Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Lübbes Asyl-Theaterstück stößt in Leipzig auf gemischte Gefühle
Nachrichten Kultur Lübbes Asyl-Theaterstück stößt in Leipzig auf gemischte Gefühle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:18 03.10.2015
Premiere von „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“ im Schauspiel Leipzig. Quelle: dpa
Anzeige
Leipzig

Elfriede Jelinek steht zwanzigmal am Bühnenrand und klagt an: Mit orangeroten Haartollen und uniformer Blusen-Rock-Kombi mimen Frauen die Schriftstellerin, sie sind wütend und schimpfen ins Publikum. Der Chor spricht stellvertretend für die Flüchtlinge, um die es den ganzen Abend geht. „Wir versuchen, fremde Gesetze zu lesen. Man sagt uns nichts, wir erfahren nichts, wir werden bestellt und nicht abgeholt“, ruft der vielstimmige Jelinek-Chor.

Vor einem Jahr hatte sich das Leipziger Schauspiel für eine Kombination zweier Stücke über Schutzsuchende entschieden - die politischen Entwicklungen geben der Idee tagesaktuelle Brisanz. Die Inszenierung stellt Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ über die wahre Geschichte streikender Flüchtlinge in einer Wiener Kirche dem 2500 Jahre alten antiken Stoff „Die Schutzflehenden“ von Aischylos gegenüber.

Zur Galerie
Premiere im Schauspiel Leipzig: Enrico Lübbes Doppelstück zur aktuellen Flüchtlingskrise wurde am Freitagabend erstaufgeführt.

Jubel trifft auf Höflichkeitsklatscher

500 Zuschauer sind zur Premiere am Freitag gekommen, ihr Applaus für die mit Klischees und Bildern überfrachtete Inszenierung fällt gemischt aus. Jubel trifft auf viele Höflichkeitsklatscher. Regisseur Enrico Lübbe, der auch Intendant des Theaters ist, stellt beide Stücke jedoch mehr nebeneinander, als dass er sie verbindet. Erst der klassische Teil: Aischylos. Die Töchter des Danaos werden vom Feind aus der Heimat vertrieben und suchen Schutz. Lübbe lässt die Töchter von Männern in weißen Spitzenkleidern spielen, mit groben Masken verhüllt, minimalistisch, anonymisiert. Licht und Schatten kämpfen mehr im Bühnenbild als im Text - die Töchter dürfen nach flehenden Reden nicht nur bleiben, sie werden in ihrer neuen Heimat sogar vor dem einrückenden Feind beschützt.

„Eine humanistische Utopie“ nennt Lübbe den antiken Stoff, der auch Jelinek als Motivgeber für ihr 2013 erschienenes Stück diente. Ein Gegengewicht, ein Hoffnungsschimmer zur Wut der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin solle Aischylos sein, erklärt Intendant Lübbe. Deshalb führe das Leipziger Schauspiel als erstes Haus beide Stücke an einem Abend auf. Dieses Gewicht erlangt es kaum. Zu lose ist die Verbindung zu Jelineks Sprachspielereien und Wuttiraden über die Ignoranz gegenüber dem anonymisierten Leid der Flüchtlinge. Den besorgten bis ausländerfeindlichen Wutbürger etwa lässt Lübbe als Plüschhotdog und Plüschbrezel auftreten, die Sätze sagen wie: „Ich nehme mir diese Freiheit und diese - und schon ist keine mehr übrig.“

„Legida-Parolen wollten wir nicht unkommentiert lassen“

Die Texte zeigen: Die Wünsche der Schutzsuchenden und Bedenken der Aufnehmenden sind über die Jahrhunderte ähnlich geblieben, doch die Inszenierung stellt vor allem die Unterschiede der Texte heraus. Klar Position wollen Lübbe und sein Team beziehen - nicht nur an diesem Abend. Zu den kommenden Aufführungen sind jeweils Expertengespräche als Ergänzung geplant: Zur Grenzagentur Frontex, zu Angst vor dem Fremden, zur Bürokratie der Asylverfahren und dem Wirtschaftsfaktor Migration, zählt der Intendant auf. Damit könne das Theater besser auf tagesaktuelle Nachrichten reagieren, sagt Lübbe. Einen zusätzlichen Rahmen, ein anderes Forum geben.

Zudem trägt das Theater seine Botschaft mit einem Goethe-Zitat gut lesbar nach außen: „Ein Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter“, prangt an der Fassade. Eine Statement zur aktuellen politischen Lage - und eine Replik an das islamfeindliche, mit Neonazis und Hooligans durchsetzte Legida-Bündnis. Es läuft auf seinen montäglichen Demorouten immer wieder auch am Leipziger Ring gelegenen Schauspielhaus vorbei. „Ihre Parolen wollten wir nicht unkommentiert lassen“, sagt Lübbe. Kultur müsse Stellung beziehen, gerade in Zeiten, „wo es in der Politik oft durcheinander zugeht.“

Weitere Vorstellungen in diesem Jahr am 8. Oktober, 17. Oktober, 1. November, 5. Dezember, 18. Dezember

Von LVZ

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Charlie Brown als Rentner? Eigentlich ist es so, denn das Comic-Kind wird jetzt 65. Doch er ist jung geblieben - obwohl er schon seit 15 Jahren im Ruhestand ist.

02.10.2015

Der Thomanerchor führt seine Motette am Samstag in der katholischen Propsteikirche St. Trinitatis auf. Das Gastspiel wird begleitet vom Gewandhausorchester Leipzig und dem Organist der Thomaskirche, Ullrich Böhme. Letzterer wird dabei die neue Vleugels-Orgel bespielen.

30.09.2015

Das „Literarische Quartett“ hat ihn berühmt gemacht: Hellmuth Karasek gehörte neben Marcel Reich-Ranicki zu den prominenten Gesichtern der TV-Sendung. Noch länger leitete er beim „Spiegel“ das Kulturressort. Jetzt starb der Autor in Hamburg.

30.09.2015
Anzeige