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Kultur „Literatur statt Brandsätze“: Wie die Autorin Anna Kaleri Bautzen erlebte
Nachrichten Kultur „Literatur statt Brandsätze“: Wie die Autorin Anna Kaleri Bautzen erlebte
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00:17 06.10.2016
Die Schriftstellerin Anna Kaleri, 1974 im Ostharz geboren, ist Initiatorin der Lesereihe „Literatur statt Brandsätze“.  Quelle: Livian Lehmann
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Bautzen

 Es ist 11 Uhr morgens, als ich aus der Bibliothek trete, beschenkt mit dreierlei Senf, weil ich mit der Lesung zu den 1. Bautzner Demokratiewochen meinen Senf dazugegeben habe. Auf der Straße umringt eine grauhaarige Touristengruppe eine Stadtführerin in Mittelalterkostüm. Mich begleitet Annalena S. durch die Stadt. Sie engagiert sich in „Bautzen bleibt bunt“, einem Bürgerbündnis, aus dem im letzten Jahr der Verein Willkommen in Bautzen e.V. gegründet wurde. Der Verein vermittelt unter anderem Patenschaften zu Geflüchteten. Auch einige Stadträte hätten Patenschaften, das werde aber nicht groß kommuniziert. Das zivilgesellschaftliche Engagement sei insgesamt zu gering. Hätten noch im letzten Herbst rund 500 Leute gegen Rechts demonstriert, verließen heute nur wenige ihre „Wohlfühlzone“. Durch stille Straßen gelangen wir zu einem Aussichtspunkt, von dem man die Spree rauschen hören und die Friedensbrücke sehen kann, auf der sich wegen einer Baustelle der Verkehr staut. Dort befindet sich im ehemaligen „Spreehotel“ eine von zwei Flüchtlingsunterkünften.

Bilder im Fernsehen zusammengeschnitten

Als wir fünf Minuten später auf den Kornmarkt kommen, der im Volksmund „Platte“ genannt wird, lungern sechs, sieben Jugendliche auf Bänken, wie das Jugendliche machen, die Zeit haben. So hatte die Bibliothekarin über die unbegleiteten minderjährige Flüchtlinge gesprochen, von sich aus, und ihr Ton war weder beschwichtigend noch beschönigend. „Und wenn dann auch noch Alkohol dazu kommt...“ Die Schlagzeilen und Fernsehbilder steigen wieder hoch. Als ich erfahre, dass Annalena die Vorfälle am 16.9. unmittelbar erlebt hat, will ich nun doch wissen, was jeder wissen will. In der Tagesschau seien Bilder vom Nachmittag des Tages, wo eine angetrunkene Frau auf junge Flüchtlinge losgegangen sei, mit Bildern der Eskalation am Abend zusammen geschnitten worden, meint Annalena. Sie erzählt von der Unterbesetzung der Polizei und deren Fehlverhalten. In diesem Moment kommen wir an einem Verteilerkasten vorbei, an dem sich zwei Schriftzüge überlagern, das grüne „Nazis raus“ ist schwarz übersprüht mit „NS“. Die Rechten träfen sich in einer Paintballhalle und im Boxverein und scheinen gut vernetzt zu sein. Rechtes Kollektiv Bautzen, StreamBz und Nationale Front Bautzen hatten gemeinsam ein als „Erpresserbrief“ wahrgenommenes Schreiben an den Oberbürgermeister verfasst, indem sie eine „spürbare Verbesserung der Situation in der Stadt fordern“ und im Gegenzug Ruhe versprechen. Welche Situation sie genau meinen, scheint so evident zu sein, dass es nicht ausgesprochen wurde.

Inwieweit die Gegenkräfte vernetzt sind? Das Steinhaus e.V. gilt bei Bautznern als linkes Kulturzentrum, dort hat auch „Bautzen bleibt bunt“ seinen Sitz. Das Bürgerbündnis hatte, als für den Sonntag vom 18.9. Demos beider Seiten angemeldet wurden, bekannt gegeben, sich nicht zu beteiligen, um dem nachzugehen, worin sie ihre Aufgabe sehen. „Für diese Entscheidung haben wir viel Schelte bekommen“, meint Annalena, aber sie hätten für die Entzerrung der Eindrücke sorgen müssen, die durch die Berichterstattung entstanden seien. „Wir mussten den Refugees erstmal erklären, was passiert war und wem die Ausgangssperre gilt. Manche wollten sofort aus Bautzen weg.“ Der Demo, zu der Antifa aus Dresden und Leipzig anreiste, hatten sich letztlich doch „eine Handvoll Bunte“ angeschlossen.

Pistolen am Gurt

Inzwischen sind wir im Café „Grüne Ecke“ angekommen. Tim und Eckart stoßen in ihrer Mittagspause zu uns. Sie sind ebenfalls bei „Bautzen bleibt bunt“. Während wir Ideen der Zusammenarbeit entwickeln, schlendern drei Polizisten mit Pistole am Gurt die Straße entlang.

„Bis zum nächsten Mal dann“, sagt die Wirtin beim Kassieren und ich will eigentlich erwidern, dass ich ja nicht von hier bin. Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich an einem großen Gebäude etwas Buntes winken. Es ist das Gymnasium, an dem meine Lesung ursprünglich stattfinden sollte. Mit Einverständnis des Direktors hatten die Schüler eine Stunde zusätzlich erhalten, um die Lesung kurzfristig in die Bibliothek zu verlegen, in die Öffentlichkeit. Das sind Zeichen. Auch die Idee, unser Banner mit dem Schriftzug „Literatur statt Brandsätze“ an der Schule aufzuhängen, ist ein Zeichen. Es ist nur viel zu klein. Daran müssen wir in Zukunft zusammen etwas ändern.

Von Anna Kaleri

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