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Kultur Longlist für den Buchpreis - Lust Seilers Debüt-Roman über den Wende-Sommer '89
Nachrichten Kultur Longlist für den Buchpreis - Lust Seilers Debüt-Roman über den Wende-Sommer '89
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18:14 28.08.2014
„Alle zwanzig Sekunden streichelte der Fächer des Leuchtturms“ das Geäst der Kiefern. Sehnsuchtsort Hiddensee, bei Lutz Seiler auch Vorhof des Verschwindens. Quelle: dpa
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Leipzig

Manchmal schreibt er eine „Weisheit des Tages“ auf die Schiefertafel mit den aktuellen Speisen. Dann gibt es Gäste, die das bestellen: „Wir hätten gern Gott ist tot ...“. Oder: „Bitte zweimal Panta Rhei“. Kopflos die einen, ironisch die anderen. Es ist der Sommer ’89. Es ist fast vorbei.

„Kruso“ heißt der erste Roman des 1963 in Gera geborenen Schriftstellers Lutz Seiler. In einer Woche kommt das Buch in die Läden. Vier Tage später wird bekanntgegeben, ob Seiler es unter die sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis schafft. Auf der Longlist steht er schon, und den Uwe-Johnson-Preis bekommt er auch.

Dieser Roman erregt Aufsehen. Es geht darin um Freiheit, Freundschaft und Hoffnung. Also auch um Abhängigkeit, Lüge und Verrat. Um die Möglichkeiten von Gemeinschaft und um deren Grenzen. Freiheit ist eine Utopie und Hiddensee ihr Versteck. Die „Schiffbrüchigen“, die hier stranden, erträumen sich Erlösung - vom Beruf, vom Partner, vom Zwang, vom Staat ... Oder von der Vergangenheit, so wie Ed.

Edgar Bendler, 24 Jahre alt, schulterlanges Haar, gelernter Maurer, Germanistik-Student in Halle. Seine Abschlussarbeit will er über Georg Trakl schreiben, dessen Gedichte gehören zu den „Beständen“ in seinem Kopf. Vor einem Jahr hat er seine Freundin verloren, und jetzt verliert er sich selbst. Edgar, Ede, Ed droht zu verschwinden. Auf der Insel sucht er „eine Behausung, eine Höhle für seine einigermaßen unbegreifliche Verlorenheit“. An jener Küste, von der aus man das Ende der Welt sehen kann - hinter den Patrouillebooten der DDR-Grenzpolizei.

Die Insel ist nicht nur Endstation, sie ist auch Vorhof des Verschwindens. Von über 5600 Flüchtlingen berichtet Seiler im Epilog, von 174 Todesopfern nach dem Mauerbau, angeschwemmt zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark. Verschwunden und vergessen. Auch ihre Geschichten gehören zum Wispern und Rauschen der Bäume und Wellen. Sie sind enthalten in den Erzählungen der „Schwarzschläfer“, der „Obdachlosen“, wie Kruso sie nennt.

Kruso, Alexander oder Aljoscha Krusowitsch, ist nach dem Tod seiner Mutter auf der Insel aufgewachsen. Er arbeitet als Abwäscher im „Klausner“, einem FDGB-Ferienheim, und kümmert sich um Ed. Die beiden sind wie Robinson Crusoe und Freitag. Als „Freund und Meister“, weiht er Ed ein in die Rituale und Geheimnisse einer skurrilen Gemeinschaft, der „Esskaas“, SK wie Saisonkräfte.

„Im Ganzen war es mehr als Vertrautheit und mehr als Vertrauen. Im Grunde war es eine gemeinsame Fremdheit, die ihre Freundschaft begründete.“ Seiler beschreibt das im Wechsel von Zärtlichkeit und Wucht. Seine Sprache ist dabei gleichermaßen assoziativ wie präzise, so dass man das Unheimliche wie auch das Berührende zu riechen und zu schmecken meint. Es ist unmöglich, sich dem Sog dieser Prosa zu entziehen, ihrem Rhythmus. Manche Sätze sind wie aus der Haut geschnitten. In anderen zeigt sich der Poet: „Die Tanne hinter dem Schuppen harkte das 6-Uhr-Morgenlicht zu breiten Streifen.”

Kruso hat, als er noch Kind war, seiner Schwester nicht helfen können. Nun will er die anderen retten: ohne Verletzung der Grenzen, ohne Flucht, ohne Ertrinken. „Hier beginnt sie, unsere Aufgabe, der Ernst unserer Sache“, erklärt er. „Drei Tage, und sie sind eingeweiht.“ Drei Tage hier, und sie können aufs Festland zurück. „Denn dann haben sie es: im Kopf, im Herzen, wo auch immer ...“. Er nennt es das „Maß der Freiheit“. Wir, das sind die „Esskaas“, die Kruso für seine Mission gewonnen hat. Zu der gehört es, auf der hoffnungslos ausgebuchten Insel Schlafplätze zuzuteilen, die mal illegal sind wie das museale Schriftsteller-Bett im Gerhart-Hauptmann-Haus, mal mit Zuwendung bezahlt werden, wie das Lager in Eds Kammer. Sexuelle Courage ist Teil dieser Freiheit, die in Partys und Punk-Konzerten am Strand eskaliert.

Seiler porträtiert die Gesellschaft. Einige derer, die hier aussteigen wollen, sind tief, vielleicht zu tief versunken in den Zustand des Wartens (auf die Ausreise). Bei einigen „schien es ein lustloser Schiffbruch, der ihrer lebenslangen Langeweile keinen Abbruch tat; es war, als folgten sie nur irgendeiner Pflicht (zum Glücklichsein vielleicht), einer Vorstellung von Sehnsucht, die ihnen mit dem landesweiten Ruf der Insel zu Ohren gekommen war, aber nichts bedeutete ihnen etwas.“

Kruso ist besessen. Er predigt die Freiheit in den Herzen, verkündet seine Utopie in einer „Mischung aus Strenge, Keuschheit fast und Selbstbeherrschung einerseits, und auf der anderen Seite gab es Entschlossenheit, Fanatismus beinah und einen Hang zum Phantastischen und Unerlaubten“. Seiler gelingt eine faszinierende Figur, die er mit Unschuld und Unbedingtheit ausstattet.

Die zwölf Beschäftigten des „Klausner“ sind so damit beschäftigt, ihre Arche über Wasser zu halten, sie tun dies mit Hilfe „eines speziellen Irrsinns, einer Essenz aus Gastronomie und Poesie“, dass sie lange nichts mitbekommen von Flüchtlingsströmen über die ungarische  Grenze, vom Untergang des Landes. Ed hat, aus der Zeit und aus dem Land gefallen, eine Vergangenheit, mit der er leben kann. Alles, auch das ist eine Botschaft dieses aufreibenden Romans, „alles war sinnvoll und absurd zugleich“.

„Kruso“ erscheint am 6. September; am 12. Oktober ist Lutz Seiler zu Gast im MDR Figaro Lese-Café: 16.05 Uhr in der Leipziger Moritzbastei, Universitätstraße 9; Kartentelefon 0341 702590

Lutz Seiler: Kruso.Roman. Suhrkamp Verlag; 484 Seiten; 22,95 Euro

Janina Fleischer

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