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„Mich trieb ja nichts" - Vom Internet-Pionier zum Verleger: Andreas Vent-Schmidt

„Mich trieb ja nichts" - Vom Internet-Pionier zum Verleger: Andreas Vent-Schmidt

Der Leipziger VentVerlag ist klein, jung und unabhängig. Inhaber Andreas Vent-Schmidt will Bücher produzieren, die gleichzeitig anspruchsvoll und unterhaltsam sind.

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Andreas Vent-Schmidt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Da ist er nicht der Einzige. Aber er ist konsequent. Vent-Schmidt weiß, was er will. Auf der Website seines Verlags liest sich das Ausschlussverfahren so: „Ihre Chancen steigen um ein Vielfaches(!), wenn Sie Ihr Manuskript über eine Literaturagentur anbieten."

Und: „Bevor Sie Ihr Manuskript schicken, prüfen Sie bitte, ob es in unser Verlagsprofil passt. Wir veröffentlichen z.B. keine ,Enthüllungsberichte‘, Autobiographien oder Fantasy-Romane." Da fällt schon eine Menge weg.

Drei Bücher sind 2012 bei ihm erschienen, „andere machen 20", sagt Vent-Schmidt, doch für ihn sind drei auch viel, denn er betreibt den kleinen VentVerlag nur nebenbei. Vielleicht ist es das, was ihn so gelassen wirken lässt. Die stilisierten Windmühlenflügel im Logo haben nichts mit Don Quijote zu tun, sondern mit Vent wie ventilare, „Wind erzeugen". Wind, doch keine heiße Luft. Der Verleger geht es gelassen an. „Mich trieb ja nichts." Und ein bisschen spielte ihm auch der Zufall in die Hände. Das erste Buch war vor gut zwei Jahren „Tut’s schon weh?", eine Anthologie der Lesebühne Cottbus, Vent-Schmidt selbst einer der Autoren. Das sei doch sehr popkulturell und „nicht das, wo ich hinwill", räumt er eine. Dass aber die Startauflage von 300 Stück fast vergriffen ist, sei schon etwas Besonderes. Insider sagten, dass man vom ersten Buch kaum mehr als 100 Stück verkauft.

Bei einer Veranstaltung im Leipziger Café Telegraph hat er den Schriftsteller Bertram Reinecke kennengelernt, ein Wort ergab das andere, eine Begegnung die nächste – und Vent-Schmidt wurde gefragt, ob er die erste große Anthologie von 23 in der Freien Literaturgesellschaft vereinten sächsischen Autoren drucken wolle. „Da habe ich mal geschaut, wer die Mitglieder sind und sah: Andreas Reimann, Manfred Jendryschik, Volker Ebersbach, Roswitha Geppert, Jan Flieger, Henner Kotte, Dieter Mucke ... Das waren auf einen Schlag die interessantesten und bekanntesten Autoren der Region." Im März ist „Der Mars vor der Haustür" erschienen. Volker Ebersbach war so angetan von der Zusammenarbeit, dass im September seine Erzählungen und Erinnerungen folgten: „Die letzte Fahrt der Württemberg".

E-Books sind keine Lösung

Für „Die fünfte Etage" hat Vent-Schmidt die Grafikerin Silke Kowalski ins Boot geholt. Ihre Arbeiten illustrieren Erzählungen von Eric Jan Faust. „Ich wollte ein schönes Buch, das man gern in die Hand nimmt." Die Gestaltung überlässt er „Leuten, die das können". Bücher zusätzlich als E-Books zu veröffentlichen, kann er sich für sein Programm nicht vorstellen. Diese Form passe eher zu schnelllebigen Sachen, zu Fachliteratur oder Büchern, die man sich eben nicht in den Schrank stellt.

Mit technischen Entwicklungen nichts am Hut zu haben, kann man Vent-Schmidt dabei nicht vorwerfen. Immerhin gehörte er 1995, als das Internet nach Europa schwappte, zu den ersten und wenigen, die sich gleich darauf gestürzt haben. 1996 war er Mitbegründer des ersten Online-Berlin-Magazin. „Es war eine aufregende Zeit." Heute entwickelt er mit seiner Internet-Agentur procommerz Software, entwirft Webseiten beispielsweise für Online-Shops. So könne er sich den Luxus leisten, einen Verlag zu führen, der nicht sofort profitabel sein muss. Andreas Vent-Schmidt erfüllt sich einen Jugendtraum. Schon früh hatte er angefangen zu schreiben und gedacht: „Das wäre wunderbar, wenn du selbst Bücher machen könntest." Doch zunächst war es wichtiger, Geld zu verdienen. Und wieder gilt: Ihn trieb ja nichts.

1966 wird er in Görlitz geboren. Seinen Studienplatz für Maschinenwesen gibt er noch während der Armee-Zeit zurück, wird später Facharbeiter für Anlagen und Geräte – „man musste ja einen Beruf haben". Später arbeitet er als Journalist, DJ, gründet eine Punkrock-Band und die Lesebühne Cottbus. Er lebt in Berlin, Cottbus, Neuruppin, Görlitz, Leipzig ... Inzwischen sind Vent-Schmidt und seine Lebensgefährtin, die Choreographin Gundula Peuthert, in Kieselbach in der Nähe von Hartha zu Hause.

Überheblicher Anspruch?

Hier schaut er sich die Manuskripte an, von denen zwei bis drei in der Woche mit der Post kommen. Gerade liege ein vielversprechendes Roman-Manuskript auf seinem Schreibtisch. Andererseits staune er oft, wie Menschen, die noch nie etwas geschrieben haben, sich irgendwann hinsetzen im Glauben, es sofort zu können. „Bei jedem anderen Beruf aber verstehen sie, dass man ihn lernen muss."

Er mag nichts lesen, was austauschbar ist, nichts, was nicht auch etwas über den Autor erzählt. Worüber jemand schreibt und wie – das sollte spürbar etwas mit dem Autor zu tun haben. Vielleicht, sagt Andreas Vent-Schmidt, klinge sein Anspruch ein bisschen intolerant, womöglich sogar überheblich, aber wenn man nicht einmal selbst den Anspruch hat? „Kompromisse werde ich sowieso machen müssen."

Bei der Auswahl seiner Lektüre meidet er Bestsellerlisten. Unterhaltungsliteratur vergleicht er mit Tanzmusik. „Die wird nur für den Zweck komponiert, dass man dazu tanzen kann. Aber es muss deshalb keine schlechte Musik sein."

Der Verleger ist als Autor auch streng mit sich selbst. Im eigenen Schreiben probiert er unterschiedliche Genres, hat ein Libretto verfasst, einige Theaterstücke. „Die Idee sucht sich ihre Form", sagt er. Es treibt sie ja nichts.

Janina Fleischer

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