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Kultur Mikrokosmos Kolle: Porträt eines kleinen Leipziger Szene-Viertels
Nachrichten Kultur Mikrokosmos Kolle: Porträt eines kleinen Leipziger Szene-Viertels
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10:59 01.06.2016
Das Stoned in der Kolonnadenstraße. Quelle: Wolfgang Zeyen
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Leipzig

Poetry-Slammerin und Autorin Nhi Le wohnt in der Nähe und ist viel in der Kolonnadenstraße unterwegs. „Für mich ist die Architektur einzigartig“, findet sie. „Ehemalige Luxus-Platten reihen sich an Altbauten. Wenn es um die Fassaden geht, gibt es immer so viel zu erzählen, weil die Häuser hier einfach nicht gewöhnlich sind.“ Aber auch die Lage an sich ist reizvoll für Nhi: „Die Kolonnadenstraße selbst bietet ja auch alles, was man braucht, grob gesagt: Supermarkt, Café, Möglichkeit zum Abhängen.“

Das Café ist das Café Tunichtgut. In einem lichtdurchfluteten Raum kann man hier in schlichter, aber sehr stilvoller Einrichtung spannende Speisen zu absolut fairen Preisen genießen. Es ist eine Art entspannter Schmelztiegel, in dem man junge Kreative auf Hockern mit ihren Rechnern am Fenster sitzen sieht, während zwei Tische weiter eine Familie mit kleinen Kindern gemütlich Kuchen isst, und am anderen Ende des Raums ein Student seine Eltern zum Essen ausführt. Im Tunichtgut findet auch ein Seniorencafé statt.

Abhängen lässt es sich bestens im Stoned, das seit 2005 Punk ’n’ Roll in der Kolonnadenstraße ein Zuhause bietet. Derek Hedges ist 2006 miteingestiegen und kümmert sich derzeit nach einer Auszeit komplett um die Kneipe. Damals war in der Kolonnadenstraße noch viel Leerstand. Derek war von Anfang an in das Viertel verliebt und beschreibt die Straße als Mikrokosmos. „Wir sind eigentlich eine große Familie, auch die Nachbarn.“ Man grüßt sich und findet hier alles vom Punk bis zum Rentner, Leute mit Anzügen oder in Blaumännern. Das spiegelt sich auch in der Kneipe wider. „Man hat jede Art von Person an der Bar sitzen, von jung bis alt, ob Student, Rentner oder Musiker. Das macht, glaube ich, auch den Reiz aus“, erklärt Derek.

Mischmasch aus Altbekanntem und Hippness

Das bleibt natürlich auch nach der Wiedereröffnung des Stoned so, das sich vor Kurzem von der alten DDR-Elektrik trennen musste und dabei komplett renoviert hat. „Das Flair soll natürlich bleiben, es soll eine urige gemütliche Kneipe sein, in der man sich wohlfühlt“, erzählt Derek. Das Küchenangebot soll aber noch ausgebaut werden, insbesondere mit veganen Gerichten. „Ich freue mich auf die Resonanz. In den Jahren davor war sie immer gut.“ Im Vergleich zu den anderen Läden ist das Stoned mit am Längsten vor Ort. Aber alle gehören dazu: „Wir würden den Fahrradmann oder den Friseur auch vermissen, wenn sie weg wären, und das würde den anderen wohl genauso gehen.“

Auch das macht die Szene in der Kolle einzigartig. Natürlich gibt es hier Veränderungen: „Als ich in die Straße zog, konnte man die Landschaft als Mischmasch aus altbekannten Anlaufstellen wie dem russischen Laden und hippen Orten bezeichnen“, berichtet Nhi Le. „Mittlerweile haben der eher in die hippe Schiene einzuordnende Plattenladen und die anliegende Galerie geschlossen. Auch die wunderbare Videothek Memento ist zu, dafür kam irgendwann eine Craft-Beer-Bar hinzu. Ich hab das Gefühl, dass Dinge sich hier schnell entwickeln können.“ Und mitunter auch schnell wieder schließen – aber das muss nichts Schlechtes bedeuten: „Memento war ja fünf Jahre lang ansässig, und die anderen hippen Läden halten sich ebenso.“

Tatsächlich halten sich viele der Orte, die die Kolonnadenstraße auszeichnen, schon länger: der Friseurladen Haarmetzgerei zum Beispiel, der oft den Vorbeigehenden ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Auch der Mzin-Book­store, wo Liebhaber von Design und Kunst immer etwas zu schmökern finden, gehört fest in die Kolle. Dann wäre da die Libelle, ein libertärer Laden und Treffpunkt. Noch recht neu in der Kolle ist das Goldhopfen. Jann und Cathrin van der Brelie servieren hier seit Herbst 2015 Craft Beer. In charmant unverputzten Wänden auf rustikalen Stühlen kann man hier ein Probierangebot genießen oder sich ausgiebig beraten lassen.

Definitiv ein Mikrokosmos

Sie haben fast zwei Jahre lang nach einem passenden Ort gesucht, und wie das Schicksal es so will, sind sie immer wieder an der Kolonnadenstraße vorbeigefahren. Jann erzählt: „Das erste Mal waren wir hier, als ich das Café Tunichtgut mit unserem eigenen Bier beliefert habe.“ Dann sind sie zwei, drei Mal an diesem Laden vorbei gefahren, der irgendwie rumpelig und leer war, und dachten sich Mensch, warum machen wir es denn nicht hier?

Die Beziehung zu den anderen Unternehmern ist sehr gut, man hält zusammen. Jann bestätigt: „Die Kolle ist definitiv ein Mikrokosmos“, und fährt fort: „Die Kolle ist irgendwie alles und gar nichts, und ganz, ganz viel und noch mehr gleichzeitig oder so.“ Für Jann als ehemaliger Kreuzberger ist die Kolle die berlinerischste Straße in Leipzig. Man trifft hier auf der einen Seite den wohlsituierten Architekten, auf der anderen den Trupp Arbeiter, der vor dem Kiosk sein Feierabendbier trinkt. „Diese Mischung hat man auf so kleinem Raum eher selten in Leipzig.“ Jann hat sich auf Anhieb wohlgefühlt und damit ist er nicht allein. Auch Nhi Le erzählt: „Für mich ist es immer wieder etwas Besonderes, Besuch mit in das Viertel beziehungsweise die Straße zu nehmen. Der Straßenzug ist einzigartig, und meist hat man vorher noch nichts Vergleichbares gesehen.“

Von Miriam Heinbuch

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