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Mathias Tretter taucht in Leipzig mit neuem Programm ins Zeitalter der Amateure ab

Kabarett Mathias Tretter taucht in Leipzig mit neuem Programm ins Zeitalter der Amateure ab

Der gebürtige Würzburger Mathias Tretter steht über den Dingen und irgendwie auch mittendrin. In seinem neuen Kabarett-Programm „Pop“ seziert der Wahl-Leipziger Populismus, unsere zunehmend digitalisierte Welt mit alle ihren sprachlichen Verrenkungen und taucht ab in das Zeitalter der Amateure

Mathias Tretter bei der Leipzig-Premiere seines neuen Programms „Pop“ im Keller der Academixer.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Facebook, Twitter, Instagram – das alles kostet nur Zeit. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich da zu präsentieren. Ich kann ja auf die Bühne gehen“, erklärte Mathias Tretter erst letzte Woche im LVZ-Interview, bevor der Wahl-Leipziger am Samstag im Academixer-Keller sein neues Programm „Pop“ kredenzte.

Dieses Privileg, seinen Platz im Scheinwerferlicht, hat er sich erarbeitet, während der Rest der Welt im Zeitalter der Amateure versinkt. Youtube, Casting-Shows und Präsidentschaftswahlen in den USA machens möglich. „Und ich glaube nicht, dass ich arrogant bin. Ich bin einfach nur klug“, findet Tretter. Deswegen gehe er auch nicht zu Markus Lanz, der ihn schon zweimal angefragt hat. Unfair wäre das.

Kabarettistischer Drahtseilakt

Der gebürtige Würzburger steht über den Dingen und irgendwie auch mittendrin. „Pop“ seziert Populismus, unsere zunehmend digitalisierte Welt und sprachliche Verrenkungen. Tretter meistert dabei den Balanceakt auf dem kabarettistischen Drahtseil, ist sich einerseits nicht zu schade für alberne Pointen und liefert andererseits intelligente Analysen, ohne das Publikum von oben herab zu behandeln oder gar für dumm zu verkaufen. „Pop“ feuert auf leichte (Trump, Rassisten) und im Kabarett nur selten stattfindende (Google, Facebook) Ziele gleichermaßen. Und während Tretter von Politik, Kindeserziehung, seiner Ehe, Religion, dem Internet und Terrorismus erzählt, kommt er immer wieder auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, der alle Unsinnigkeiten miteinander zu verbinden scheint, zurück: die Sprache.

„Es heißt immer der Jude, der Afghane, der Syrer. Was regt ihr euch eigentlich so auf, wenn aus jedem Land nur einer gekommen ist?“, fragt Tretter und führt damit die hetzerische Rechtsaußen-Rhetorik ad absurdum. „Sobald solche Leute eine Tastatur vor sich haben, geht die innere Erika Steinbach mit ihnen durch. Aber wenn Rechte schreiben, führt das nicht automatisch zu Rechtschreibung.“

Während die Nazis traditionell auf dem rechten Weg sind, scheint sich Tretter zunehmend die Frage zu stellen, ob der Rest der Menschheit überhaupt auf dem richtigen Weg ist. „Trump wurde in dem Jahr gewählt, als die Welt David Bowie verloren hat. Die Evolution ist also in der Regression“, befürchtet der Kabarettist. Die Zukunft steht infrage. Apps und das Internet der Dinge lösen Probleme, die wir ohne sie erst gar nicht hätten. Bald können wir E-Mails auf dem Duschkopf empfangen, „und die Leute bejubeln es auch noch, wenn ein Slip besser rechnen kann als ich.“ Der Anfang vom Ende? „Google, Amazon und Facebook lenken wie wir denken und entwickeln den Übermenschen – früher hieß das Arier.“

Mit der Brechstange der Polemik

Mit der Brechstange der Polemik arbeitet sich Tretter akribisch an einer Welt ab, die zunehmend von Bits und Bytes bestimmt wird. Neue Technologien verändern, wie wir miteinander kommunizieren, wem wir vertrauen und unser Verständnis von Demokratie. „Pop“ trägt dem Rechnung und zerlegt auf dem mitunter dünnen Eis politisch inkorrekter Vergleiche derart schonungslos Mechanismen statt Menschen, wie man es im deutschen Kabarett nur selten sieht. Tretter zwingt sein Publikum, die Augen zu öffnen, Verhaltensmuster zu überdenken, die Realität sowie Machtverhältnisse zu hinterfragen und fordert gleichzeitig mehr Gelassenheit und Freude. „Wer sich vor dem Terror in die Hose macht, soll Pampers tragen und nicht nach neuen Gesetzen schreien.“

Was sonst passieren könnte, zeigt zum Abschluss der Trettersche Blick in die Glaskugel: „Wir schreiben das Jahr 2122. Die ganze Erde wird von einem Großkonzern beherrscht. Google hat 2081 Würzburg abgerissen, weil es Platz für Server brauchte.“ Dank modernster Technologie müssen die Menschen nicht mehr arbeiten und sind untersterblich. „Der Sinn des Lebens ist jedoch der Tod. Ohne den wird alles langweilig. Aber auch den haben sie uns genommen ...“

Von André Pitz

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