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18:12 22.10.2015
Ausstellung „Meistergrafik von der Moderne bis zur Gegenwart“ an der HGB in Leipzig.Bild: Roy Lichtenstein. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Da direkt auf die Meisterschüler die Meistergrafik folgt, ist die Frage naheliegend, ob es eigentlich Steigerungsformen des Begriff Meister gibt. Meist, Meister, am Meisten? Anders gefragt: Was haben – einfach mal so ins Gemenge gegriffen – Ed Ruscha und Benjamin Dittrich gemeinsam? Beide machen bzw. machten Druckgrafik, die als meisterhaft bezeichnet wird und in der Galerie der HGB zu sehen ist. Unterschiede sind, vorläufig, eventuell im Preis der Arbeiten auszumachen.

P.W. Richard (das W. steht offenbar für Winfried, die Bedeutung des P. lässt sich auch im Internet nicht ermitteln), ist ein freundlicher älterer Herr. In freier, rhetorisch gekonnter Rede erzählt der heutige Berliner Galerist leidenschaftlich von seinen Anfängen des Sammelns. „Hin und weg“ sei er gewesen, als er in den turbulenten 60ern Ausstellungen der Pop Art gesehen habe. Aus finanziellen Gründen hat er mit dem Kauf von Grafik aus Großauflagen begonnen. Einen Druck von Polke habe man bei der Griffelkunst für 10 DM bekommen. Aus dem Kompromiss wurde eine Passion und ein Beruf.

Erstmals sind Glanzstücke der Sammlung von Grafiken undZeichnungen des 20. Jahrhunderts des Berliner Sammlers P.W. Richardaußerhalb Berlins in der Galerie der HGB zu sehen. Darunter Arbeiten von Beuys, Christo, Lichtenstein, Warhol und Polke.

Eine private Kollektion ist von nichts anderem determiniert als dem persönlichen Geschmack des Sammlers. Den prägenden Eindrücken seiner Jugendjahre ist er dabei offenbar treu geblieben. Große Namen der amerikanischen Nachkriegsmoderne bestimmen das Bild. Am auffälligsten sind selbstverständlich die Vertreter der Pop-Fraktion mit den knalligen Farben. Großmeister Warhol ist lediglich mit einem Blatt aus der Katastrophen-Serie vertreten. Von Robert Indiana sind große Zahlen zu sehen, Lichtenstein ist mit den bekannten Comic-Verarbeitungen dabei. Und Robert Rauschenberg demonstriert, dass auch in der Druckgrafik das Collageprinzip anwendbar ist.

Doch es gibt auch Gegenpositionen zu der schrillen Popwelt. Beispielsweise minimalistische Strukturen von Donald Judd und Sol Lewitt. Auch einige europäische Künstler wie Antoni Tapies oder Eduardo Chillida heben sich ab. Von den Deutschen ist ohnehin mehr Schwermut zu erwarten. Gerhard Richter hat Mao bis zur Unkenntlichkeit weichgezeichnet. Joseph Beuys ist mit zarten Strichen präsent. Und Wolf Vostell bringt mit dem zugeschnittenen Zeitungsfoto von einer der Greueltaten im Vietnamkrieg eine politische Note hinein.

Der Titel „Meistergrafik von der Moderne bis zur Gegenwart“ erscheint ein wenig zu ausladend gewählt. Auf der einen Seite fängt die Sammlung erst mit der Nachkriegszeit an, auf der anderen gehören nur wenige der Künstler noch zu den Lebenden. Linda Schwarz ist eine davon und ist zugleich neben Agnes Martin eine der Vorzeigedamen in diesem Club der weißen Männer. Ungewöhnlich in technischer Hinsicht sind auch ihre Grafiken, die mit Oberflächenreizen spielen.

Trotz der subjektiven Vorlieben P.W. Richards muss die Ausstellung an diesem Ort mit dem Aufzeigen möglicher Vorbilder eine gewisse didaktische Aufgabe erfüllen. Dies wird noch dadurch unterstrichen, dass ein Workshop mit Linda Schwarz eingebunden ist. Allerdings ist die Bandbreite der künstlerischen Techniken deutlich geringer als bei anderen Zusammenstellungen von Druckwerken wie etwa der Leipziger Grafikbörse. Siebdruck und Handoffset dominieren.

Die Präsentation von Ausschnitten der umfangreichen Berliner Privatsammlung ist das erste Projekt unter einer neuen Leitung der HGB-Galerie. Ralf F. Hartmann, seit Jahren Prorektor der Hochschule, habe man für diese Aufgabe gewinnen können, heißt es in der Pressemitteilung. Viel Überredung oder gar Bestechung war zweifellos nicht nötig. Falls dieser Auftakt programmatischen Charakter hat, ist ein Richtungswechsel erkennbar, der ein Déjà-vu darstellt. Ausstellungen mit großen internationalen Namen prägten in den frühen Neunzigern, teils sogar zur DDR-Zeit, das Profil der Einrichtung. Damals war das Publikum dankbar, den Nachholbedarf an Weltkunst teilweise stillen zu können. Heute aber dürften wohl selbst blutjunge Studenten in den globalisierten Museen schon eine Menge an Werken der Nachkriegsmoderne gesehen haben. Insofern hinterlässt die Schau einen grundsoliden, aber eben auch leicht abgestandenen Eindruck.

Meistergrafik von der Moderne bis zur Gegenwart: bis 28. November, Di–Fr 14–18 Uhr, Sa 12–17 Uhr; Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstr. 11

Von Jens Kassner

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