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Nachrichten Kultur Mathias Énard erhält Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
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13:21 23.03.2017
„Wir sind nur Spaziergänger auf diesem Planeten“, sagt der Schriftsteller Mathias Énard, der Mittwochabend den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt.   Quelle: Dirk Knofe
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 „Tönet ihr Pauken! Erschallet Trompeten!“ Johann Sebastian Bachs Kantate liegt auf den Pulten des Gewandhausorchesters, Felix Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“. Und Johannes Brahms, „Ein deutsches Requiem“. Stücke, mit denen der Chor der Oper Leipzig gerade seinen 200. Geburtstag feiert. Und genau jene Kantate, die Mendelssohn zur 400-Jahr-Feier der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg komponiert hat – im Auftrag der Stadt Leipzig.

Gewandhaus und Buchmesse – sie verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, die am Mittwochabend Abend fortgesetzt wurde mit der feierlichen Eröffnung, in deren Zentrum der französische Schriftsteller Mathias Énard stand mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Der sich mit einer Rede bedankte, in der Sprachkunst auf Klarheit im Geist trifft und auf ein offenes Herz für die Welt.

Die Leipziger Buchmesse ist mit einem Bekenntnis zu einem geeinten Europa eröffnet worden. Der französische Schriftsteller Mathias Énard erhielt bei dem Festakt am Mittwoch im Gewandhaus den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Zuvor aber, auch das hat Tradition, hält, nach Oberbürgermeister Burkhard Jung und Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sozusagen das Wort zum Buchmarkt. Heinrich Riethmüller spricht das „Gefühl von Freiheit und Erwartung“ an, mit dem er einst ein Schulbuch aufschlug. Wegen des Wissens, das Bücher enthalten, und wegen der Möglichkeiten, die sich dadurch eröffnen können. Bildung, sagt er, „ist die Grundlage für ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben“. Sie ermögliche es, „am gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess teilzunehmen“. Sowie Fakten von „alternativen Fakten“ und „gefühlten Wahrheiten“ zu unterscheiden.

Gewandhausorchester und Chor der Oper Leipzig mit Bach, Brahms, Mendelssohn. Ulf Schirmer dirigiert. Quelle: Dirk Knofe

Als „unabhängige Instanzen, die Informationen aufbereiten und bewerten“, brauche es Verlage, Autoren und Journalisten, die Meinungsvielfalt möglich machen, sowie Buchhandlungen, die die Vielfalt des Buchmarktes widerspiegeln. Sollte die Bundesregierung ihre Urheberrechtsreform durchbringen, die, so Riethmüller, nach der Devise „Bildung zum Nulltarif“ verfahre, werde es dramatische Auswirkungen auf die Publikationsvielfalt haben, wenn „geistige Arbeit nicht mehr honoriert wird“.

Das muss angesprochen werden, wenn es um Bücher geht. Zumal in einer Stadt, die mit der Messe „zum Epizentrum der deutschen und europäischen Literatur“ werde, wie Liana Ruokyte-Jonsson sagt, Kulturministerin der Republik Litauen. Sie spricht nicht nur von Ehre und Anerkennung, sondern von Herausforderung und Verpflichtung, in diesem Jahr „Gastland dieses großartigen Bücherfestes zu sein“.

Ruokyte-Jonsson erinnert an die Präsentation 2002 auf der Frankfurter Buchmesse, an die Sehnsüchte jener Zeit und den Glauben, die Rückkehr nach Europa sei mit dem Beitritt zu EU und Nato verwirklicht. Auch wenn die Realität Zweifel nähre, „an der Lebensfähigkeit der Europäischen Union oder sogar am Europäischen Gedanken“, seien die Herausforderungen der Gegenwart keineswegs allein politische, es seien „im Grunde zivilisatorische, menschliche Herausforderungen“. Die Literatur habe immer schon die Fragen gestellt, „wie wir uns selbst verstehen, wonach wir streben und wem oder was wir uns verpflichtet fühlen“.

Zur Feier gehört die Pflicht

In einer Zeit, „in der wir allenthalben Spaltung und Hass erleben“, geht der Buchpreis zur Europäischen Verständigung an den französischen Schriftsteller Mathias Énard, weil er in seinem „von Wissen sprühenden“ Roman „Kompass“ zeigt, „wie die islamische, die christliche und jüdische Tradition ineinandergreifen“. Der Roman sei „eine literarische Feier unseres gemeinsamen kulturellen Erbes“, begründet Oberbürgermeister Jung die Entscheidung für den Preisträger.

Es sei, hat er zur Begrüßung gesagt, „neben der Feier für die Bücher auch unsere Pflicht, dafür einzutreten und dazu aufzurufen, das freie Wort hochzuhalten, jeder Einschränkung der freien Meinungsäußerung oder gar Repressalien, Unterdrückung und Gewalt“ entschieden entgegenzutreten. „Wo Meinungsfreiheit in Gefahr ist, sind auch die Bücher in Gefahr.“

Es scheine so, als hätten die politischen Kommentatoren dieser Tage vergessen, wer Europa war. Und was Europa bedeutet, sagt Énard in seiner Dankesrede: „Europa war eine libanesische Prinzessin, die an einem Strand bei Sidon von einem Gott des Nordens entführt wurde, der sie begehrte: Zeus.“ Sie hat nie einen Fuß auf unsere Landstriche gesetzt; „Europa ist eine illegale Einwanderin, eine Ausländerin, eine Kriegsbeute“. Mit seinem Roman „Kompass“ habe er versucht, „von Neuem ein wenig Licht auf den östlichen Teil der Geschichte der europäischen Kultur zu werfen, besonders in der Literatur und in der Musik“. Heute seien Europäer oft traurige Zuschauer.

„Wir haben Syrien aufgegeben, es wie einst den Libanon oder Bosnien der Zerstörung und dem Schmerz überlassen.“ Ziehen wir, fragt er, „keine Konsequenzen aus der Zerstörung dieses Landes, aus den Hunderttausenden von Toten, den Millionen von Flüchtlingen? Können wir den Frieden nur auf einem so begrenzten Geviert sichern, dass er weder die Ukraine, noch die Türkei, den Sudan oder Mali einschließt? Können wir nicht anders für Sicherheit sorgen als durch Vorherrschaft und Imperialismus?“

Hoffnung auf Wissen

Er habe „Kompass“ im Zeichen der Hoffnung geschrieben. „Eine vielleicht bescheidene Hoffnung ist die auf das Wissen.“ Die Neugier „als Motor der Welt, die Neugier, das Wissen, die Künste und die Literatur als die Dinge, die wir teilen. Wir haben keine starr festgelegten Identitäten, wir sind nur Spaziergänger auf diesem Planeten.“

Die Geschichtswissenschaftlerin Leyla Dakhli verbindet mit Énard eine „Freundschaft und Weggemeinschaft“. In ihrer Laudatio beschreibt sie dessen Weg der Sprache, die Liebe zu den Wörtern, „den Lauten, den Harmonien und den Geschichten, die diese Wörter transportieren. Sie beschreibt den Reisenden, der überall dort lebt, „wo er nicht zuhause ist, weil er buchstäblich imstande ist, die Welt zu bewohnen“. Seine Literatur „lässt Raum für die Gemeinheit, die Gewalt, die Perversität und die Machtbeziehungen. Sie lässt Raum für die Freiheit und die Leichtigkeit, die Leidenschaft und die Liebe.“

Am Donnerstag, 13.30 Uhr, ist Mathias Énard zu Gast in der LVZ-Autorenarena (Halle 5, Stand C 100)

www.lvz.de/buchmesse
www.lvz.de/autorenarena

Von Janina Fleischer

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