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Linde Rotta schreibt das Loest-Tagebuch vom 10. September: "Oh, wir haben warten gelernt!"

Linde Rotta schreibt das Loest-Tagebuch vom 10. September: "Oh, wir haben warten gelernt!"

Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest ("Nikolaikirche") hat bis kurz vor seinem Tod Tagebuch geführt, und die LVZ hat es exklusiv veröffentlicht. Am 12. September schied er durch Freitod im Uniklinikum Leipzig aus dem Leben.

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Quelle: Linde Rotta

Über die letzten Tage berichtet jetzt seine Frau Linde Rotta in der LVZ und erfüllt damit einen letzten Wunsch von Loest († 87). Auf den 8. folgt heute der 10. September, denn zum 9. gibt es keinen Tagebucheintrag.

10. September

Der übliche Weg vom Parkhaus zur Klinik. Immer noch Altweibersommer wie im Bilderbuch. Zauberhaft wäre heute ein Spaziergang durch das Rosental oder den Clarapark, wie wir es sonst täglich gehalten haben; sein Blick in die leuchtenden Baumkronen, ein In-sich-Hineinsaugen des herbstlichen Bildes war das ein ums andere Mal, er konnte nicht genug davon kriegen: "Wie schön! Wie schön!"

Nach der Herz-OP im Februar hat er seine Gesundung auf bewundernswerte Weise geschafft. Doppelter Bypass. Das war schon ein Quentchen mehr als eine Entzündung. Den 87. Geburtstag "feierten" wir zusammen mit dem Ehepaar Lehmann-Grube in der Herzklinik bei Kräutertee und selbstgebackenem Apfelkuchen. Da zeigte sich der Jubilar noch ziemlich kleinmütig.

Als ich aus dem Fahrstuhl trete, erwartet mich Erich auf einer Besucherbank auf dem Flur, der Krückstock lehnt neben ihm.

"Na, das ist ja was! So ein Wetter bringt nicht nur die Amseln zum Jubilieren."

Er sieht mich lange an. "Ach", sagt er, "unsereins muss ja in die Senkrechte. Schon der Lunge wegen." Nichts fürchtet er so sehr wie eine Lungenentzündung. Langsam gehen wir ins Zimmer zurück. Mir wird bewusst, wie klein er geworden ist - ein Vögelchen. Er setzt sich an den Tisch. Ich packe LVZ und Süddeutsche, die heutige Post und frisches Obst aus der Tasche - eine Mango in Stücke geschnitten, reif und ausnehmend schmackhaft. Wenn er auch sonst wenig isst, Obst immer.

Gute Tage, "helle" Tage sind Gesprächs-, Erinnerungstage. Wir sind so viel gereist, haben die halbe Welt gesehen. Wenige Wochen nach der Operation, er konnte sich noch keine halbe Stunde auf den Beinen halten, bekundete er, es sei ihm ein Herzenswunsch, noch einmal nach Paris zu reisen. Paris! Warum nicht? Mit einem Rollstuhl könnte es klappen, doch diesen Vorschlag wagte ich nicht. Noch nicht. Abwarten. Für alles, auch für Paris, kommt noch die rechte Zeit.

Der Nachmittagstee wird gebracht, ein Muffin dazu, ein kleiner Bissen nur, er bleibt unberührt.

Professor Dietrich Pfeiffer, Chef des Uni-Fachbereiches Kardiologie, steht in der Tür. Er besucht Erich fast täglich, manchmal gemeinsam mit Professor Niederwieser, ich lerne ihn erst heute kennen. Trotz der grauen Haare strahlt er etwas Verschmitztes, Jungenhaftes aus.

"Schön, Sie hier sitzen zu sehen. Sitzen ist immer besser als liegen, Gehen wäre noch optimaler." Er kommt mit einer guten Nachricht, auch mit einer weniger guten. Die schlechtere ist nicht neu: Die Herzklappe schließt nicht, müsste operiert werden. "Nun, das lehnen Sie ja ab. Darum gilt es, die Entzündung in den Griff zu kriegen. Das wird gelingen und ist die wirklich gute Nachricht. Denn der Bakterienstamm, der sie verursacht, ist erfolgreich behandelbar, ist nicht von der bösen Sorte wie wir zunächst befürchteten. Das haben die Labortests nun definitiv ergeben." Und um Erich noch weiter aufzumuntern: Schon ab nächster Woche dürfe er zwei-, vielleicht dreimal die Woche für ein paar Stunden nach Hause. "Damit Ihr Schreibtisch Sie nicht vergisst." Die Nacht müsse er freilich wieder in der Klinik zubringen. In spätestens sechs Wochen werde man ihn vielleicht entlassen können.

"Oh, wir haben warten gelernt!", rufe ich. Es ist einer von Erichs meistgebrauchten Sätzen.

Seine Reaktion: "Morgen hätte ich Lust auf frisches Gehacktes." Da ist der Professor freilich schon aus dem Zimmer.

What a wonderful, wonderful day!

(Fortsetzung am Montag)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.12.2013

Linde Rotta

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