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Kultur „Madame“ – Aschenputtels großer Tag
Nachrichten Kultur „Madame“ – Aschenputtels großer Tag
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14:00 28.11.2017
Gut-drauf-Sein gewinnt Herzen: Bob Fredericks (Harvey Keitel) und seine Französischlehrerin (Joséphine de la Baume) verstehen sich prächtig. Quelle: Foto: Studiocanal
Hannover

„Essen Sie nicht zu viel. Trinken Sie nicht zu viel. Lächeln Sie nicht zu viel.“ Die Anweisungen, die Anne (Toni Colette) dem Dienstmädchen Maria (Rossy De Palma) gibt, sind klar und deutlich. Schließlich wird die Hausangestellte auf eine gesellschaftliche Undercover-Aktion vorbereitet. Da der Sohnemann unangekündigt in Paris aufgetaucht ist, sind es für das Dinner plötzlich dreizehn Gäste.

Ein vierzehnter Gast wird dringend gebraucht

Die Zahl bringt Unglück, das weiß jeder. Schon bei den Gebrüder Grimm hat die dreizehnte Fee nur Ärger gemacht und die ganze Belegschaft in jahrzehntelangen Tiefschlaf versetzt. Aber in Amanda Sthers’ „Madame“ geht es nicht um „Dornröschen“, sondern eher um „Aschenputtel“. Das langjährige Hausmädchen wird nämlich als vierzehnter Gast für den Abend rekrutiert und muss sich plötzlich in der Welt ihrer Arbeitgeber zurecht finden.

Die Fredericks sind schwer reiche Amerikaner und das Gelingen des Dinners ist von großer Bedeutung. Der Londoner Kunsthändler David (Michael Smiley) soll die Echtheit des Caravaggios im Wohnzimmer begutachten, mit dessen Verkauf Bob (Harvey Keitel) hofft, finanzielle Engpässe zu überwinden. Dass ausgerechnet David von Maria sehr angetan ist, führt zu emotionalen Verwicklungen, in denen die sorgfältig errichteten Klassenschranken ins Wanken geraten.

Arroganz ist die schärfste Waffe der Bessergestellten

In ihrer Sozialkomödie „Madame“ seziert die französische Schriftstellerin und Regisseurin Amanda Sthers mit scharfem Skalpell die Abgrenzungsstrategien der modernen, feinen Gesellschaft, die sich immer ganz aufgeschlossen gibt, solange die unsichtbaren Gräben nicht überschritten werden. Die Liebesaffäre des Dienstmädchens mit dem Kunsthändler ist für die „Madame“ Provokation und Bedrohung zugleich und die schärfste Waffe gegen die proletarische Infiltration ist immer noch die Arroganz der Bessergestellten.

Toni Collette spielt das Oberklassen-Biest mit neurotischer Überzeugungskraft, aber das emotionale Epizentrum des Filmes ist Rossy De Palma, deren markantes Gesicht Pedro Almodóvar schon in sieben seiner Werke verewigt hat. Ihre außergewöhnliche Präsenz trägt den Film auch über so manche Vorhersehbarkeit in der Plotkonstruktion hinweg.

Von Martin Schwickert / RND

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