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Mathias Tretter vor der „Pop“-Premiere: „Wir leben in der Epoche der Dilettanten“

Interview Mathias Tretter vor der „Pop“-Premiere: „Wir leben in der Epoche der Dilettanten“

Mathias Tretter ist einer der wenigen Kabarettisten, dessen Pointen mit Vorliebe die schöne neue Welt der Online-Medien angreifen. Am Samstag stellt er das neue Programm „Pop“ in Leipzig vor – wo er seit zehn Jahren zu Hause ist.

So hätte Andy Warhol den Kabarettisten Mathias Tretter vermutlich am liebsten gesehen.
 

Quelle: Stefan Stark

Leipzig. Mathias Tretter ist nicht nur der einzige Kabarettist, der den Lachmesse-Preis Löwenzahn gleich zwei Mal gewonnen hat. Er ist auch einer der wenigen seines Fachs, dessen Pointen mit Vorliebe die schöne neue Welt der Online-Medien angreifen – und der ganz offensichtlich weiß, wovon er da spricht. Am Donnerstagabend feiert der 45-Jährige mit dem neuen Programm „Pop“ in seiner Geburtsstadt Würzburg Premiere. Die nächste Station im Tourplan ist am Samstag Leipzig – wo er seit zehn Jahren zu Hause ist.

Das Programm trägt unter anderem den Titel „Pop“, weil Pop-Artist Andy Warhol Ende der 60er Jahre jedem Menschen 15 Minuten Ruhm versprochen hat. Ist es heute soweit?

Diese Prophezeiung – 25 Jahre vor dem Internet – ist faszinierend. Das Zitat stammt ursprünglich von dem Medienphilosophen Marshall McLuhan, Warhol hat den Ausspruch, nun ja: populär gemacht. Der Satz nimmt vorweg, was heute in den sozialen Netzwerken und auf Youtube möglich ist.

Sie thematisieren die virtuellen Kommunikationskanäle zwar viel auf der Bühne, sind aber selbst nicht auf Facebook aktiv und twittern auch nicht. Welche Rolle spielen diese Medien für Sie?

Ich bin ein Beobachter mit einer gewissen Abscheu und großer Sorge. Und ich ärgere mich da tatsächlich über das klassische Politkabarett, das immer noch so tut, als lebten wir in der einigermaßen überschaubaren Weltordnung der alten Bundesrepublik. Dabei stellen die heutigen Kommunikationsformen die Demokratie vollkommen in Frage. Ob CDU oder SPD, das spielt da kaum noch eine Rolle, doch das Kabarett arbeitet sich immer noch größtenteils an den damit verbundenen Personen ab. Die anderen Mechanismen, die das gesellschaftliche Machtgefüge mittlerweile mindestens ebenso prägen, beachtet dagegen selten mal ein klassischer Kabarettist.

Was fehlt?

Das Internet ist ein Instrument, das in der Hand totalitärer Regime genauso funktioniert wie in der Hand von Bloggern, die gegen diese Regime kämpfen. Und auch Blogger sind nicht automatisch die Guten. Die Vorstände der Internet-Giganten wiederum, längst weltweite Monopolisten, reden auf ihre Weise wie die totalitären Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Auch sie wollen den Neuen Menschen erschaffen und forschen doch masochistisch an der Abschaffung des Menschen. Ich bin hocherstaunt, dass die Leute das einfach hinnehmen, zum Teil sogar bejubeln. Noch jedes Mittel, das man ihnen bietet, nutzen sie, ohne zu überlegen, was sie an Daten und Macht über sich aus der Hand geben.

Für 15 Minuten Ruhm?

Man suggeriert den Leuten, dass jeder alles kann. Und so rutschen wir in eine Epoche der Dilettanten, der Amateure. Dann sollen also zum Beispiel Blogger die neuen Journalisten sein. Für richtigen Journalismus will aber niemand mehr bezahlen. Sowieso hat sich eine unsägliche Kostenlos-Kultur entwickelt, weshalb mit der Kulturproduktion kein Geld mehr zu verdienen ist. Außer man ist wie ich in einem Bereich tätig, der noch nicht simulierbar ist, soll heißen: Man tritt vor allem live auf. Für mich persönlich ist das Internet zwar ein fantastisches Recherchemittel, und E-Mails schreiben sich auch schnell. Aber ansonsten sehe ich für mich keine Vorteile. Facebook, Twitter, Insta­gram – das alles kostet nur Zeit. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich da zu präsentieren. Ich kann ja auf die Bühne gehen ...

... um dort jetzt das parteipolitische Geplänkel trotz des beginnenden Bundestagswahlkampfs wegzulassen?

In dem Programm kommt nichts davon vor. Wenn wir über Angela Merkel und Martin Schulz reden, ist das für mich wie wenn man Skat am Computer spielt und die Karten auf die Tastatur knallt. Die Überschrift „Pop“ spielt ja auch auf den Populismus an, und klar, wenn ich darüber spreche, komme ich nicht an Donald Trump vorbei. Aber es geht mir nicht um ihn konkret, sondern um die Mechanismen des Populismus. Darum, was Populisten tun, welche Themen sie aufgreifen und welche Sprache sie sprechen. Als historische Figur ist Trump ja gar nicht so außergewöhnlich. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte steht so ein Lauchschädel plötzlich an der Spitze eines Staates.

Ist gutes Kabarett mehr an Analyse als an Pointen interessiert?

Mein Programm ist hoffentlich voller Pointen. An erster Stelle steht für mich, dass die Leute lachen. Ich trete nicht als Volkspädagoge an und versuche auch keine soziologische Analyse. Wenn das mit drin ist und bei manchen ankommt – schön. Aber ich schüttle den Kopf über dieses Schautafel-Kabarett, das zeigt, wie’s wirklich ist. Allein der Gestus ist mir schon fremd. Die eigenen Quellen als die richtigen und die anderen als die falschen anzusehen und sich dessen vollkommen sicher zu sein: Das ist mir suspekt.

Klingt alles sehr deprimierend. Gibt es auch hoffnungsvolle Entwicklungen?

Ich war überrascht von dem Rückschlag, den die Populisten vielerorts erlitten haben. Macrons Wahlsieg, die Niederlage von Theresa May. Und Geert Wilders hat’s auch nicht geschafft. Ich hatte das alles schlimmer erwartet. Der AfD gelingt es ebenfalls so langsam, sich zu zerlegen. Aber insgesamt ist meine Prognose wenig hoffnungsvoll. Ich habe zwei kleine Kinder, das ist ein großes Thema für mich.

Ihre Kinder sind Sachsen, Sie selbst Franke. Haben Sie je bereut, vor zehn Jahren nach Leipzig gezogen zu sein?

Absolut nicht. Ich bin heilfroh, dass ich in Leipzig lebe. Ich genieße es hier, die Stadt ist nach wie vor entspannt. Allerdings mache ich mir ein bisschen Sorgen darüber, dass Leipzig inzwischen so angesagt ist. Das kriege ich auch unterwegs mit. Immer wieder erzählen mir Leute, wer jetzt alles nach Leipzig gezogen ist oder es vorhat. Ich hoffe, dass sich die Stadt nicht zum Negativen verändert.

Merken Sie auf der Bühne einen Unterschied, ob vor Ihnen ein, sagen wir, Leipziger oder Würzburger Publikum sitzt?

Ich habe immer noch das Gefühl, dass die Ostdeutschen genauer hinhören und tendenziell mehr Sachen goutieren. Es sind nur kleine Dinge, und es ist nicht auf Leipzig beschränkt. Eher handelt es sich um einen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Aber so langsam nivelliert sich auch das.

Mathias Tretter: „Pop“, Leipzig-Premiere am Samstag, 20 Uhr, Academixer (Kupfergasse 2), Karten für 17 bis 23 Euro: 0341 21787878 (nächste Vorstellung dort am 22. November)

Von Mathias Wöbking

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