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Menschliches und Psychologisches: Rosamund Gilmore inszeniert in Leipzig Wagners Ring des Nibelungen

Menschliches und Psychologisches: Rosamund Gilmore inszeniert in Leipzig Wagners Ring des Nibelungen

Frage: Der Leipziger ist Ihr erster Ring. Rosamund Gilmore: O ja! Es ist ein Privileg, aber auch eine große Verantwortung, es inszenieren zu dürfen. Das Rheingold ist eine in sich geschlossene Oper, aber auch der Vorabend für die Tetralogie .

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Regisseurin Rosamund Gilmore.

Quelle: André Kempner

auch der Vorabend für die Tetralogie ...

... die anderen drei Opern müssen mit angelegt sein. Vieles kehrt ja später wieder. Und doch muss man erst einmal anfangen, sich aufs Rheingold konzentrieren und nicht immer den ganzen Zyklus mitdenken. Auch wenn alles, was ich jetzt entscheide, Konsequenzen für den Rest hat. 2016 jedenfalls muss ein geschlossener Zyklus auf der Bühne stehen, dessen Teile auch einzeln funktionieren. Dann erst kann man über uns richten.

Im Wagner-Jahr gibt es kaum ein Haus, das sich nicht am Ring versucht. Und die historischen Annäherungen sind Legion. Wie positionieren Sie sich zu dieser Inszenierungs-Geschichte?

Die ignoriere ich. Ich habe mir meine Theater-Unschuld bewahrt: Noch immer stockt mir der Atem, wenn sich irgendwo ein Vorhang hebt. Diese vielleicht ein wenig naive Begeisterung möchte ich jedes Mal neu erleben - und vermitteln. Auch den so oft formulierten Anspruch, den Ring zu schmieden, die Welt zu erklären oder gar verändern, blende ich aus. Ich halte diesen Anspruch für überzogen.

Worauf setzen Sie stattdessen?

Dramaturgisch sind die Ring-Opern sehr clever gebaut, und natürlich begegnet man auch eminent politischen Aussagen. Die standen in den 70ern und 80ern im Zentrum vieler Regie-Konzepte, und das war richtig und wichtig so. Aber mich interessiert heute das Menschliche, das Psycholgische mehr.

Also sehen wir Menschen auf der Bühne, keine Götter?

Menschen mit göttlichen Accessoires, das, was seit jeher den Mythos ausmacht: Archetypen. Wotan ist der mächtige, der denkende Mann, der am Ende des Rheingolds explizit bekennt, dass sein Walhall auf wackligem Boden gebaut ist. Freia steht für Jugend und Schönheit, Alberich für das Böse und Getriebene. Ich zeige sie, wie sie sind, wie sie so werden - und dann sehen wir sie scheitern. Alle.

Wie stehen Sie zum sehr speziellen Deutsch der Ring-Dichtung?

Als Engländerin musste ich mich darauf sehr konzentrieren. Man könnte das natürlich alles übersetzen. Aber dann verlöre es seine Funktion.

Die da wäre?

Wagner versetzt uns in eine andere Welt, in ein anderes Zeitgefühl. Seine Sprache hilft dabei, aus dem Alltag herauszukommen in diese anderen zeitlichen Dimensionen.

Inhaltlich ist nicht immer leicht zu verstehen, was er meint ...

... das Problem sehe ich nicht. Denn das Publikum bekommt die wichtigsten Informationen nicht über den Text, sondern über die musikalische Dramaturgie und dadurch, wie die Sänger Sinn stiften.

Und was ist mit "Weia! Waga Woge, du Welle", den Nonsense-Versen, mit denen das Werk beginnt, wie ist das mit Sinn zu füllen?

Indem man sie einmal traurig singen lässt, einmal lüstern, einmal lustig. Werden diese Silben aus der Situation emotional gestaltet, zeigt sich besonders deutlich, dass nicht nur der Text die Information trägt.

Information liefert Wagner durch seine Leitmotive auch im Orchester. Muss man, um das Werk zu verstehen, zuvor die Leitmotiv-Tabelle auswendig gelernt haben?

Oh nein! Es gibt solche Spezialisten, und ich gönne ihnen das. Aber ich brauche die unmittelbare Ansprache an das Publikum.

Gleich das Vorspiel des Rheingolds ist nicht unproblematisch: Minutenlang hören wir da einen zerlegten Es-Dur-Akkord. Als Vorspiel vor 15 Stunden Ring ist das nachvollziehbar, aber vor dem zweieinhalbstündigen Rheingold verrutschen schnell die Dimension ...

Dafür habe ich eine visuelle Umsetzung gefunden, einen Wink von der Bühne, der zeigt, dass wir diese Dehnung der Zeit-Dimension ebenso empfinden. Wir beginnen zum Vorspiel mit einer Tanz-Installation, einer Metapher für die Geburt der Welt, die Wagner uns zeigt: Das Rheingold markiert für mich einen Übergangsmoment, den vom archaischen, vom zeitlosen Mythos in die Geschichte, den Moment, in dem die Hoffnung auf die Zukunft gerichtet ist.

In welchem historischen Umfeld ist Ihr Ring angesiedelt?

Wir beginnen in der Entstehungszeit, am Ende des 19. Jahrhunderts also, und landen in der Götterdämmerung bei uns. Wenngleich nicht eins zu eins: Fricka etwa ist sehr altmodisch, die hinkt hinterher, Brünnhilde ist sehr modern und immer ein, zwei Dekaden voraus.

Also eine moderne Inszenierung?

Was heißt modern? Moderne besteht für mich darin, wie die Sänger sich vermitteln, insofern sage ich: Natürlich ist meine Inszenierung modern. Mit Ausstattung und Kostümen aber hat das allenfalls in zweiter Linie zu tun. Man muss erzählen - und das geht nicht, wenn die Sänger an der Rampe stehen und bewegungslos das Publikum ansingen.

Nehmen Sie Rücksicht auf die Sänger?

Natürlich! Sie müssen singen können, das muss man respektieren, dazu gehört im Übrigen auch die akustische Qualität der Bühne. Es ist von Sänger zu Sänger verschieden, wie weit man gehen kann, sie ziehen die Grenzen, die ein Regisseur erkennen muss. Es gibt Stimmen, die unmittelbar unsere Seele erreichen.

i"Das Rheingold", Premiere: 4. 5., 19 Uhr, Vorstellungen: 18.5., 8., 16.6.; Karten und Infos unter Tel. 03411261261; www-oper-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.04.2013

Peter Korfmacher

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