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00:23 13.09.2018
Motiviert: Sandro Standhaft im Kirchenschiff der Heilandskirche in Plagwitz. Quelle: Foto: Andre Kempner
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Leipzig

Von Sandro Standhaft aus könnte das Programm eher gestern als heute losgehen – auch wenn er weiß, dass das unmöglich ist. Denn noch gibt die Heilandskirche nur von außen ein schönes Bild ab; innen fehlt es an Ausrüstung und Infrastruktur, um das zu sein, was es werden soll: ein Anlaufpunkt für Kultur und Begegnung in Plagwitz. Um das zu ermöglichen, sitzt Standhaft seit kurzem hier, in der Rudolph-Sack-Straße 10.

Vor knapp drei Wochen trat der 48-Jährige den Job in der Kirchgemeinde Lindenau-Plagwitz an; zuvor hatte sich auf der Stelle Axel Zimmermann um Planung und Koordination gekümmert, konzentriert sich aber nun komplett auf seine Arbeit als Erzieher im Gemeinde-Kindergarten.

Der zweithöchste Kirchturm der Stadt nach der Peterskirche – die Heilandskirche ist stolze 86 Meter hoch. Quelle: Andre Kempner

Je mehr Möglichkeiten Standhaft für das Stadtteilzentrum Heilandskirche ausmacht, desto größer das Wachstum seiner Begeisterung – und das bei einem, der schon so einiges auf die Beine gestellt hat. Der Bruder von Rockgitarrist Tino Standhaft hob zusammen mit Michael Brunner 1992 das heute weltberühmte Wave Gotik Treffen (WGT) aus der Taufe; später leitete er acht Jahre lang das Kulturzentrum „Die Scheune“ in Stötteritz und arbeitete nach dessen Schließung als Projektleiter im Haus Steinstraße sowie im Plagwitzer Westwerk. Eine Menge Erfahrung, eine Menge Kontakte, eine Menge Ideen. All das kann nun ins Geschehen rund um die Kirche fließen, die trotz ihres mit 86 Metern zweithöchstem Leipziger Kirchturm – nach der Peterskirche – versteckt wirkt zwischen Häusern und Bäumen.

Sünde im Kirchenhaus

Im Inneren des 1888 eingeweihten Backsteingotik-Baus wartet auf Besucher eine architektonische Sünde, die mit der Zeit zum reizvollen Alleinstellungsmerkmal mutierte: In den frühen 1980er Jahren wurde auf Höhe der Emporen eine Zwischendecke eingezogen, um im unteren Teil ein Kirchenarchiv einzurichten. Dort liegen noch immer Reste der damals entfernten Kanzel. Einer der Effekte des Umbaus: Sitzt man im großen Saal, ist die Sauer-Orgel beinahe auf Augenhöhe, und die Entfernung zu den prächtigen Kirchenfenstern oder der kunstvollen Deckenbemalung ist weit weniger groß als üblich. „Eine ganz besondere Atmosphäre, vor allem wenn die Sonne alles flutet“, schwärmt Standhaft. „Hier können Konzerte stattfinden, aber auch Lesungen oder Theateraufführungen.“ Das Wesentliche, das zur Umsetzung fehlt, sind zunächst eine Verbesserung der Saalbeheizung für die kühlen Monate und veranstaltungsreife Technik wie Sound-Anlage und Licht. Das soll sukzessive angeschafft werden, durch Spenden, Fördermittel oder aus Töpfen der evangelischen Kirche.

Imposant: die Heilandskirche von innen. Quelle: Andre Kempner

Pfarrer Martin Staemmler-Michael findet schon lange, „dass das markante Gebäude wieder mehr mit den Leuten zu tun haben darf“. Die Kirche soll nach seiner Vorstellung nicht nur für Christen ein Anziehungspunkt werden, sondern religionsübergreifend ein Ort, an dem sich die Zivilgesellschaft trifft. „Zum ersten soll das Gebäude wieder wahrgenommen werden, zum zweiten kann hier die Frohe Botschaft aus der Bibel auch im Alltag präsent sein – in einem lebendigen, lockeren Miteinander.“ Nicht zuletzt spielt der wirtschaftliche Faktor eine Rolle. Sind die Räume so hergerichtet, dass sie vermietet werden können, kann mit Einnahmen kalkuliert werden – die unter anderem Standhafts Job als Projektleiter sichern. Der kann sich gut die Einmietung von Kulturmachern vorstellen, die andere räumliche Bedingungen brauchen, als die eigenen Säle bieten.

„Gecko“ soll bei der Finanzierung helfen

Der regelmäßige Kulturbetrieb soll im April 2019 anlaufen. Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, kann sich den 27. Oktober markieren – dann steigt im Saal das Benefizkonzert „Gecko“ zur Finanzierung des Stadtteilzentrums. Das Kirchenschiff ist übrigens nicht der einzige spannende Ort: Unter der Zwischendecke gibt’s bereits ein Café und kleinere Veranstaltungen; und auch die Fläche des Archivs springt Standhaft an, genutzt zu werden.

„Die Heilandskirche soll sich zu einem unverwechselbaren Veranstaltungsort entwickeln“, so der Projektleiter, „das wiederum schafft Aufmerksamkeit für die Gemeinde und ihre Arbeit.“ Die To-do-Liste Standhafts, um all dem nahe zu kommen, ist lang: Konzepte schreiben, Veranstalter in die Kirche einladen, Öffentlichkeitsarbeit vorantreiben, Facebook-Seite aktualisieren, technische Bedingungen und Bedürfnisse überprüfen und vieles mehr. Um stärker auf den kunstvollen Bau und dessen Wirkung aufmerksam zu machen, strebt er zudem ein Vorhaben unter dem Arbeitstitel „Kirche ins Licht“ an, das für eine stimmungsvolle Beleuchtung im Dunkeln kaum wahrgenommen Fenster sorgen soll. Ach ja, und die seit über 40 Jahren defekte Sauer-Orgel müsste restauriert werden...

Kein Wunder, dass die Pläne aus Standhafts Mund sprudeln wie die Kohlensäure aus seinem Glas Mineralwasser. Es gilt ein Dornröschen wach zu küssen, ein Dornröschen aus Backstein. „Mir ist klar – das wird noch etwas dauern“, sagt der Kulturmacher. Obwohl das Programm von ihm aus sofort losgehen könnte.

Von Mark Daniel

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