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Kultur Mario Schröders Sicht auf Tschaikowskis „Schwanensee“
Nachrichten Kultur Mario Schröders Sicht auf Tschaikowskis „Schwanensee“
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15:13 07.05.2018
Effektvolle Spiegelungen bei Mario Schröders Leipziger „Schwanensee“ Quelle: Leipzig report
Leipzig

Nach den Clowns kommen die Tränen, Schwäne und eine kleine Geschlechtsumwandlung gleich dazu. Gerade erst hat Leipzigs Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder in seiner Inszenierung von Strawinskys „Frühlingsopfer“ aus dem heidnischen Russland eine Horrorspielwiese für Gruselclowns gemacht, schon nimmt er sich mit Peter Tschaikowski den nächsten Ballettklassiker und Russen zur Brust: Am Sonntag hatte in der ausverkauften Oper „Schwanensee“ Premiere.

Was allerdings die Tränen angeht, kann man indes nicht wirklich sicher sein , ob es sich nicht doch eher um Regentropfen handelt, die da an einem großen Palastfenster in Schlieren herabrinnen. Möglich auch, dass die überdimensionierten Videoprojektionen in der Bühnenkulisse Gischtspritzer aus jener Meeresbrandung zeigen, die hier ebenfalls immer wieder mal optisch brodelt. Viel zu stürmisch übrigens, als dass darin ein Schwan schwimmen könnte. Aber dem emotionalen Brausen dieser unsterblichen Geschichte ist derlei wohl dennoch angemessen.

Vom Wegsehnen und Wegträumen aus der Enge gesellschaftlicher Konventionen erzählt sie, hinein ins Reich der Phantasie, die ja allemal ein Ort der Freiheit und der Liebe sowieso ist und sich im konkreten Fall am titelgebenden Schwanensee befindet. An dem trifft traditionell, also seit der Uraufführung des Balletts 1877 im Moskauer Bolschoi-Theater, ein feinsinniger Prinz auf ein Schwanenmädchen, das sich als verzauberte Prinzessin entpuppt.

In Schröders Update ist das ein wenig anders. Der Prinz nämlich wandelte sich zur Prinzessin, während die Schwäne wiederum einfach Schwäne bleiben. Also eher allegorisch flattern; wohl, weil das 19.-Jahrhundert-Glitter-Flitter-Gespinst sentimentaler Kunstmärchenhaftigkeit im 21. Jahrhundert nur noch als psychologisierendes Gleichnis einer (hier weiblichen) Selbstfindung praktikabel scheint. Oder, wie sagt es Mario Schröder im Programmheft so schön: „Für mich ist die Seele ein kleiner Schwan.“ Eine süße Metapher, selbst eingedenk des Umstandes, dass kleine Schwäne ja wie hässliche Entlein aussehen. Was auf die Inszenierung nicht zutrifft – man möchte fast ein leider hinzufügen.

Auf der Bühne entwickeln hoch aufragende Kulissenwände einen Eremitage-haften Pomp in blassem Frostblau. Dahinter und darüber bewegt sich eine raffinierte Spiegel- und Projektionsfläche, die zum einen die Videoaufnahmen zeigt und zum anderen Blicke aus der Vogelperspektive gestattet. In variierenden Winkeln reflektiert sich so das Geschehen auf der Bühne oder auch mal das im Orchestergraben, eine Perspektivenverdopplung, die reizvoll irritierend und ästhetisch effektvoll ist (Bühne, Video: Paul Zoller) und mitunter so inflationär im Einsatz, als gelte es damit etwas zu kaschieren.

Das Gewandhausorchester wohl kaum. Dirigentin Giedré Šlekyté treibt dem Kunstgewerblichen, das Tschaikowskis Melodienreigen partiell anhaftet, gekonnt das Gewerbliche aus, reduziert, soweit das möglich ist, das Rabimmel-Rabammel-Rabumm im Walzertakt, kratzt die Zuckerkruste des Sentiments von den lyrischen Passagen, die dann tatsächlich mal lyrisch klingen dürfen, wahrt das Gefühl, in dem das Gefühlige so weit als möglich umschifft wird.

Gute Voraussetzungen also für einen choreographischen Schwanenreigen. Der hier in den Ensembleparts indes eher vorrangig nach wildem Geflatter aussieht. Eines, das auch unter Aspekten des Timings gelegentlich so wirkt, als eile es der Musik hinterher oder wolle vor ihr fliehen.

Es ist ein Hin und Her, Hoch und Runter, ein Rein und Raus und noch mal im Kreis, das im ersten Viertel durchaus dynamisch, auch mal ironisch augenzwinkernd rotiert – und allerspätestens im Endviertel kaum mehr als Redundanz verbreitet. Ein finales Dauerflitzen auf dem sehnsüchtigen Weg zum letzten Akkord.

Die interpretatorischen Freiheiten die sich Schröder in seiner Inszenierung nimmt, fallen auch deshalb kaum ins Gewicht. Dass der Prinz eine Prinzessin ist, ist schön und gut einfach deshalb, weil Urania Lobo Garcia das schön und gut tanzen kann. Dass der ja auch erotische Dualismus zwischen Prinz und Prinzessin, also Schwan, jetzt quasi dem inneren Monolog einer jungen Frau auf dem Selbstfindungstrip zum Opfer fällt, mag man für symptomatisch gegenwärtig halten. Also unter „Aktualisierung“ verbuchen.

Als Seelchen-Metaphern sind freilich auch Anna Jo (in weißer Ausführung) und Laura Costa Chaud (in schwarzer Ausführung) alles andere als hässliche Entlein. Schön und gut allenthalben. Dass sich dabei nichts entpuppt, nichts emanzipiert, kann man ihnen nicht vorwerfen, in Anbetracht eines „Schwanensees“, bei dem man insgesamt nicht so recht weiß, warum Schröder ihn besucht hat. Vielleicht einfach, weil er da ist. Und es, wie der Premierenapplaus nahelegt, dem Leipziger Publikum so gefällt.

Vorstellungen: 25., 26. Mai, 2. 3., 14., 19. Juni, 15., 16., 23., 30. September, 13., 14. Dezember; Karten (15–78 Euro) unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Steffen Georgi

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