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Maxim Leos Krimi-Debüt: Revierkampf in Brandenburg

Maxim Leos Krimi-Debüt: Revierkampf in Brandenburg

Der Journalist und Autor Maxim Leo bringt in "Waidmannstod" Fiktion und Landeskunde zusammen und unerhält mit Spannung wie auch mit einem sympathischen Kommissar und heiterem Erzählton: Schon auf der ersten Seite fällt der erste Schuss.

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Sieht der Kommissar das Motiv vor Bäumen nicht? In Maxim Leos Krimidebüt fügen sich Fiktion und Landeskunde zu guter Unterhaltung.

Quelle: dpa

Es ist Hubertusjagd im Sternekorper Forst. Ein Rehbock bleibt schwer atmend liegen. Harro Probst hingegen atmet nicht mehr. Wie die Tierkadaver liegt er auf der rechten Seite, die Knie angewinkelt.

Die Hände sind mit einem Seil gefesselt, im Mund des Mannes steckt ein Tannenzweig. Der 64-jährige Gas-Wasser-Installateur aus Eberswalde ist erschossen worden. Und offensichtlich will der Mörder noch mehr mitteilen als das. Warum sonst diese Inszenierung des Toten?

Das muss Hauptkommissar Daniel Voss nun klären. Er stammt aus der Gegend, hat aber nach dem Studium in Stuttgart beim LKA gearbeitet und ist nach dem Tod des Vaters zur kranken Mutter zurückgekehrt. Weil er aus Baden-Württemberg kommend gleich Leiter der Mordkommission im brandenburgischen Bad Freienwalde wird, hält mancher ihn für einen Westdeutschen.

Aus dieser Ausgangssituation entwickelt Autor Maxim Leo einen Regionalkrimi, der fast schon eine Gesellschaftskomödie ist. Leo wurde 1970 in Berlin geboren, hat Politikwissenschaften studiert und arbeitet als Reporter und Kolumnist bei der Berliner Zeitung. Gemeinsam mit Jochen-Martin Gutsch hat er bereits die Bände "Sprechende Männer" und "Single. Family: zwei Männer - zwei Welten" veröffentlicht. Für sein autobiographisches Buch "Haltet euer Herz bereit", eine ostdeutsche Familiengeschichte, wurde er 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. Das Drehbuch zum Kölner Tatort "Wahre Liebe" vor drei Wochen stammt von Leo. "Waidmannstod" nun ist sein erster Kriminalroman, der Untertitel überführt ihn als Serienautor: "Der erste Fall für Kommissar Voss".

Voss ist ein klassisch knurriger Charakter. Der 43-jährige Einzelgänger richtet sich meist in dem ein, was sich gerade so ergibt. "Er folgt den Eingebungen, den stummen Kräften, die ihn mal hierhin, mal dorthin ziehen." Zurück in der Heimat ziehen sie ihn zur polnischen Krankenschwester Maja, die seine Mutter pflegt. Doch nur einmal hat er es bisher geschafft, "ganz offiziell mit einer Frau zusammen zu sein".

Was ihm eine heimliche Geliebte erspart. Zuerst aber liebt er seine Arbeit. Sie "hält ihn wach und macht ihn sogar manchmal zufrieden. Er mag es, über andere Menschen nachzudenken, über ihre Abgründe, ihre Ängste, ihre Wut." Noch immer ist er nervös, wenn er an einen Tatort kommt. Sein Dienstwagen ist ein hellblauer Fiat Punto und sein Assistent Christian Neumann eine Nervensäge.

Alles wie es sein muss also in einem Krimi, der nicht allein mit der Tätersuche bei der Stange hält, sondern auch mit Herz und Schnauze. Wobei sich Letztere im Brandenburgischen eher hinter Wortkargheit verbirgt. Bei Rechtsmediziner Dibbersen, der einst DDR-Jugendmeister im Judo war, genauso wie bei den nicht wenigen Verdächtigen. Störrisch wirken diese Einheimischen, manch einen kennt Voss noch von früher. Auch wenn alle miteinander zu tun zu haben scheinen, muss jeder selbst sehen, wo er bleibt. Verteidigt sein Revier. Einer hat im Schweinestall Ferienwohnungen für Ruhe suchende Berliner gebaut. Nun sollen in der Nähe Windräder aufgestellt werden. Doch wer will seinen Kräutertee im Schatten eines Windrads schlürfen?

Ist das schon ein Motiv für einen Mord? Und hat nicht jene Frau ein viel besseres, deren Familie bei der Explosion einer Gasleitung ums Leben kam, die von der Firma Probst verlegt worden war? Wusste Frau Probst, dass ihr Mann eine Geliebte hatte? Die "Soko Treibjagd" kommt nicht voran, weder der Förster noch alte Mitschüler können Voss helfen. Es wird Zeit für eine zweite Leiche - und da liegt sie schon, genauso zu- und hergerichtet wie die erste. Hubert von Feldenkirchen, 65, war Landrat, Chef des märkischen Bauernverbandes und überdies ein Freund des Ministerpräsidenten. Auch er hatte mit den Windrädern zu tun, allerdings weniger im Wald als im Grenzbereich der Korruption. Und sein eher intimes Geheimnis war schon lange keines mehr.

Als Voss dann noch auf einen kiffenden Aussteiger und einen unterirdischen Atombunker stößt sowie selbst in Lebensgefahr gerät, ist alles beisammen in diesem Krimi vor real existierendem Hintergrund. Maxim Leo verknüpft Fiktion mit Landeskunde, Reflexionen über Wald und Jagd, über Wirtschaft, Landschaft und Brandenburg als "arbeitsloses Wellness-Land" mit Kolumnisten-Sätzen wie "Die Nachtigall ist die Britney Spears des Waldes". Oder: "Ein Mann ohne Traktor gilt in dieser Gegend als alleinstehend."

Er führt auf immer neue Fährten und dabei wie ein umsichtiger Reiseführer durch sein Buch. Jede Ahnung erfährt bald darauf Bestätigung. Bis zur unvermittelten Auflösung. Mehr noch als mit Raffinesse besticht dieses Debüt atmosphärisch und mit Leichtigkeit im Ton.

Maxim Leo: Waidmannstod. Der erste Fall für Kommissar Voss. Kiepenheuer & Witsch; 288 Seiten,14,99 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.10.2014

Janina Fleischer

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