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11:12 04.03.2018
Für den Kabarettisten Chin Meyer ist Geld die einzige weltumspannende Religion. Quelle: Veranstalter

Als Kabarettist dreht sich bei Ihnen alles ums Bare. Macht Geld gesund?

Natürlich, aber nur in Verbindung mit der richtigen Krankenkasse und einer Mentalität der Selbstkasteiung, die einen vom Triple-C-Lifestyle aus Communication, Capitalism & Critique – Stichwort “Coca-Cola-Couch“ – auf die Yogamatte treibt!

Wie kamen Sie zu Ihrer Paraderolle als Steuerfahnder Siegmund von Treiber?

Ich wurde vor 18 Jahren von einem Restauranttheater namens Pomp, Duck & Circum-stance engagiert. Die suchten einen “bösen deutschen Clown“ für eine Dinner-Show mit vielen internationalen Artisten. Ich sollte das Ganze ein bisschen aufmischen. Diese Figur war ein Steuerfahnder – denn für einen Gastronomen ist so ein Steuerfahnder so ziemlich das Mieseste, was er sich vorstellen kann. Auch viele der Gäste wurden anfangs sehr bleich, wenn sie die Worte “Fahndung“ und “Steuer-CD“ hörten. Von da aus war es nicht mehr weit bis zum Thema Finanzen.

Wie haben Sie auf die Enthüllungen rund um die Panama-Papers reagiert?

Sie belegen die Verzweiflung reicher Menschen. Lionel Messi etwa hat so viele Millionen, die lagen alle in der Wohnung rum, und schließlich ist er ein Messie. Irgendwann war kein Platz mehr, und da musste das Geld eben in Briefkästen ausgelagert werden. “Wie bitte? Lionel Messi?“, soll ja selbst Uli Hoeneß entsetzt geschrien haben, um sich dann intensiv zu fragen, warum er es nur bis nach Zürich geschafft hatte.

Wieso kann man über Geld so gut Witze machen?

Weil es ein schönes Symbol dafür ist, wie unser Verstand funktioniert und Dingen Wert zuspricht. Damit kann man auf der Bühne schön spielen. Geld ist ja eine sehr theoretische Sache. Es erfährt nur dadurch einen Wert, dass wir daran glauben. Geld ist die einzige weltumspannende Religion, auf die wir uns einigen konnten – es ist für mich ein Tor in das, was ich die Scheinwelt nenne: Heißt ja schließlich auch “Geld-Schein“ –, und nicht “Geldvorhandensein“ – ein schönes Symbol für die Widersprüche, aber auch die Kreativität des Menschen. Und Scheinwelten aufzudecken ist für mich ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit.

Wie bewerten Sie den Hype um Bitcoins?

Das ist ein schönes Beispiel für eine weitere Scheinwelt. Der Bitcoin ist noch viel theoretischer als buntes Papier, auf dem eine Zahl steht. Ich meine aber, dass diese Art von digitalisierten Werten zunehmen wird, auch wenn sie für die wenigsten begreifbar sind. Wir werden immer mehr Teil einer Datei. Auch darum wird es in meinem nächsten Programm gehen, das ich gerade für 2019 entwickle.

Wird unsere Gesellschaft bald bargeldlos?

Glaube ich nicht. Geldgeschäfte verlaufen zwar zunehmend digital, aber die komplette Bargeldlosigkeit werden wir in naher Zukunft wohl nicht erleben. Bargeld ist wie ein religiöses Totem, das die Leute brauchen. Ob du nun den Schein hast, auf dem 50 Euro steht, oder den Kontoauszug – am Ende ist es ja immer nur ein Stück Papier. Aber die Sehnsucht, etwas in den Händen zu halten, das man im Tausch für etwas geben kann, ist nach wie vor stark. Das kann auch eine Kryptowährung nicht ersetzen. Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn ich, statt Ihnen 100 Euro auf die Hand zu geben, sage: Ich habe hier mal die Blockchain meines Bitcoin auf 938 Seiten DIN A4 ausgedruckt...

Eintreibende Kraft: Chin Meyer in seinem Finanzkabarett als Steuerfahnder Quelle: Swen Pfoertner

Apropos Bindung. Denken Sie, dass der Euro hierzulande im Kopf der Menschen angekommen ist, oder rechnen immer noch viele in Mark um?

Ich kenne die aktuellen Studien dazu nicht, aber mein Gefühl sagt mir, dass der Euro mehr und mehr in den Köpfen ankommt. Die Mark ist jetzt schon echt lange Geschichte. Ich rechne schon noch manchmal um, aber nur als Vergleich zur Vergangenheit. Etwa wenn ich mich daran erinnere, was ich mir Anfang der Neunzigerjahre gewünscht habe, später zu verdienen.

Prägt die Finanzkrise unsere Gesellschaft auch Jahre nach ihrem Höhepunkt weiter?

In der Finanzkrise wurde das geprägt, was ich “Julklapp für Banker“ nenne, also das spielerische Umverpacken von Werten, bis keiner mehr durchblickt. Das findet weiterhin statt. Die Steuerreform von Trump etwa, die von der Wirtschaft so gelobt wird. Ein paar Reichen, die es eh nicht brauchen, wird da noch mehr Geld gelassen. So eine Art “Hartz IV für Millionäre“. Und darüber freuen sich vor allem die Leute, die sonst immer vor “Umverteilung“ warnen – schon absurd.

Wie halten Sie sich persönlich finanziell gesund? Haben Sie Aktien oder einen Wollstrumpf unterm Bett?

Ich bin breit aufgestellt. Ich habe Aktien, Immobilien – da entwickelt sich etwa Leipzig gerade sehr schön. Ich habe aber auch Anleihen, ein bisschen Gold und etwas Cash. Bei den heutigen Zinsen sind ja die “Im-Schrank-Bank“ und die “Hypo-Matratzen-Sparkasse“ wieder echte Alternativen.

Ihr Markenzeichen ist die getönte Brille. Wie kamen Sie dazu?

Wir alle schauen auf die Welt durch verschiedenfarbige Brillen: auf das eigene Leben durch die rosarote Brille, auf Wirtschaft, Politik und Umwelt durch eine schwarze Sonnenbrille. Die orange Brille ist meine Art von LSD. Ich sehe die Welt freundlicher. Irgendwann kam ich in eine Künstlergarderobe, und eine Kollegin hatte eine gelbe Brille auf. Das fand ich toll. Eine orangefarbene Brille hat Vorteile: Kontraste wirken in der Dämmerung schärfer. Aber auch Nachteile: Wenn ich Fußball schaue, spielt Holland immer gegen sich selbst.

Sie haben schon als DJ, Masseur, Butler, Heilpraktiker, Taxifahrer, Musical-Sänger und Koch gearbeitet. Was haben Sie diese Erfahrungen gelehrt?

Flexibilität. Nicht an den Dingen kleben. Wenn eine Sache nicht funktioniert, was anderes machen. Ich durfte so in verschiedene Lebensbereiche eintauchen, habe in meinem Leben nicht ein und denselben Job gemacht. Diese Entwicklung betrifft ja nicht nur mich: Wir alle müssen uns zunehmend lebenslang auf Veränderung einstellen.

Ihr aktuelles Bühnenprogramm lautet “Macht! Geld! Sexy?“. Wie lautet denn Ihre Antwort?

Ja. Geld macht sexy. Aber es gibt Abstufungen. Ich habe da eine fast mathematische Gleichung entwickelt. Die Grundprämisse lautet: Je älter und je männlicher, desto teurer wird’s.

Zur Person: Chin Meyer (58) ist ein deutscher Kabarettist, Kolumnist und Buchautor. Er studierte in London Schauspiel und arbeitete als Musical-Sänger, unter anderem in “Cats“. Er tritt in TV-Formaten wie “Die Anstalt“ auf, seine Bühnenprogramme tragen Titel wie “Das Leben ist kein Boni-Hof“. 2011 landete er nach einem Auftritt in der Talkshow von Markus Lanz einen millionenfach geklickten Youtube-Hit über “Fuselanleihen“. Er steht auch zusammen mit seinem Bruder, dem Schauspieler Hans-Werner Meyer, auf der Bühne, zum Beispiel am 6. März in Lehrte, am 10. März in Einbeck und am 15. März in Gifhorn. Mit dem Finanzkabarett “Macht! Geld! Sexy?“ gastiert Chin Meyer am 3. März in Hannover, am 4. März in Hamburg, am 9. März in Dresden und am 24. März in Frankfurt.

Von Nina May

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