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Liebe und Leben

Herbert Blomstedt eröffnet Jubiläums-Saison im Leipziger Gewandhaus Liebe und Leben

Mit Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester und Mendelssohns „Lobgesang“ eröffnete Ehrendirigent Herbert Blomstedt die 237. Gewandhaus-Saison

Herbert Blomstedt und die Gewandhaus-Hornisten Bernhard Krug, Jan Wessely, Jochen Pieß und Juliane Grepling (v.r.)

Quelle: Andre Kempner

Leipzig . „Herbert Blomstedt“, sagt Gewandhausdirektor Andreas Schulz am Samstagabend in seiner Begrüßung zum Eröffnungskonzert der Jubiläums-Spielzeit, „ist ein wahrhaftiger Freund und ein wahrhaftiger Ehrendirigent des Gewandhausorchesters“. Und so wird er empfangen im gestopft vollen großen Saal: Der Applaus, der dem 90-Jährigen bei seinem nachgeholten Geburtstagskonzert schon beim Auftritt entgegenbrandet, fällt intensiver aus als bei vielen Kollegen am Ende eines Konzertes.

Ein schönes Jubiläum feiert das Orchester in dieser Saison: Am 18. März ist es 275 Jahre her, dass 16 Kaufleuten diesen Klangkörper gründeten – „aus eigenem Antrieb, mit eigenem Geld und mit eigenem Engagement“, wie Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke in ihrem Grußwort betont. Und weil im Februar überdies Andris Nelsons das Amt des Gewandhauskapellmeisters antritt, ist die nun eröffnete 237. Gewandhaussaison eine besonders üppige.

Reichlich Moderne steht auf dem Programm. Ganz so, wie es bis ins 20. Jahrhundert Usus war bei diesem Orchester. Für genau diese Tradition steht 2017/18 Herbert Blomstedt: Er dirigiert in zahlreichen Großen Concerten Werke, die das Gewandhausorchester aus der Taufe gehoben hat.

Beispielsweise Robert Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester, mit dessen jauchzender Anfangs-Fanfare die Saison hochgestimmt beginnt. Ein herrliches Werk, mit dem der Komponist den Fortschritt feierte, der in Gestalt des Ventilhorns gerade ins Orchester eingezogen war.

Es ist nicht allzu oft zu hören. Was auch und vor allem an den außergewöhnlichen Anforderungen liegt, die die Solo-Partien an die Hornisten stellen. Denn Schumann ging spieltechnisch an die Grenzen dessen, was auf dem Instrument machbar ist. Dahin folgen ihm die Gewandhaus-Hornisten Bernhard Krug, Jan Wessely, Jochen Pleß und Juliane Grepling mit Hingabe und auf volles Risiko.

Riskantes gibt es reichlich in diesen 20 wundervollen Minuten. Aber Krug, Wessely, Pleß und Grepling stellen nicht angeberisch ihre stupende Virtuosität in den Fokus, sondern die Schönheit der Musik. Schumann hat die Solo-Partien eng in- und umeinander gewunden – und diesbezüglich setzen die vier Gewandhäusler Maßstäbe. Dabei bleibt der gemeinsame Klang bei aller bronzenen Kompaktheit und edlen Wärme transparent, lässt im markanten Kopfsatz, in der versonnenen Romanze und im quirligen Kehraus Raum für Details.

Traumwandlerisch sicher gehen die Vier dabei im Zusammenspiel mit dem Orchester auf, das Blomstedt mit sparsamen Impulsen erblühen lässt – so detailversessen und doch flüssig bis rasant ausmusiziert zeigt das vermeintliche Gelegenheitswerk Schumanns seine ganze Größe.

Bei Mendelssohns „Lobgesang“ kommt nach der Pause die transzendentale Kraft hinzu, mit der dieser Dirigent Musik aufzuladen versteht. Vom Psalmen-Motto der Posaunen bis zum Chor-Jubel eine Stunde später formt Blomstedt die Sinfonie-Kantate aus einem Strang. Sein beim Konzertstück noch tupfendes, pochendes, schubsendes Dirigat gerät dabei immer mehr zur Umarmung. Zärtlich streichelt er das betörend innige Adagio religioso aus dem Klangkörper heraus, sorgsam umhegt er den sinnlichen Streicher-Klang, mit sachten Liebkosungen hält er das Holz luftig, lächelnd formt er die Silben des Chores vor.

Liebe und Leben sind die beiden größten Gaben, die Blomstedt in sein Musizieren einbringt. Seine Liebe zur Musik, zu den Menschen, zur Welt sorgt dafür, dass es bei ihm nicht nur so dahingesungen ist, wenn vom Lobe des Herrn die Klangrede geht und der Choral „Nun danket alle Gott“ in schlichter Schönheit ganz unvermittelt ans Herz greift. Hier wird ein Welt- und Menschenbild Klang, das ein langes Leben mitgeformt hat.

Oft wird Dirigenten nachgesagt, sie würden mit zunehmendem Alter immer besser. Was allerdings nur die halbe Wahrheit ist. Denn die großen Weisen an den Pulten der Welt sind musikalisch jung geblieben. Ein Musiker wie Herbert Blomstedt ist nie fertig mit einem Werk, befragt für jede Aufführung die Partitur erneut.

Mendelssohns „Lobgesang“ profitiert von dieser Anti-Routine in besonderer Weise, weil das Gewandhausorchester seinem Ex-Chef in blindem Vertrauen folgt und jeden Blick, jede Geste, jeden Fingerzeig in Echtzeit in Musik übersetzt. Weil auch der von Gregor Meyer exzellent vorbereitete Geswandhauschor zwar am Ende ein wenig zum Verhärten neigt, aber ansonsten mit herrlich rundem Klang, vorbildlicher Artikulation und lupenreiner Intonation auf Augenhöhe unterwegs ist.

Solistisch besteht ebenfalls kein Grund zur Klage: Sophia Brommer und Marie Henriette Reinhold führen schlackenlose, gerade und höhensichere Sopranstimmen, die von unten mit warmer Fülle abgestützt sind, und Tenor Tilman Lichdi verbindet Eindringlichkeit gekonnt mit Durchsetzungsvermögen.

Tief beseelt und beseelend dringt Blomstedt mit diesen Musikern zum Wesen von Mendelssohns chorsinfonischer Weltumarmung vor – und wählt dabei gerade nicht den Weg vieler Kollegen, die mit zunehmendem Alter immer gravitätischer dirigieren. Sein „Lobgesang“ drängt zügig voran, bleibt drahtig, lebendig, luftig und frisch.

Ein denkbar würdiger Einstieg in die Jubiläums-Spielzeit. Das Orchester zeigt sich in bester Verfassung, sein Ehrendirigent ohnehin. Und beide zusammen beweisen, welche bereichernde Kraft in Musik stecken kann.

Das werden sie gemeinsam noch häufiger tun in dieser Spielzeit. Denn Blomstedt hat sich noch einige Großwerke vorgenommen, die das Gewandhausorchester einst uraufgeführt hat: Mendelssohns Violinkonzert und Bruckners Siebte (28., 29. September), Beethovens Tripelkonzert (30. September), Brahms’ Violinkonzert und Schuberts Große Sinfonie (5., 6., 7. Oktober) oder das Deutsche Requiem (12., 13. Oktober).

Tosender Applaus und enthemmte Bravo-Rufe werden dann wohl wieder durch den Saal branden – nach kostbaren Momenten der Stille, die beweist, wie sehr Musik die Menschen bewegen kann, wenn sie aus den Händen dieses großen alten Mannes kommt.

www.Gewandhausorchester.de

Von Peter Korfmacher

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