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Kultur Mit 18 ist es keine Kunst, eine Band zu gründen: Vier Leipziger Szenehelden proben Comeback
Nachrichten Kultur Mit 18 ist es keine Kunst, eine Band zu gründen: Vier Leipziger Szenehelden proben Comeback
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19:20 27.05.2014
Erhobenen Hauptes: Peter Krutsch, Jörn Drewes, Torsten Reitler und Matthias Keppler (von links). Quelle: PR

Hier fern des Tageslichts probt das Quartett unter dem Namen "Reitler". Die Herren greifen zu ihren Instrumenten und verwandeln sich - gar nicht.

Konzentriert proben sie ihre Stücke. Wenige Tage vor der Premiere im "Noch Besser Leben" sitzen die Songs wie maßgeschneiderte Anzüge. "Sie nimmt mich mit in den Himmel/ doch hier gehöre ich nicht hin", heißt es im ersten Lied. Dazu schrammeln abgehangene Gitarren; Bass und Schlagzeug halten sich dezent im Hintergrund. Die Musik wirkt so aufgeräumt wie der Proberaum.

Klar ist das Indierock. Dafür stehen schon die Musiker: Torsten Reitler war in den Neunzigern mit seinen Bands "Scandalous Smile" und "Kosmos" auf dem Weg zum Szenestar. Drummer Peter Krutsch saß dabei bereits hinterm Schlagzeug. Bassist Matthias Keppler hatte in den Achtzigern Hits mit der "M. Jones Band" und spielte auch mit Krutsch schon zusammen. Jörn Drewes kennt man als Gitarristen von "Willkommen zuhause Laika", oder als Veranstalter in seinem Klub "Ilses Erika".

Erwachsene Leute allesamt. Das zeigt nicht nur die Kleidung (Adidas gibt's hier nicht - weder in Form von Trainingsjacken, noch als Schuhwerk), auch die Wasserflaschen auf den Verstärkern sprechen eher für Vernunft als für Exzess. Es ist ein Wochentag und morgen geht's wieder zum Job.

"Manchmal fragt mich jemand, warum ich noch einmal mit einer neuen Band anfange", erzählt Torsten Reitler in einer Probenpause. Am Ruhm besteht nur noch minderes Interesse, und vor Rock'n'Roll-Abstürzen schützt die Familie. Was ist es also? "Da will was raus. Es geht um eine Stimmung, die unserem Alltag gerecht wird." Das klingt ein bisschen nach Alterswerk, aber: "Mit 18 ist es ja keine Kunst, eine Band zu gründen."

Ein paar Jahre später gibt es Wichtigeres - dafür haben die Musiker ihren eigenen Stil entwickelt. Das Klirren von Jörn Drewes Gitarre zum Beispiel klingt markant und rockt Hamburg-geschult. Peter Krutsch und Matthias Keppler streuen gelegentlich eine Brise Jazz und Blues in den Sound. "Wir wollen dieses Klangbild der späten Fünfziger, irgendwo zwischen Rock'n'Roll und frühem Beat." Die Musik soll auf einer WG- oder Gartenparty komplett unverstärkt funktionieren und in einem Kellerclub mit Strom genauso. Da hilft Routine und noch etwas spricht für die vier: Im Laufe der Jahre nehmen die Eitelkeiten ab. Hier spielt sich keiner in den Vordergrund.

Gut so, denn dort sind schon Reitlers Texte. Der hat die Liebe für sich entdeckt. Singt Zeilen wie: "Es ist ok/Liebe tut weh". Das ist eine neue Facette in seinem Schaffen. "Früher standen solche Texte für mich unter Schlagerverdacht, aber das ist Quatsch." Tatsächlich reimt Reitler geschliffen, doch vor allem schützt ihn die Attitüde. In einem Lied bezeichnet er die Besungene als "süß wie Marzipan und wilder als Tadschikistan", im Refrain singt er "Mademoiselle, ich liebe Sie/ das ist keine Ironie" - mit derart ernsthafter Miene, dass der Zuhörer sich selbst überlegen kann, wo er hier Augen zwinkern sieht.

Schrammeln und Charme im Text - dieses Prinzip hat sich im deutschen Indiepop bewährt. Neben den Hamburg-Rockern schwirren Referenzen wie Erdmöbel oder Element of Crime durch den Proberaum. Reitler spielen Balladen ("Gold oder Stroh"), Pop mit Reggae-Beat ("Bikini-Wetter") oder gar Nummern mit Country-Einschlag ("June Carter").

"Wenn Du kommen willst" ist ein Song mit einem klassischen Rockriff. So etwas läuft auch bei coolen Collage- oder Uniradios. Nach dem Stück nimmt Jörn Drewes einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. Ins Schwitzen kommen auch erwachsene Gitarristen.

Reitler am Freitag, 20.45 Uhr, Noch Besser Leben (Merseburger Straße 25), Eintritt Spende; Dienstag, 19.30 Uhr, Ilses-Erika-Sommerbühne (Bernhard-Göring-Straße 152), Eintritt frei

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.05.2014

Uwe Schimunek

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