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Nachrichten Kultur Lichtschalter am Ende des Tunnels
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15:36 30.12.2016
Beim Bürgerfest zum 25. Jahrestag des Mauerfall wurde am 9. November 2014 am Brandenburger Tor neben Freiheit auch Frieden beschworen. Quelle: dpa
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Leipzig

Das alte Jahr war schrecklich. Sagen alle. Die Toten, die Kriege und einige Wahlen. Eine so absurde wie nachvollziehbare Hoffnung liegt darum auf dem neuen Jahr. Als sei es ein Neuanfang. Für die Lebenden, den Frieden, die Bundestagswahl. Würde es beruhigend wirken, einen Blick in die Zukunft werfen zu können? Wahrscheinlich nicht. Diese Befürchtung verstärkt ein schmales Buch des Publizisten Roger Willemsen. Es beinhaltet eine „Zukunftsrede“, die er 2015 geschrieben, bei der Verleihung der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft gehalten und die er als seinen letzten Text hinterlassen hat, als er im Februar 2016 im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung starb.

Willemsen war ein Denker und Redner, war einer jener Intellektuellen, deren Gedanken, deren Stimmen jetzt wichtig wären, weil sein Scharfsinn mit einer Sanftmut einherging, einer Friedfertigkeit, die nicht mit Scheu zu verwechseln ist. Dergleichen fehlt im öffentlichen Umgang dieser Tage, sei diese Öffentlichkeit eine Talkshow oder ein soziales Netzwerk. Gehört werden die Lauten, laut sind selten die Klugen. Die nicht aufeinander zugehen – sie werden nirgendwohin gelangen, wo sie nicht schon gewesen sind.

Gebotene Zweifel

Der Mensch hat die Welt in die Krise gestürzt, schreibt Willemsen: „Wenn man es genau bedenkt, ist vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herretennis und das Aroma der Tomaten.“ Doch seltsam: „Mag die Welt auch vor die Hunde gehen, die Zukunft hat dennoch ein blendendes Image, und selbst verkitscht zu Wahlkampfparolen, verkauft sie sich so gut, als wäre sie wirklich noch ein Versprechen.“

Willemsen fragt nach der Vorstellbarkeit von Zukunft. Er nutzt aber auch die Zukunft als Perspektive seiner Betrachtung der Gegenwart. Darum der Titel „Wer wir waren“. Bei diesen Überlegungen trifft Zweifel am Segen der Technik auf Zweifel an der Reife der Menschen. Nicht zuletzt gemessen an Moral. Es sind gebotene Zweifel – gepaart aber mit Euphorie im Glauben an eigene Handlungsfähigkeit.

Roger Willemsen: Wer wir waren. S. Fischer; 60 Seiten, 12 Euro Quelle: Verlag S. Fischer

Was wir nicht vorwegnehmen können, schreibt Willemsen, ist „jenes Bewusstsein, das all die neuen Dinge erschafft und sie sich aneignet, das Bewusstsein, auf dessen Bedürfnisse sie antworten und das sich von ihnen formen und deformieren lässt.“ Das Wort „Bewusstsein“ sei jung, 1719 geprägt – gemeinsam mit den benachbarten Begriffen „Aufmerksamkeit“ und „Bedeutung“. Er nennt als frühere Zukunftsformeln 1984 und 2000, eine neuere haben wir noch nicht. Was wir wissen: „Die Lust an der Beschleunigung treibt uns in die Zukunft.“

Doch was folgt daraus? Blickt, wer nach vorn schaut, ins Dunkel oder ins Licht oder auf eine Bauanleitung für den Schalter? Ist der richtige, der vernünftige oder auf die Menschheit zielende Wunsch schon das Ziel? Wie oft ist hierzulande der Wunsch nach Frieden nur der nach innerer Ruhe?

Das aktuelle „Kursbuch“, Nummer 188 der Kulturzeitschrift, klammert alle Beiträge unter dem Thema „Kalter Frieden“. Je heißer der Frieden begründet wird, schreibt Herausgeber Armin Nassehi, „desto heißer müsste er auch verteidigt werden.“ Vielleicht sei die größte Utopie, alle Amplituden möglichst niedrig zu halten.

Ein bisschen Frieden gegen die Angst

„Frieden ist ja kein Garten Eden, der so wohltemperiert ist, dass man wie Adam und Eva nackt in ihm herumgehen kann“, meint in seinem Text der Theologe Johann Hinrich Claussen. Vielmehr sei Frieden Recht und Ordnung, Schutz vor Raub und Mord, sei Gesetz und Gefängnis, eine Grenze für die Gewalthaber und Gewalttäter, Lebensmittelkontrolle und Eingangsstempel, Emissionsschutz und Zebrastreifen. Das klingt doch schon nach Streit, da wird es doch schon wieder kompliziert. Da könnte die zivilisatorische Eisdecke brechen. Den Zusammenhang von Kränkung, Gewalt und Gefahr beschreibt dann der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. Für Hoffnung besteht auch da kaum Grund.

Peter Felixberger und Armin Nassehi, (Herausgeber): Kalter Frieden, Kursbuch 188. Murmann Verlag; 176 Seiten, 18 Euro; Quelle: Murmann Verlag

Um so mehr wird sie beschworen. Im Eichborn Verlag erscheinen im März unter anderem die Titel: „Atlas der Angst“ und „Fürchtet Euch nicht“. Die Wiener Philharmoniker setzen in ihrem Neujahrskonzert bewusst „Mephistos Höllenrufe“ gegen die Strauß-Polka „So ängstlich sind wir nicht“. Ein bisschen Kampf muss sein, ein bisschen Widerstreit der Gefühle. Ein bisschen Frieden gegen die Angst.

Apropos Gefühle. Nicht nur Terror bringt Krieg ins Land. Auch vorschnelle Urteile, Hass und die Bereitschaft zu kränken sind eine Gefahr. Schmidtbauer unterscheidet schnelle und langsame Emotionen, die einer Differenzierung bedürften. Empathie kann Zukunft, kann Frieden sein, Zeit gehört dazu, Gedanken, Sprache, Mut. Und Demut.

Frieden, ob nun das Gefühl oder die Realität, ist nicht so günstig zu haben wie die Hoffnung. Ohne sie aber geht gar nichts. Da trifft es sich, dass das Farbforschungsinstitut Pantone jetzt Grün als „Farbe des Jahres 2017“ ausgerufen hat. Diese Wahl benennt zwar nur einen Trend, doch gibt es schlimmere Moden als die Farbe der Hoffnung. Wirklich pessimistisch wirkt nur die Behauptung des Guten. Zukunft, schrieb Roger Willemsen, „ist unser röhrender Hirsch über dem Sofa, ein Kitsch, vollgesogen mit rührender Sehnsucht und Schwindel.“ Es klingt wie ein Ansporn.

Lektüre-Tipps: Roger Willemsen: Wer wir waren. S. Fischer; 60 Seiten, 12 Euro

Peter Felixberger und Armin Nassehi, (Herausgeber): Kalter Frieden, Kursbuch 188. Murmann Verlag; 176 Seiten, 18 Euro;

Von Janina Fleischer

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