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Martin Suters Business Soap "Alles im Griff": Ein Jahr unter Würstchen

Martin Suters Business Soap "Alles im Griff": Ein Jahr unter Würstchen

Es kommt schon auf die Größe an. Beim Bürostuhl zum Beispiel. Der neue von Kurt Bäriswil ist aus Leder, perforiert, schwarz mit Twinmechanik, Komforttiefenfederung und integrierter Lordosenstütze.

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Austauschbare Karrieristen: In Martin Suters Business Welt achten Männer auf Haltung und die Schwächen der anderen.

Quelle: dpa

"Im Prinzip das gleiche Modell, wie er es schon bei der TYLCO besaß, nur mit multifunktionaler Armlehne als weiteres Extra."

Dergleichen ist wichtig in der Welt, aus der Martin Suter (66) kommt. Er war Creative Director einer Werbeagentur und Präsident des Art Directors Club der Schweiz. Heute ist Suter Bestsellerautor, hat nach Romanen wie "Small World" oder "Lila, Lila" mit Krimis der "Allmen"-Reihe Erfolg. Bekannt ist er aber auch für seine Kolumnen "Geschichten aus der Business Class", die sogar der Stiftung Marktwirtschaft so gefallen, dass sie Suter 2010 den Swift-Preis für Wirtschaftssatire verlieh.

Sie sind bis 2007 zuerst in Schweizer Zeitungen, dann mit kurzem zeitlichen Abstand in Buchform erschienen. Nun folgt, mit sehr großem Abstand, "Alles im Griff", eine Business Soap, in der sich 38 Kolumnen und ein Epilog zu einer geschlossenen Geschichte aus einer auf ihre Art geschlossenen Gesellschaft fügen. Sie stammen aus dem Jahr 2004 und entfalten nach zehn Jahren zwar noch immer die für Suter typische Komik, wirken aber mit dem Blick von heute auch harmlos.

In dieser Welt hat jeder unter irgendjemandem zu leiden, dem er sich anbiedern oder den er abservieren will. Das hält gefügig und stabilisiert das Gefüge. Die innerbetrieblichen Konkurrenten bedienen sich dabei am liebsten des Instruments der Intrige, der gezielten Fehlinformation.

Kurt Bäriswil hat - wie Stefan Tobler - neu bei der "CRONSA" angefangen, einem Unternehmen der Industriebedarfsbranche. Beide kennen sich von der "TYLCO", was Tobler für die neuen Kollegen interessant macht als intimen Kenner von Bäriswils Psyche. Tobler befindet sich mit Anton Hattinger in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um die Leitung der Abteilung Marketing und Verkauf. Vor allem rennen sie dabei gegen sich schließende Türen, weil sie in ihrem Karriere-Gerangel die Mitbewerber übersehen oder unterschätzen. Tobler hasst Hottinger, der ihn wiederum lediglich verachtet. Sie sind einander zugewandt in Missgunst. Zu einer hübschen Szene kommt es, als beide sich zu dessen 50. Geburtstag an Chef Bäriswil ranwanzen und mit ihrem vermeintlich perfekten Geschenk alles falsch machen.

Amüsant ist auch die Sache mit dem Lift. Bäriswil achtet sehr auf Haltung, weil Haltung Respekt erzeugt. Und "Respekt fördert die Karriere, wenn man es versteht, sich diesen zwar entgegenbringen zu lassen, ihn selber aber nur sehr dosiert zu bezeugen". Weil das nicht leicht durchzuhalten ist, braucht Bäriswil ab und zu ein wenig Kompensation: Er lässt sich gehen. Im Lift. "Sackt in sich zusammen, lässt die Zunge raushängen, kratzt sich wie ein Pavian, lallt wie ein Besoffener, reißt sein ganzes Jugendrepertoire von Grimassen, nullhändig, einhändig, zweihändig." Was er dabei übersieht, ist die Überwachungskamera.

Das macht ihn erpressbar. Ist aber gar kein Problem, weil alle anderen es auch sind, und zwar quer durch die Hierarchien, in denen Hans Wenger, genannt Wengerling, nur so lange ganz oben steht, so lange keiner erfährt, unter wem er außerhalb des Ehebetts zu liegen kommt. Wenger "beschließt - wenigstens vorübergehend -, mit Selbstzweifeln zu experimentieren".

Einer liegt immer unten bei diesem Strampeln, Rennen und Treten. Und liegt die ganze Firma am Boden, dann geht es eben woanders weiter. Alles ist, alle sind austauschbar im Reigen menschlichen Versagens, im Rahmen von Überforderung, nützlichen Freundschaften, Mauschelei, Bestechung, Hochstapelei ... Zwischen Dotcom-Blase und Finanzkrise wachsen die Schwächen der Führungskräfte proportional zu ihren Aufgaben. Deren verschleiernde Business-Sprache ist ein Denglisch-Kauderwelsch aus Bläh- und Beliebigkeitsfloskeln, von Suter mit Lust karikiert.

Arme Würstchen sind sie, alle. Nun ja, fast alle, denn die Frauen beherrschen ihre Rollen im Gesellschaftsspiel. Am Empfang, als Konkurrentin oder im verschwiegenen Hotel. Sekretärin Ingrid Gartmann reagiert mit Hautallergien auf die Unfähigkeit wechselnder Chefs. "Neuer Job, neuer Chef, neuer Duft, altes Lied." Sie löst das auf ihre Weise. Martin Suter beschreibt diese Welt böse und witzig, zeigt sie jedoch nicht gefährlich und lächerlich genug.

Martin Suter: Alles im Griff. Eine Business Soap. Diogenes Verlag; 124 Seiten, 12,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.09.2014

Janina Fleischer

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