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Marion Brasch: "Ich habe eher mit mir gekämpft, als mit meinem Vater"

Marion Brasch: "Ich habe eher mit mir gekämpft, als mit meinem Vater"

Es gibt Wahrnehmungen, die ändern sich nicht. Vielleicht schwächen sie sich ab, färben sich anders ein - im Kern aber bleiben sie seltsam resistent. Als gelte es, auf diese Art das Gewicht der Vergänglichkeit besser zu ertragen.

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Stellt am Sonntag ihr Buch vor: Marion Brasch.

Quelle: Jürgen Bauer

"Time is a jet plane it moves so fast" singt Bob Dylan, und die Zeile kann durch den Kopf gehen, wenn man nach knapp 400 Seiten am Ende ist mit Marion Braschs schönem Buch "Ab jetzt ist Ruhe" (S. Fischer Verlag). Weil dieses Buch auch davon erzählt, wie schnell das Leben verweht und dass die 40 Jahre, die dafür die zeitliche Klammer bilden - von der Kindheit der 1961 geborenen Marion Brasch angefangen bis zum Tod des noch letzten lebenden Bruders 2001 - im selben Tempo dahinrauschen, in dem man die Seiten umblättert. Und natürlich mag einem Dylan auch einfallen, weil der in diesem Buch selbst immer wieder eine unterschwellige, aber nicht unwesentliche Rolle spielt. Doch der eigentliche Grund ist ein anderer.

Vor ihrer Lesung am Sonntag in Leipzig gilt es im Gespräch mit Marion Brasch allerdings erst einmal Wesentlicheres zu klären: ob der sächsische Dialekt, auf den sie einige hübsche Spitzen feuert ("breit und unförmig"), immer noch so eine Zumutung für ihre Ohren ist. Die Antwort schwankt irgendwo zwischen diplomatisch und ironisch: "Ach, Ihr Gewandhaus-Sächsisch höre ich ganz gerne", sagt sie und lacht. Die kleine Aversion sei eher dem Umstand geschuldet gewesen, im Mädchenalter Anfang der 70er Jahre plötzlich für ein Zwischenspiel von Berlin nach Karl-Marx-Stadt ziehen zu müssen.

Womit man auch schon mittendrin ist, in der Geschichte dieser Familie Brasch. Da sind die jüdischen Eltern. Sie haben sich während der Nazizeit im englischen Exil kennengelernt, zogen nach dem Krieg nach Ostberlin, wo der Vater als hoher Parteifunktionär sich mit an der Verwirklichung des Traums von der glorreichen kommunistischen Zukunft versucht. Und da sind die drei großen Brüder Marions: Peter, der Jüngste. Klaus, der Mittlere. Thomas, der Älteste. Drei Brüder, zwei davon Schriftsteller (Peter und Thomas), einer Schauspieler (Klaus). Allesamt Begabungen, einer eine Berühmtheit.

Und alle sterben vor der Zeit, machen sich mit einer fatalen Zielsicherheit kaputt, zerreiben sich an einer Wirklichkeit, die nicht nur mit den Träumen des Vaters nichts mehr zu tun hat. Es bleibt an der kleinen Schwester, die emotionalen Trümmer aufzuräumen.

Über Marion Braschs "Ab jetzt ist Ruhe", diesem - so die Unterzeile - "Roman meiner fabelhaften Familie", wurde schon viel geschrieben. Am wenigsten aber über das Gelungenste daran: einen Erzählton, in dem sich der Schmerz in Humor hüllt, in eine Art Fatalismus ohne Schicksalsschwere. Ohne Bitterkeit, trotz aller Bitternisse. Brasch: "Ich hatte beim Schreiben nie einen selbsttherapeutischen oder kathartischen Anspruch. Die Geschichte, die Trauer, die Schmerzen hatte ich vorher schon verarbeitet. Das heißt, ich konnte jetzt den Schmerz zulassen, lief dabei aber nicht Gefahr, so ein bleiernes Zeugs zu schreiben. Ich lese das ja auch nicht gerne, also wollt ich so auch nicht schreiben."

Gefiltert, zensiert wurde nichts: "Mein ganzes Wissen über diese Familie steckt da drin." Und die Liebe zu dieser sowieso. Nur machte die in diesem Fall nicht blind - und das vielleicht auch deshalb: "Ich musste ja mit dieser Familie und vor allem mit meinem Vater keinen Frieden machen. Ich war nicht im Krieg. Den Krieg machten meine Brüder. Ich habe eher mit mir gekämpft, als mit meinem Vater."

"Ab jetzt ist Ruhe" schildert die Wut, die Verletzungen und Verwerfungen - und den Zusammenhalt, die Herzensgröße, Zärtlichkeit auch. Und ohne ein einziges Mal in die Peinlichkeit zu tappen, auf diesen Umstand explizit hinzuweisen, spricht dieser Roman natürlich auch von dem großen historisch-politischen Drama, hier im Privaten, in der Familie reflektiert. Erkennt man das heute überhaupt noch, diese fatale Verwobenheit? Ist das noch nachvollziehbar? Brasch: "Ich dachte beim Schreiben immer: Das muss auch meine Tochter verstehen." 20 ist die. Hat mitgelesen, eingefordert, nachgefragt. Verstanden.

Am Ende ihres Buches schildert Marion Brasch, wie sie mit fünf Rosen durch Berlin fährt. Zu den fünf Menschen ihrer Familie, die auf drei verschiedenen Friedhöfen begraben liegen. Eine Abschiedsszene, eine Zwiesprache mit den Gegangenen. Und es fällt einem jener Dylan-Titel ein. "You're a Big Girl Now" heißt der - und gut vorstellbar erscheint plötzlich, dass die Brüder Brasch samt Eltern, aus welchem Jenseits auch immer, sich ihrerseits verabschieden würden damit von der Tochter und kleinen Schwester, die jetzt ein großes Mädchen ist. Eine Frau, eine Mutter. Freie Rundfunkjournalistin bei radioeins (RBB). Und die sich dennoch eben diesen Blick, diese Wahrnehmung und vielleicht sogar das Wesen "der Jüngsten" bewahrt hat. Seltsam resistent gegen die Vergänglichkeit.

Marion Brasch liest "Ab jetzt ist Ruhe": 23. Juni, 15 Uhr, "Vineta" auf dem Störmthaler See, die Bootsüberfahrt ist 14 Uhr; Infos und Karten (24 Euro inkl. Transfer) gibt es unter Telefon 0341 140660

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.06.2013

Steffen Georgi

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