ungewöhnlichen und zugleich unterhaltenden Zugriff auf den Stoff.

Dass hier alle bisweilen slapstickartig aneinander vorbeispielen, ist insofern konsequent, als jeder Einzelne von ihnen der Aufzeichner aus dem Kellerloch zu sein behauptet: So streiten sich Franke, Manolo Bertling, Manuel Harder, Edgar Eckert und Benjamin Lillie, wer von ihnen nun der „Repräsentant der just verflossenen Vergangenheit“ sei. An diesem Anspruch, als Einzelner fürs Ganze zu stehen, reiben sich die Spieler auf. Wie Harder etwa in Unterhose immer wieder um die Bühne rennt, singend Old Mac Donalds Farm mit Schildkröten und Vögeln ausstattend, dann ist das eine dieser Szenen der Erniedrigung, die auch Dostojewskis Text immer wieder beschwört.

Der russische Autor verfasste die Aufzeichnungen 1864 nach seiner Rückkehr aus zehn Jahren Verbannung nach Sibirien und kurz nachdem seine Literaturzeitschrift Die Zeit von der Zensur verboten wurde. Er geht damit ein Wagnis ein, kommentiert bissig die Umbrüche seiner Zeit und verspottet die Rationalismus-Jünger der Moderne. Insofern lässt sich die Wahl dieses Stoffes für die letzte Premiere in der Skala zugleich als Kampfansage wie auch als auch Ausdruck des Unverständnisses verstehen, wie eine Stadt wie Leipzig sich vermeintlich leichten Herzens von einer Nebenspielstätte für ihr Schauspiel verabschieden kann. Die Skala wird Mitte März aus finanziellen Gründen vorerst geschlossen, Zukunft ungewiss.

 Diese letzte Premiere war auch insofern eine typische Skala-Produktion, als sie einmal mehr versuchte, den Bühnenraum neu zu definieren - und das Verhältnis des Zuschauers dazu. So sah das Publikum zunächst einen klassisch-altmodischen roten Samtvorhang, der das Bühnengeschehen umrahmte, was ein wenig an eine Kasperle-Jahrmarkt-Szenerie erinnerte. Im Laufe des knapp zweistündigen Abends jedoch wird die Bühne immer wieder gedreht, so dass die Zuschauer sich neu platzieren müssen. Stühle gibt es ohnehin nicht.

Mal wird die tatsächliche Bühne im Hintergrund bespielt, mal der Raum zwischen dieser und der Bilderrahmen-Bühne. Der Perspektivwechsel erscheint hier nicht als Selbstläufer, wie bei einigen vorherigen Skala-Produktionen, sondern zwingt den Zuschauer, sich immer wieder neu zum Gezeigten zu verhalten. Das erschließt sich zwar nicht bis ins Detail (am Ende sagt ein Zuschauer: „Und jetzt brauche ich jemanden, der mir das alles erklärt“), doch das ist für einen gelungenen Theaterabend nicht immer zwingend notwendig.

 Und diese Inszenierung beweist eindrücklich, weshalb Leipzigs Theater eine Nebenspielstätte braucht. Vielleicht hilft die drohende Schließung, das endlich zu verstehen. Es braucht das Leid, um das Glück greifen zu können, heißt es bei Dostojewski.

Nina May

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