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Kultur Martin Holz über seine Pilotenkueche: „Wir stellen nicht Kunst aus, wir stellen Sinn aus“
Nachrichten Kultur Martin Holz über seine Pilotenkueche: „Wir stellen nicht Kunst aus, wir stellen Sinn aus“
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05:00 02.08.2017
„Das Thema bestimmt das Material“: Martin Holz, 31, versteht sich als „All-Media-Artist“ und ist Chef der Pilotenkueche. Quelle: André Kempner
Leipzig

Wenn Martin Holz über sein Projekt spricht, gleitet er in die Schwärmerei. „Wir sind eine Person“, hat er das Gefühl. So nah schlägt sein Herz an seiner Pilotenkueche, die seit 2014 existiert. Der Umzug von der Spinnerei ins Dietzoldwerk wurde in den vergangenen Monaten bewältigt, im Februar konnten nach einigen Renovierungsarbeiten, bei denen Holz selbst viel Hand angelegt hat, die Künstler ihr neues Loft im Leipziger Westen beziehen.

Die Förderung von Jungkünstlern aus der ganzen Welt steht im Mittelpunkt des Projektes – und das mit einem geeigneten Atelier sowie einem Kulturprogramm, um den Teilnehmern neue Blickwinkel und ein breites Spektrum an Kunst aufzuzeigen. Aktuell sind es 16 Künstler, die weitestgehend aus dem asiatischen Raum stammen. Einer davon ist der Südkoreaner Dew Kim. In seine Werken lässt er soziale Aspekte einfließen und setzt sich mit der eigenen Sexualität auseinander. Gepaart ist dies mit einigen biblischen Geschichten wie über Isaak und seinen Vater, aber auch viel autobiografischem Inhalt. Dies drückt er vor allem in Installationen und digitaler Kunst aus.

Gesellschaftliche Aspekte spielen auch bei Hai-Hsin Huan eine große Rolle. Die Chinesin ist viel durch Länder gereist und malt mit größter Sorgfalt das Gesehene. „Sie spiegelt so den gesellschaftlichen Habitus wider“, erklärt Projekt-Direktor Holz ihre Bilder mit Wimmelbildcharakter, während er durch ihre Sammlung „There Is No Future“ blättert.

Der Kopf der Pilotenkueche ist immer wieder von seinen Gästen begeistert: „Manchmal denkt man, dass man genau weiß, in welche Richtung es geht, und dann wird es doch wieder ganz anders.“ Vor allem die diversen Einflüsse innerhalb des Lofts prägen die Arbeiten, die Künstler inspirieren sich gegenseitig und wachsen so an sich und ihrem Schaffen. Und so ist Holz sicher: Kunst kann viel mehr bewegen, als manche denken. Sie ist tiefschürfender und nicht nur pure Ästhetik. Der kuratorische Leitfaden des 31-Jährigen: „Wir stellen nicht Kunst aus, wir stellen Sinn aus.“

Eine Chance außerhalb der Kunstblase

Er selbst bezeichnet sich als All-Media-Artist: „Bestimmte Inhalte machen bestimmte Medien und Werkzeuge notwendig. Das Thema bestimmt das Material, und insofern ist jedes Mittel recht, wenn es den Inhalt transportiert. Ob Malerei oder Bauwesen, Sound oder Performance – alles ist möglich.“ Nach einem Bachelor-Abschluss in Kunstpädagogik zog es ihn in den Norden, nach Greifswald. Dort absolvierte er einen Master in Bildender Kunst, doch „die Szene hat man in fünf Minuten gesehen“, sagt Holz über die Hansestadt an der Ostsee. Leipzig habe da deutlich mehr Subkultur und Potenzial, gerade im Bezug auf sein Projekt, erklärt er.

Warum sich der Pilotenkuechen-Chef der Förderung der Jungkünstler widmet, erläutert er ebenfalls: Er möchte sich von den gesellschaftlichen Prozessen trennen, die in der Kunstwelt dominieren. Wie dem Kommerz, der den Ton angebe und den Markt komplett monopolisiert habe. Künstler müssen auch außerhalb dieser Blase eine Chance bekommen zu bestehen, findet er. Bei vielen jungen Talentierten hat er beobachtet, wie schwer es auf ihnen lastet, nirgendwo anzukommen oder ausgenutzt zu werden.

In dem Loft werden die Künstler mit einem Teilstipendium vom Projekt selbst unterstützt. Die Leiter veranstalten ein kleines Kunstprogramm für ihre Schützlinge: Museumsbesuche, Grillabende an der Spinnerei und zahlreiche Konsultationen. Die reflektierenden Gespräche sollen ihnen helfen, sich zu entscheiden, welche Richtung das nächste Werk einschlägt. Außerdem sorgt die Pilotenkueche dafür, dass ihre Arbeiten bei Ausstellungen präsentiert werden, etwa auf dem Freiraumfestival am 9. September, einem Stadtteilfest des Leipziger Ostens.

Die Residenz soll zur Institution werden

Die Organisatoren haben vor, eine größere Programmdiversität zu vereinen. Ab der nächsten Runde im Oktober soll ein „Local Participants Program“ beginnen, das Leipziger Künstlern ausdrücklich die Chance gibt, in der Residenz zu arbeiten. Bisher wurde das teilweise bereits im Gastkünstlerangebot umgesetzt. Außerdem haben sich Holz und sein Team in den Kopf gesetzt, ein Kuratorenprogramm in ihr Projekt zu involvieren. „Wir haben schon einige Anfragen bekommen“, sagt Holz. Beabsichtigt sei, dadurch die gesamte Kunst-Genese von der Herstellung bis zur Veröffentlichung abzudecken. Sein Ziel: Die Residenz wird zur Institution.

Momentan befindet sich das Projekt in der 32. Runde und diese in den letzten Zügen. Mit mehreren Ausstellungen ist die Pilotenkueche in verschiedenen Galerien der Stadt zu Gast, die nächste Schau eröffnet am Donnerstag im Salon Similde und trägt die Überschrift „Unbekannt vertraut“. Zum großen Finale mündet die 32. Projektrunde in der Pilotenkueche selbst: In der letzten September-Woche steht die einstige Dietzold-Fabrik in Leutzsch unter dem Motto „Buttersäure-Senf“.

„Das bedeutet alles und nichts“, erzählt Holz, man sei nicht so festgefahren, der Titel lasse genug Raum, um sich selbst mitziehen zu lassen. Die Künstler seien selbst auf ihn gekommen. „Außerdem“, setzt er erneut an, „klingt unsere Sprache für Ausländer einfach ziemlich belustigend.“

Ein-Tages-Ausstellung „Unbekannt vertraut“, Donnerstag, 20 Uhr, Salon Similde (Simildenstraße 9); Finale „Buttersäure-Senf“ vom 23. September, 18 Uhr, bis 29. September in der Pilotenkueche (Franz-Flemming-Straße 9); www.pilotenkueche.net

Von Sarah Englisch

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