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00:18 21.09.2016
Risto Joost und die MDR-Klangkörper im Gewandhaus. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

„Herr, der Du bist der Gott, der Himmel und Erde und das Meer gemacht hat“ – der erste Einsatz des MDR-Chors fährt mit erhabener Kraft, marmorner Präzision und Schönheit durch Mark und Bein als tönende Glaubensgewissheit.

„Dir, Herr, will ich mich ergeben, Dir, dessen Eigentum ich bin“ – die rund sechs Dutzend Damen und Herren beherrschen auch die andere Seite der Medaille: Wohlig eich lassen sie den Choral leuchten. Sanft schimmert da die Seele durch Form und Harmonie hindurch.

Die intime Intensität, die der Leipziger Rundfunkchor hier erreicht, entrückt und schwebend, zeigt: Hier, im Gewandhaus, am Samstagabend im Rahmen der Mendelssohn-Festtage und als MDR-„Zauber der Musik“, ist einer der derzeit besten Chöre weit und breit zu hören. Bereits zum wiederholten Male in dieser Woche: Denn der hiesige Radio-Chor ist ohne Einschränkung auf Augenhöhe mit dem um rund ein Drittel kleineren Monteverdi-Choir unterwegs, der die letzten Leipziger Mendelssohn-Festtage eröffnete.

Chorchef Risto Joost hat die Einstudierung für sein Konzert selbstredend selbst übernommen, und das Ergebnis zeigt, dass er mit seinem Chor Anderes im Sinn hat als John Eliot Gardiner mit seinem Monteverdi-Choir, Anderes auch, als Andrew Manze im Großen Concert mit dem Psalm „Wie der Hirsch schreit“ und dem „Lobgesang“ damit angefangen hat. Während die Briten auf Linie setzen, den Klang eher als Wirkung denn als Ursache nehmend, geht Joost den umgekehrten Weg. Ihm scheint Homogenität alles, gerundete, samtene, üppige Schönheit.

Sie kommt im konkreten Fall Mendelssohn monumentalem Oratorium „Paulus“ zu Gute, das so in den Chorpartien in jedem einzelnen Takt klingt, als könne das alles gar nicht anders sein. Der Befund gilt im Grunde für alle Beteiligten: Dem erhabenen Schönklang des Chores bleiben die Solisten nichts schuldig. Nicht der grandios schlank, aber kraftvoll geführte Sopran Ilse Eerens’. Nicht Anneli Peebos üppiger Mezzo. Nicht der makellose Tenor-Strahl Maximilian Schmitts. Auch nicht der jugendlich autoritäre Bass Michael Nagys. Und hört man von der Klapperneigung mancher Bläser gerade an den Satzanfängen einmal ab, bleibt auch das Rundfunksinfonieorchester diesem Maßstäbe setzenden Oratorium aus dem Herzen der Romantik nichts schuldig. Warm glänzen da die Streicher um Konzertmeister Andreas Hartmann, aus dem Holz wehen traumschöne Solos herüber, machtvoll setzt das Blech seine Akzente.

Die Anfeindungen der historischen Aufführungspraxis prallen am klar und präzise wie kein zweiter MDR-Chef schlagenden Joost ab wie die Frohe Botschaft des Evangeliums an Saulus, bevor er zum Paulus wird. Das muss kein Schaden sein: Runde 150 Jahre ging „Paulus“ so musiziert als Meisterwerk durch. Und dass die Vibratofrage im Ernstfall jeweils autonom beantwortet wird, kommt auch in anderen Orchestern vor. Dass die Funkmusiker im Eifer des Gefechts schon mal zu laut werden, ist ebenfalls kein Einzelschicksal.

So kann der Hörer sich bequem ins Gewandhaus-Gestühl lehnen und sich am Klang von vorn erfreuen, zweieinhalb voll und satt und wohl tönende und hernach ausführlich bejubelte Stunden lang. Da allerdings liegt das (nicht allzu große) Problem dieser sehr schönen Aufführung: Sie kommt vor lauter Schönheit nicht recht in die Gänge. In sehr, sehr ruhigen Tempi stellt Joost monumentale Erhabenheit an die Stelle innere und äußerer Kämpfe um den richtigen Glauben. Der Hymnus tritt an die Stelle des Dramas. Ein Hymnus aber mit einem Weltklassechor, ebenbürtigen Solisten und potenziell erstklassigem Orchester.

Das Konzert ist für den Rest der Woche nachzuhören unter www.mdr-kultur.de. Das zweite große Mendelssohn-Oratorium gibt’s im Rahmen der Mendelssohn-Festtage am Donnerstag und Freitag, dann dirigiert Thomas Hengelbrock den „Elias“ mit dem ebenfalls sensationellen Balthassar-Neumann-Chor und dem Gewandhausorchester.

Von Peter Korfmacher

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