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Liebe, Schnaps und Dekadenz: Brigitte Reimann wäre am 21. Juli 80 Jahre alt geworden

Liebe, Schnaps und Dekadenz: Brigitte Reimann wäre am 21. Juli 80 Jahre alt geworden

Eigenwillig war sie, mutig und unbestechlich. 1973 starb Brigitte Reimann im Alter von nur 39 Jahren starb an Krebs. Am 21. Juli wäre die Schriftstellerin 80 Jahre alt geworden.

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Porträt der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann von 1962.

Quelle: Literaturzentrum Neubrandenburg

Leipzig. In Erinnerung an Brigitte Reimann wird am Sonntag in Hoyerswerda, wo sie bis 1968 acht Jahre gewohnt hat, eine Skulptur enthüllt.

Als ostdeutsche Anaïs Nin sorgte Brigitte Reimann mit pikanten Beichten und handfesten Skandalen für manchen Eklat. Sie war nicht nur eine kluge Schriftstellerin, die mit dem (unvollendeten) Roman "Franziska Linkerhand" eine neue Epoche in der DDR-Literatur einläutete, sondern sie kehrte gern auch das Biest und den Vamp hervor. Männer sah sie als Spielbälle, die man einen Augenblick hätschelte, um ihnen dann einen Tritt zu versetzen. Es bereitete ihr "Spaß", Galanen "die kalte Schulter zu zeigen". Wer im Bett der Schriftstellerin landete, hatte ihre Launen zu erdulden. Allerdings nie lange, denn der "übliche Flirt" mit einer "neuen Flamme" dauerte bei ihr höchstens ein paar Wochen. Bei den wechselnden Partnern handelte es sich meist um Nachwuchskader aus dem Schriftstellerverband, die in ihr die "Sexbombe" sahen, weil sie "ein Häppchen ordinär" war und sich nie bei "dummen Moralerwägungen" aufhielt.

Nicht selten kam es im Zuge der erotischen Verwicklungen zu handgreiflichen Eifersuchtsszenen und dramatischen Krachs, die damit einhergingen, dass die Reimann sich selbst der Unfähigkeit zu wahrer Liebe bezichtigte. Nachzulesen ist das nicht nur in ihren Tagebüchern, sondern auch im Briefwechsel mit Ehemann Siegfried Pitschmann, den Kristina Stella im Januar unter dem Titel "Wär schön gewesen!" im Aisthesis Verlag herausgegeben hat (309 Seiten, 24,80 Euro).

Brigitte Reimann, die am Sonntag 80 Jahre alt geworden wäre, nannte sich einen "unheilbar leichtfertigen Menschen", dessen Leidenschaft "allzu schnell erlischt": "Habe ich erst einmal einen Mann gehabt, der mir gefiel, habe ich ihn geküsst und seine Geständnisse gehört, bin ich im Nu ernüchtert. Krankhaft!" Was die Nymphomanin über ihre "außerehelichen Eskapaden" preisgab, diskreditierte freilich nicht nur sie selbst, sondern auch die verheirateten Herren, die nur allzu gern einen Seitensprung mit der koketten Dichterin riskierten. "Manchmal kotzen mich die geilen Blicke der Männer an", notierte sie nach einer in der Bar durchzechten und durchtanzten Nacht. Dass sie trotzdem eine Affäre nach der anderen begann, hing zweifelsohne mit ihrer labilen psychischen Konstitution zusammen: "Ich glaube, ich bin unglücklich, und vielleicht stürze ich mich deshalb in immer neue Abenteuer und finde bei keinem Ruhe."

Brigitte Reimanns neurotische Schübe wurden von Depressionen und Selbstmordgedanken begleitet: "Manchmal könnte ich schreien vor Schmerz, und ich weiß doch nicht einmal recht, was mich so martert. Oft ist in mir eine solche Angst vor etwas Unbekanntem, dass ich fürchte, ich werde eines Tages Gift schlucken." Um das Unbehagen zu betäuben, griff sie zur Flasche. Häufig spürte sie ein "quälendes Verlangen nach scharfem Schnaps". Ein halber Liter Wodka pro Tag war für sie nichts Ungewöhnliches. Bald übertrieb sie es mit Alkoholkonsum und Zigarettenverbrauch dermaßen, dass sich regelmäßig Herzattacken einstellten. Die Gründe für den exzessiven Missbrauch lagen auf der Hand. Sie fühlte sich selbst "niemals ehrlich", empfand ihre "Verlogenheit" und "Schlechtigkeit" als abstoßend. Kurzum, die "Egoistin par excellence" kam mit sich nicht zu Rande und glaubte sich dazu "verdammt, einsam zu bleiben".

Ihre seelische Schwäche war es auch, die sie bewog, 1957 eine Verpflichtungserklärung bei der Stasi unter dem Decknamen "Caterine" zu unterzeichnen. Doch schon ein Jahr später brach sie mit dem Mielke-Ministerium und musste dafür "Schimpfkanonaden" von einem Chef-Agenten einstecken. Durchaus nicht unbegreiflich, dass die Autorin in dieser schwierigen Phase insgeheim mit den "süßen Mysterien des Katholizismus" kokettierte: "Ich habe verschwommene Sehnsucht danach, vor einem Beichtstuhl zu knien und all meiner Bedrückungen und Ängste ledig zu sein, ein friedliches dumpfes Lamm unter dem Mantel Gottes". Dieser Verzweiflungsruf drückt wohl am schärfsten die Nöte einer Autorin aus, die an der Biederkeit des sozialistischen Milieus zu ersticken drohte und deshalb ihr Leben mit der Geschwindigkeit eines Streichholzes abbrennen ließ.

Hörte man in den letzten Jahren der DDR wenig von der 1973 an Krebs verstorbenen Erzählerin, so setzte nach der Wende ein Boom ein. Er begann 1993 mit einem spektakulären Auftakt: Christa Wolf grub ihren Briefwechsel mit der befreundeten Autorin aus. Ein Jahr später folgte Reimanns Korrespondenz mit dem umstrittenen Architekten Hermann Henselmann. 1997 und 1998 kamen dann Paukenschläge durch die Publikation der anrührenden Tagebücher. Für einen Moment schien es, als sei damit der Fundus erschöpft, als könne aus dem Füllhorn, das der Nachlass offenkundig verkörperte, nichts mehr strömen. Doch diese Vermutung erwies sich als Täuschung. 2003 wartete der Aufbau-Verlag mit einer kleinen Sensation auf. Unter dem Titel "Das Mädchen auf der Lotosblume" rückte er zwei bisher ungedruckte Romanfragmente der Reimann ins Licht. Dabei handelte es sich um Texte, die zu DDR-Zeiten Ablehnung erfuhren, weil Lektoren sie als "konterrevolutionär", "morbid" und "dekadent" etikettierten. Bei der Lektüre geriet man ein weiteres Mal ins Staunen über die "weltanschaulichen Ungezogenheiten" einer Autorin, die bis heute ihresgleichen sucht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.07.2013

Ulf Heise

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