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Kultur Lotte de Beer inszeniert Alban Bergs Wedekind-Oper
Nachrichten Kultur Lotte de Beer inszeniert Alban Bergs Wedekind-Oper
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17:24 07.06.2018
Porträt von Lotte de Beer in der Oper in Leipzig. Foto: Andre Kempner Quelle: Kempner
Leipzig

Lotte de Beer inszeniert in Leipzig Alban Bergs Oper „Lulu“.

Ist „Lulu“ schon ein Klassiker, oder hat diese Oper nach 80 Jahren noch immer die Sprengkraft des Neuen?

Es ist beides. „Lulu“ ist ein Klassiker – schon weil die Oper durch Wedekinds Text so weit ins letzte Jahrhundert zurückgreift. Gleichzeitig ist die Oper musikalisch viel herausfordernder als zum Beispiel Mozart. Man kann sich da nicht zurücklehnen, kriegt enorm viel Information, textlich und musikalisch. Oft denke ich mir als Regisseurin, ich kann noch eine Deutungsebene hinzufügen: Wenn man beispielsweise Bizet inszeniert, schafft die Musik viel Raum für eigene Gedanken. Bei „Lulu“ will ich eher vereinfachen, zugänglich machen. Ich möchte dem Publikum die Hand reichen und klarmachen: Das ist nicht nur intellektuelle Arbeit, es gibt es auch viel packendes psychologisches und emotionales Material. Ich war dreimal als Zuschauerin in der „Lulu“ und fühlte mich manchmal fast vergewaltigt. Dann kommt man gar nicht dazu, das Stück emotional mit den Protagonisten zu durchleben. Wenn wir uns im Detail verlieren, kommen wir gar nicht an diese emotionale Ebene.

Wer ist denn diese Lulu? Welche Geschichte wollen Sie über sie erzählen?

Ich möchte, dass die Leute selbst sich diese Frage stellen. Ich finde das aus einer Männerphantasie entsprungene Bild einer Lulu, die psychopathisch und leer in die Gegend starrt, total langweilig. Was mich viel mehr interessiert, ist die Vorgeschichte, wie sie zum Beispiel mit zwölf von Doktor Schön mitgenommen und zur Prostitution gezwungen wird. Deshalb fange ich mit einem Mittel an, das Berg selbst vorgibt: dem Stummfilm. Die Oper beginnt mit einem Rückblick auf Lulus Jugend, der sowohl ihre Vergangenheit zeigt, als auch ihr Gefühlsleben.

Sie haben für die Inszenierung mit den Videokünstlern von fettFilm zusammengearbeitet, das Bewegtbild spielt wohl eine größere Rolle als von Berg vorgesehen?

Bei Berg kommt der Stummfilm an einem Punkt zum Einsatz, der das Werk im goldenen Schnitt teilt und auch inhaltlich einen Wendepunkt darstellt. Darin wird eine wichtige Handlung gezeigt, die man auch verstehen muss. Ich dachte mir: Das ist so eine gute Idee, das führen wir nicht erst nach zwei Stunden ein. All die verschiedenen Spielorte, Wien, Berlin, Paris, London. Ich dachte: Wir brauchen etwas, das uns helfen kann, das zu zeigen.

Es kann ja auch eine Ablenkung von der Bühne sein, wenn dahinter sehr viel Filmmaterial gezeigt wird ...

Es muss helfen und Raum schaffen. Meistens sind es eher abstrakte Bilder – als ob die Sänger selbst Hauptdarsteller in einem Film wären. Aber zwischendurch gibt es genau die Informationen, die man braucht, um die Szenen emotional zu verstehen.

In Zeiten von „MeToo“ ist Feminismus ein allgegenwärtiges Thema. Spielt der in Ihrer Inszenierung eine Rolle?

Ich glaube schon – wenn er bedeutet, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Männer sind auf der Bühne viel öfter die vielschichtigen Charaktere. Weibliche Figuren sind dagegen entweder Opfer oder Täter oder Mutter. Wir haben versucht, diese Frau als Mensch zu zeigen. In Bergs Oper wird sie in allen Szenen von Männern definiert, manipuliert, geformt und unter Druck gesetzt. Insofern positioniert sich das Stück gegen die Unterdrückung von Frauen. Dennoch ist es nicht unbedingt feministisch. Ich denke, dass diese Diskussion nicht zu flach gesehen werden darf. Im Geschlechterkonstrukt spielen alle Männer und alle Frauen mit, sie nehmen Rollen an und manipulieren einander. Es wäre gut, das ganz ehrlich in seiner Vielschichtigkeit zu sehen. Das versuchen wir mit „Lulu“.

Lulu leidet also nicht nur unter männlicher Ausbeutung und Gewalt, sondern macht sich auch selbst schuldig?

Wenn man als Zwölfjährige verkauft wird an einen Mann, dann gibt es vor allem andere Schuldige. Aber es gibt bestimmt auch Frauen, die so eine Vergangenheit haben und später Nonne wurden. Lulu ist intelligent, und sie weiß, was ihre Schönheit bewirken kann. Deshalb ist sie sowohl schuldig als auch unschuldig, sowohl Täterin als auch Opfer.

Stört Sie das Geschlechterbild, das diese Oper vermittelt?

Wedekinds Satz „August, bring mir unsere Schlange her!“ wird zur Einführung einer solchen Hauptfigur sicher nicht gerecht. Aber ich weiß nicht, ob mich der Text selbst in Teilen verstört oder die Interpretationen, die ich bis jetzt gesehen habe. Ich war oft so gelangweilt, dass man dreieinhalb Stunden die gleiche eindeutige Figur sieht, die keine Emotionen hat, nicht auf das reagiert, was mit ihr passiert. Natürlich kann man Lulu als Psychopathin sehen. Aber man kann eben auch sagen, dass sie ein Produkt ihres Umfeldes ist – eine Borderlinerin. Und genau danach haben die Hauptdarstellerin Rebecca Nelsen und ich gesucht.

Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Von ihrer Seite kam unendlich viel. Sie hat Literatur studiert, ist hochintelligent und eine wunderbare Schauspielerin. Sie hat mich angerufen und hatte bereits eine phantastische Interpretation der Rolle parat. Wir haben das diskutiert, und so ist eine neue Lulu entstanden. Eine so enge Zusammenarbeit kennt man sonst kaum in der Oper. Rebecca kann mich die ganze Zeit zweifeln lassen, ob ihre Gefühle tatsächlich echt sind. Sie kann sehr gut auf der Bühne lügen und gleichzeitig eine grundsätzliche Wirklichkeit spielen.

Das klingt nach einem sehr emotionalen und vielleicht zugänglichen Berg-Abend?

Ich glaube, wenn Berg die Oper selbst vollendet und sie noch einmal gelesen hätte, hätte er selbst einige Dinge wieder gestrichen. Wenn man es falsch angeht, dann kann diese Oper als Überforderung empfunden werden: zu viel Text, zu viele Figuren, zu viele Details, zu viele Handlungsstränge. Mir geht es nicht um die Information, sondern um die Situation.

Würden Sie sich als Minimalistin bezeichnen?

Vielleicht eher als Kind meiner Zeit mit zu wenig Konzentration (). Wir haben heutzutage andere Erwartungen und eine andere Auffassungsweise. Deshalb finde ich es wichtig, flexibel mit dem Material umzugehen, um es fürs Publikum aufzuarbeiten.

n.

„Lulu“ in der Oper Leipzig: Premiere: 16. Juni, Vorstellungen: 24. Juni, 1. Juli; Karten (15–78 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse

Von Isabel Schmidt, Philipp Kehrer, Richard Limbert

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