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Nachrichten Kultur Martin Walser wird 90
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00:17 26.03.2017
Der Schriftsteller Martin Walser wird 90, er lebt in Überlingen. Quelle: dpa
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Leipzig

An diesem Manne scheiden sich die Geister. Sie spiegeln sich in ihm und schaben sich an ihm. Nicht immer hat er sie gerufen. Meistens aber schon. Martin Walser ist streitbar. Als Schriftsteller wie als Zeitgenosse. Am Freitag wird er 90, und mit ihm blicken Leser nicht nur auf ein großes Werk eines der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart. Er selbst rückt seine Person ins Licht: zum Jahresbeginn mit dem Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“, jetzt „Ewig aktuell. Aus gegebenem Anlass“. Herausgeberin ist Thekla Chabbi. Sie war wesentlich beteiligt an Walsers Roman „Ein sterbender Mann“ (2016). Für die Geschichte vom Verschwinden hat sich der Autor in Online-Suizidforum umgeschaut. Man kann ihm nicht vorwerfen, nicht neugierig zu sein – auf die Menschen, die Dinge, die Welt.

Der Sammelband „Unser Auschwitz“ (2015) dokumentiert Walsers jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld. In „Meßmers Gedanken“ (1985), „Meßmers Reisen“ (2003) und „Meßmers Momente“ (2013) nähert er sich hinterfragend dem Glauben und dem Sein, autobiographisch in der Anmutung, aphoristisch in der Form, im Inhalt oft weise. Nichts ist von falscher Fröhlichkeit getrübt. Gleiches gilt für die Tagebuch-Bände. .

Sätze auf der Freiheitswiese

Es gebe eben Sätze, die müssten raus, sagt Walser, sie passen aber in keinen Roman oder keine Erzählung, „die gehörten auf eine Freiheitswiese“. Wenn er von dort die Worte und die Themen pflückt, ist er weniger unberechenbar als überraschend. Zwischen den Romanen „Ein liebender Mann“ und „Muttersohn“ überraschte er mit der Novelle „Mein Jenseits“. Er umgarnt das Unerklärliche mit Witz und Leichtigkeit. Den liebenden und leidenden Mann zeigt Walser als wissenden Mann in seiner Schwäche. Sie wirken vertraut – die Geschichten über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Liebens. Auf manchen angreifbar.

Martin Walser: Ewig aktuell. Aus gegebenem Anlass. Rowohlt; 640 Seiten, 24,95 Euro Quelle: Rowohlt

Am Anfang des Werks stand 1955 der Erzählungsband „Ein Flugzeug über dem Haus“. Gleich erhielt Walser den Preis der „Gruppe 47“. 1957 folgte „Ehen in Philippsburg“ und der Hermann-Hesse-Preis. Später „Jenseits der Liebe“, „Ein fliehendes Pferd“, Ein springender Brunnen“, „Tod eines Kritikers“, „Angstblüte“ ... Geboren wurde Walser am 24. März 1927 als Sohn eines katholischen Gastwirts im bayerischen Wasserburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte; seine Dissertation an der Universität Tübingen trägt den Titel „Beschreibung einer Form. Versuch über die epische Dichtung Franz Kafkas“. Zu all den Preisen und hohen Auszeichnungen gehören der Georg-Büchner-Preis (1981), der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1998) und der Internationale Friedrich-Nietzsche-Preis für sein Lebenswerk (2015).

Ein Werk, das mit dem Leben des Autors verzahnt ist, dennoch: „Es wird doch wohl auf dem Papier etwas anderes passieren dürfen als in der Wirklichkeit.“ Schreibt Walser in „Statt etwas oder Der letzte Rank“, einem Roman zwar, doch nicht nur nebenbei auch einer Abrechnung. Wie demütigend ist es, sein Leben bewertet zu bekommen von Leuten, die glauben, das zu dürfen. Und dabei etwas Wesentliches übersehen: Dass zum Irrtum Vertrauen gehört.

Immer wieder wunde Punkte

Martin Walser lebt in der Sprache, seiner Sprache. Es ist ein aufregendes Leben in Unsicherheit. „Wie soll es in einer Wörterwelt Freiheit geben, in der es Gewissheit gibt“, schreibt er, und dass Gewissheit genau das ist, „was ein Wort nicht sein darf: Es ist ein Wort als Zwangsjacke.“ Denn: „Für Eindeutigkeiten haben wir Instrumente. Wörter sind Spürbarkeiten.“ Unvernunft ist für ihn ein Unwort. Dem Begriff Sprachhandlung spürt er in seinem jüngsten Buch nach. Sprachhandlungen von Autoren sind „gedacht und gemacht zur Veränderung der Wirklichkeit“. Der Band „Ewig aktuell“ versammelt Aufsätze, Reden, Äußerungen Walsers von 1959 bis 2016. Über 600 Seiten Wirklichkeit. Walser sei mehr „Zustimmungskünstler als Gesellschaftskritiker“, sagt sein Biograph Jörg Magenau. Er rühre immer wieder an wunde Punkte der öffentlichen Meinung, indem er etwas sage, wofür die Zeit noch nicht reif sei. „Und dann kriegt er einen auf den Deckel.“

Zuletzt sah Walser einem möglichen Sieg der rechtsextremen Partei Front National bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich gelassen entgegen. „Die Gallier sind ein geniales Volk. Sie haben die Revolution gemacht. Und da ist doch diese deutsche Anmaßung lächerlich, sich um andere Nationen Sorgen zu machen“, zitiert ihn der „Südkurier“. Er ist nicht der Intellektuelle, der sagt, was zu tun wäre, sondern der Künstler, der formuliert, wie es sich anfühlt.

Martin Walser: Meßmer. Gedanken. Reisen. Momente. Rowohlt; 336 Seiten, 20 Euro Quelle: Rowohlt

Walser sah und sieht sich „zu Äußerungen provoziert“, schreibt Thekla Chabbi im Nachwort zu „Ewig aktuell“. Darin äußert er sich zu Ernst Bloch und zum Mauerbau und zur Maueröffnung, zur „Spiegel“-Affäre, den Auschwitz-Prozessen, Amerikas Vietnam-Krieg, zum Tod von Max Frisch und Joachim Fest, zur Weihe der Dresdner Frauenkirche und zur Sterbehilfe. Auch mal zur Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM 2010. Mittendrin in dieser Lebensgeschichte: Walser mit seiner Sprachkraft und Verletzlichkeit, dem schnellen Wort und dem bedachten. Er mischt sich ein, aber nicht mit. Das ist seine Position. Es ist keine der Macht, und bequem ist sie auch nicht. Man braucht dafür einen warmen Mantel und besser auch einen Hut.

Sein Hausverlag Rowohlt gratuliert zum Geburtstag zudem mit Sonderveröffentlichungen: Eine fasst „Ein liebender Mann/Ein sterbender Mann“ zusammen, die andere, eine Trilogie, heißt „Meßmer. Gedanken. Reisen. Momente“. Martin Walser selbst feiert nicht so sehr, sagt er. Er begeht lieber seinen Namenstag.

Martin Walser: Ein liebender Mann / Ein sterbender Mann. Zwei Romane. Rowohlt; 512 Seiten, 20 Euro Quelle: Rowohlt

Von Janina Fleischer

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